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Atelier und Straße
Zu den Wurzeln der Ausstellung "Mehr als das Auge fassen kann"




Andreas Gursky, Tokio Börse, 1990
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Seit den späten siebziger Jahren gehört die Fotografie zum Kanon der bildenden Kunst. Allerdings bewegte sie sich von Anfang an zwischen den Polen Atelier und Strasse, Inszenierung und Dokumentation. Anlässlich der Ausstellung "Mehr als das Auge fassen kann" zeigt Ulf Erdmann Ziegler wie sehr diese Dualität das Medium bis heute prägt.

An der Tür des Pariser Fotografen Eugène Atget stand: Documents pour artistes, das ist hundert Jahre her. Jetzt zählt sein Werk zum Kernbestand des New Yorker MoMA. Dort begann vor vierzig Jahren die Kanonisierung der Fotografie, die mit den Retrospektiven von Andreas Gursky und Lee Friedlander als abgeschlossen gelten kann.

Gursky mit seinen gigantischen Vistas auf die Schauplätze der globalen Wirtschaft – in Farbe –, und Friedlander mit seinen reflexiven schwarzweißen Durchdringungen sind zwei Repräsentanten dessen, was man mit Fotografie anfangen kann. Sofern man zum Fotografen berufen ist. Friedlander war bereits mit vierzehn Jahren einer – eine Art Bekehrung in der Dunkelkammer – und Gursky ist in einem gewerblichen Fotostudio groß geworden.



Gotthard Graubner, Ohne Titel
(Buddhistisches Kloster in Bhutan/ Himalaya), um 1976
Sammlung Deutsche Bank. © Gotthard Graubner

Vor einigen Jahren wurde der Wettlauf von Hase und Igel also entschieden: Fotografie ist Kunst. Diese Haltung hat einen enormen Vorteil: Wäre die Polarität zwischen bildender Kunst und Fotografie nichtig, dann müsste sie auch nicht mehr untersucht, beschrieben und dargestellt werden. Umgekehrter Zen: das Ziel ist der Weg.

Die Fotografie der Deutschen Bank ist Teil einer Sammlung von "Arbeiten auf Papier", das heißt, sie steht im Kontext anderer künstlerischer Arbeiten. Eine Gemeinsamkeit von Arbeiten auf Papier, formal gesehen, besteht darin, dass sie unter Glas präsentiert werden; eine andere ist die, dass Arbeiten auf Papier vom Publikum selten als Hauptwerk angesehen werden. Zeichnungen, zum Beispiel, dienen oft als Schlüssel der Interpretation, Bindeglied zwischen Leben und Werk, dem Experten wertvoller und zugänglicher als dem Laien. In der Tat gibt es in dieser Sammlung etliche Arbeiten von bildenden Künstlern, die eine Suche oder einen Moment der Transgression beschreiben: Gerhard Richters Selbstversuche als grauer Höhlenmensch, Gotthard Graubners wohl heimlich entstandenen Protokolle aus einem Kloster im Himalaya, Imi Knoebels fotografische Notizen seiner Lichtskulpturen im Atelier. Es handelt sich in erster Linie um Erfahrungen und in zweiter Linie um Fotografien.

Für bildende Künstler wie Pierre Bonnard, George Grosz oder Cy Twombly ist die Fotografie eine Bereicherung des Alltags gewesen, die willkommene Möglichkeit zur Versenkung in eine fremde Technik – weniger Kunst, sondern eher künstlerische Tätigkeit. Das gilt, in unterschiedlichen Graden, auch für Richter, Graubner und Knoebel.



Raimund Kummer, M&C, 1989
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Es gilt aber nicht für Astrid Klein, Jürgen Klauke, Katharina Sieverding und Raimund Kummer. In ihre Ateliers ist die Fotografie als originäre Kunstform eingezogen. Bei Klein grenzt das Atelier an die Dunkelkammer. Bei Klauke dient die Kamera als einsamer Betrachter des grotesken Geschehens auf einer Bühne. Bei Sieverding ist die fotografische Kamera, wie in Hollywood, ein Medium der Idolatrie. Bei Raimund Kummer wandert die Fotografie von der Miniatur über das Zitat in den Baukasten, wo sie wuchert, bis Atelier und Bild ununterscheidbar voneinander werden.



Katharina Sieverding, Life-Death, 1969/95
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

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