In dieser Ausgabe:
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>> Beat Streuli
>> Mehr als das Auge fassen kann
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Ihre nächste Arbeit "Hospital" mit ihrem teilweise fast surrealen Witz wirkt wesentlich inszenierter. Wie kam es zu diesem Bruch?

Die Lehrerbilder sind stärker inszeniert als man meint. Wobei für mich die Lehrer gar nicht im Mittelpunkt der Bilder stehen, sondern die Räume. Der Raum als Bühne war mir immer sehr wichtig. Tatsächlich sind die Räume in der Hospital-Serie dann auch dokumentarisch, indem sie tatsächlich so sind wie sie sind – physikalische Therapie, Präparationssaal und so weiter. Aber ich wollte weg von diesem Angewiesensein auf das Vorhandene. Ich habe schon sehr früh gedacht, dass mir das zu wenig ist. Ich wollte gern stärker eingreifen, "skulpturaler" arbeiten, meine eigene Welt erschaffen.


Daniela Steinfeld, Multiple Mind, aus "Studio", 1999-2000,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006


"Multiple Mind" aus der Studio-Serie wirkt, als würden aus einem Körper mehrere Köpfe oder Gehirne austreten. Haben Body Horror Filme wie etwa von David Cronenberg für Ihre Arbeit eine Rolle gespielt?

Bewusst sicher nicht, aber natürlich ist es so, dass ich wie jeder andere auch einen unendlichen Fundus von Bildmaterial aus Filmen, Literatur, Comics oder Märchen in mir trage ¬ ob ich das will oder nicht. Das speist natürlich meine Fantasie. Multiple Mind und die anderen Bilder, für die ich mit Schaumstoff gearbeitet habe, entstanden aus der Beschäftigung mit einem Song von John Lennon, in dem er singt I am crippled inside. Das soll jetzt nicht pathetisch daher kommen, nach dem Motto: Wir sind alle innerlich verkrüppelt. Aber ich habe mich gefragt, wie kann das denn aussehen? Ich habe ja ganz klassisch als Porträtfotografin angefangen und war ständig unzufrieden, dass ich immer nur die Oberfläche der Leute abgebildet habe. Trotz langer, toller Fotosessions ist nie das herausgekommen, was ich empfunden habe. Die Beschäftigung mit dem Raum und später dann mit den skulpturalen Elementen, den Verformungen, kam daher, dass ich das Bedürfnis verspürt habe, den Menschen visuell noch etwas hinzuzufügen. Weil sonst das, was ich sagen will, gar nicht lesbar ist. Das ist also nicht unbedingt Körperkunst. Der Körper ist nur das Medium, das eine bestimmte Befindlichkeit anzeigt.

Welche Befindlichkeit?

Das liegt im Auge des Betrachters, denn die Bilder funktionieren wie Poesie. Im Gegensatz zu den Lehrerbildern beruht die Studioserie auf einer sehr assoziativen Vorgehensweise. Auch für den, der sich die Bilder anschaut, ist es möglich, sehr vielfältige Assoziationen zu entwickeln. Es ging mir weniger um Körperdeformation im Sinne von Leid oder Tragik sondern eher um Übertreibungen, Karikatur oder Witz.



Daniela Steinfeld, She's the latest and the greatest of them all,
aus "Sexy Sadie", 2001,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006





Daniela Steinfeld, Inside-Outside Thing, 2001,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Wie wichtig ist Ihnen das Performance-Element?

Ich bin auf diesen Bildern als Material vorhanden. Dabei habe ich nie die Selbstinszenierung als Form eines Selbstporträts verstanden. Vorher war ich immer auf den Goodwill anderer Leute angewiesen, ich wollte aber ganz frei arbeiten. Diese Studio-Serie ist auch entstanden, um ganz klassisch in einem Atelier fotografieren zu können. Die Bilder habe ich von innen heraus entwickelt und mir dann einen sehr engen formalen Rahmen gesetzt. Ich wusste am besten, was ich wollte und mich hätte es nur genervt, wenn ich noch jemanden hätte dirigieren müssen. Es ist also aus einem Arbeitsvorgang entstanden, deshalb sieht man auch nie mein Gesicht. Ich bin als Person fast nie zu erkennen.



Daniela Steinfeld, Elefant, 2001,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Das Gemachte, Künstliche Ihrer Inszenierungen ist immer deutlich zu sehen.

Das ist mir sehr wichtig. Genauso wie man in der Studio-Serie das Studio auch erkennt, gehört das Material genauso mit dazu. Die Studiobilder sind ja eine Vorführung für die Kamera. Und ich führe auch vor, wie das gemacht ist. Ich fand das immer super, dass man genau erkennen kann, dass es nur Schaumstoff ist. Aber trotzdem ist es auch diese alienartige Gestalt. Es ist immer das platte dumme Material aus der realen Welt und gleichzeitig ist es dieses merkwürdige Ding, das auf etwas ganz anderes verweist – auf eine undefinierbare Innenwelt. Diese wolkigen Ausformungen des Schaumstoffs sind ja gerade nicht knallhart definiert. Für den Betrachter bleibt das kryptisch. Und dann verwende ich noch seltsame Titel, die eher wie Gedichtzeilen wirken oder aus Songtexten wie etwa Sexy Sadie von den Beatles stammen. Jedes Bild der Werkgruppe ist nach einer Zeile aus diesem Song benannt, was dann noch mal eine andere Ebene hinein bringt.



Daniela Steinfeld, Boddeker's Car, Texas, 2002,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006

2004 haben Sie ihre Galerie VAN HORN mit einer Robert Crumb Ausstellung eröffnet. Was hat sie bewogen, mit diesem Projekt anzufangen?

Es gab zwei Motivationen: selber sehen und selber machen. Ich hatte das Gefühl, ich muss meine Arbeit noch mal in eine völlig andere Richtung erweitern, denn meine Studio-und Performance-Arbeiten waren für mich vollständig abgeschlossen. Ich habe mich immer sehr stark für die Kunst von Kollegen interessiert. Dabei geht es gar nicht darum, meine eigene Arbeit damit "aufzumotzen", sondern weil mich das zutiefst berührt und fasziniert. Und es gab einfach ein paar Sachen, die ich selber unheimlich gern sehen wollte. Robert Crumb hat ziemlich viel, wenn man mal über das Medium hinweg sieht, mit einem Teil meiner Arbeit zu tun, das überzeichnete, voluminöse, das absurde, das hässliche. Dieses völlig autarke, unglaublich Eigensinnige von Robert Crumb hat mich sehr beeindruckt.


Daniela Steinfeld, Stehender Jüngling, aus "Manmountain", 2003,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Die nächste Ausstellung präsentierte Arbeiten von Rudolf Steiner. Wie verbindet sich das?

Das wirkte auf viele Besucher wie ein großes Fragezeichen, eine Aufforderung zur Auseinandersetzung. Zwischen diesen beiden Polen findet für mich der Kosmos der Kunst statt. Weil sie beide so extrem sind, treffen sie sich auch wieder in ihrer unglaublichen Obsessivität. Die Künstler, die ich ausstelle, müssen mich faszinieren, egal ob sie etabliert sind wie Tracey Moffat oder ganz jung wie Manuel Graf oder Jan Albers. Es muss nichts mit mir als Künstlerin zu tun haben, vielleicht eher im Gegenteil, es muss mir, und dann hoffentlich nicht nur mir, Erkenntnisgewinn' bringen. Ich muss, wenn ich in diese Ausstellung gehe, denken: Wow. Ist das toll!

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