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Abschied von der realen Welt:
Ein Interview mit Daniela Steinfeld


Vom Klassenzimmer zu befremdlichen Inszenierungen zwischen Freak- und Peep Show – in ihrer Fotografie hat sich Daniela Steinfeld rasch von ihren dokumentarisch geprägten Typologien verabschiedet. In ihren späteren Arbeiten erweitert die Becher-Schülerin ihr fotografisches Œuvre mit performativen und skulpturalen Elementen, um das Innenleben ihrer Figuren darstellbar zu machen. Achim Drucks hat die Fotografin, deren Serie "Klassenzimmer" gerade mit der Ausstellung "More than Meets the Eye" – Fotokunst aus der Sammlung Deutsche Bank durch Lateinamerika tourt, in ihrem Düsseldorfer Studio zum Interview getroffen.


Daniela Steinfeld
Foto:
Achim Drucks


Glücklich waren die Lehrer nicht über ihre Wirkung auf den Bildern der Serie Klassenzimmer. Ein verständliches Gefühl, denn auf Daniela Steinfelds Fotoarbeiten wirken sie, isoliert in öden Klassenzimmern sitzend, müde und abgekämpft. Diese Fotoserie entstand ganz am Anfang von Daniela Steinfelds Zeit an der Kunstakademie Düsseldorf, wo sie bei Bernd Becher und Jan Dibbets studiert hat. Schon in ihrer nächsten Serie Hospital verabschiedet sich die Fotografin von nüchternen Typologien und inszeniert – teils mit Krankenhauspersonal, teils mit Freunden – rätselhafte und absurde Situationen in der Pathologie oder vor der Fototapete im Raucherzimmer.



Daniela Steinfeld, aus der Serie "Klassenzimmer", 1994,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

In vielen ihrer späteren Arbeiten agiert Steinfeld selbst vor der Kamera und inszeniert sich als alienartiges Wesen. Dabei verwendet sie ganz einfache Materialien. Mit in Nylonstrümpfe gestopften Schaumstoffstücken verfremdet sie ihren Körper. Sie verhüllt ihn in metallisch glänzenden Folien, oder verbirgt ihr Gesicht hinter stereotypen Plastikmasken aus One Dollar Shops. Derzeit setzt sie sich mit den Anfängen der Fotografie auseinander, arbeitet in Schwarz Weiß, experimentiert mit klassischem Barytpapier und verschiedenen Colorationstechniken.



Daniela Steinfeld, Jägerin, 1999-2000,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Daniela Steinfeld lebt und arbeitet in Düsseldorf. 1997 war sie Artist in Residence der Chinati Foundation in Marfa, Texas, 2002 am Irish Museum of Modern Art in Dublin. Seit 1998 zeigt sie ihre Arbeiten regelmäßig in der New Yorker Sara Meltzer Gallery. In Düsseldorf betreibt sie seit 2002 ihre Galerie Van Horn, benannt nach einem kleinen Ort in der Nähe von Marfa an der texanisch-mexikanischen Grenze.


Daniela Steinfeld, aus der Serie "Klassenzimmer", 1994,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Achim Drucks: Die Lehrer in Ihrer Serie "Klassenzimmer" erinnern mich sehr an meine Schulzeit. Sie bringen für mich den ganzen Muff der späten Siebziger Jahre zum Vorschein. "Verliebt in den Lehrer" kommt einem da nicht gerade in den Sinn.

Daniela Steinfeld: Ich war noch nie in irgendeinen meiner Lehrer verliebt. (lacht)
Ich hatte immer schon ein Riesenproblem mit Autorität, aber nur dann, wenn ich sie als anmaßend empfunden habe. Das kam damals natürlich aus einer sehr pubertären, rebellischen Haltung. Diese Arbeit spiegelt die Erfahrungen meiner Schulzeit wider. Die Lehrer, die darin zu sehen sind, waren ja zum Großteil tatsächlich die Lehrer, die mich unterrichtet haben. Ich bin für diese Serie etwa 10 Jahre nach dem Ende meiner Schulzeit wieder an meine alte Schule zurückgekehrt. Die Lehrer waren alle noch da. Sie sahen auch alle noch genauso aus wie damals, auch die Schule hatte sich kaum verändert.

Die dokumentarische Nüchternheit dieser Serie erinnert noch sehr stark an die Typologien von Bernd und Hilla Becher, bei denen Sie studiert haben.

Die Lehrer-Serie ist die allererste Arbeit, die ich in der Becher-Klasse gemacht habe. Da steckte ich natürlich noch sehr in dem Prozess, das alles aufzunehmen. Aber ich habe ja auch noch bei Jan Dibbets studiert, der ebenfalls sehr wichtig für meine Arbeit war. In der Becher-Klasse hat mich hat das disziplinierte Arbeiten sehr beeinflusst. An einer Sache dranzubleiben und sie gründlich zu erforschen. Es hat nicht so viel mit dem Inhalt der Arbeit zu tun, sondern mit ihrer Form und Stringenz.

Welche Rolle spielt aktuelle Fotografieszene in Düsseldorf für Sie?

Gar keine. Die Szene der Neunziger, also Ruff, Gursky, Struth, Hütte und so weiter, war für mich damals nur wichtig, weil ich mich unbedingt davon abgrenzen wollte. Deswegen hat sich meine Arbeit auch sehr verändert. Ich wollte auf gar keinen Fall dieses epigonale "Bechertum" weiter betreiben. Die jetzige Fotoszene interessiert mich nicht so sehr. Ich denke auch nicht in Kategorien wie "Fotoszene" sondern immer an Kunst. Ich hatte Anfang des Jahres eine Ausstellung mit Arbeiten von Tracey Moffat. Ihre Arbeiten kommen zwar aus der Fotografie, aber sie gehen weit darüber hinaus. Oder Thomas Schütte, der seine Skulpturen fotografiert hat, die dadurch noch mal ein anderes Leben bekommen. Mich faszinieren Künstler, die sich auch der Fotografie bedienen. Oder im Umkehrschluss knallharte Fotografen, die überhaupt nicht darüber nachdenken, ob sie Kunst machen. Die einfach so gut sind, dass es irgendwann ganz klar ist, dass es Kunst ist, wie etwa Helmut Newton.



Daniela Steinfeld, Raucherzone, aus der Serie "Hospital", 1995,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Daniela Steinfeld, Preparationssaal, aus der Serie "Hospital", 1995,
Courtesy Sara Meltzer Gallery, New York/Vous Etes Ici, Amsterdam,
©Daniela Steinfeld, VG Bild-Kunst, Bonn 2006

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