In dieser Ausgabe:
>> Paul Morrison: Negative Visionen, pastorale Schönheit
>> Alex Katz im Gespräch

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Alex Katz, Luna Park, 1960,
Photo courtesy the artist and

PaceWildenstein, New York, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Sie haben erwähnt, dass sich Kline auf Manet bezieht.

Ja, er setzt sich sehr stark mit Manet auseinander. Mitte der fünfziger Jahre hatte ich die Idee, bestimmte Bildelemente auf einem flachen Untergrund zu platzieren, der aber nicht in dem Sinne flach war wie bei Rothko oder Kline. Wenn mir das gelänge, könnte ich mit dem flachen Hintergrund eine passende Umgebung für meine Figuren schaffen. Meine Bilder wurden größer, obwohl die Figuren in Bezug auf ihre Proportionen noch relativ traditionell waren. 1961 oder `62 begannen meine Köpfe größer zu werden, denn ich wollte die Leinwand auf eine neue Art definieren.

Diese Gemälde wirkten wie extreme Großaufnahmen. Mittlerweile hat sich unsere Sehweise völlig verändert und wir haben uns daran gewöhnt.

Die flachen Hintergründe wirkten besonders in den späten Fünfzigern äußerst schockierend. Die Leute haben mich angeschrien, weil sie die Arbeiten als herzlos und kalt empfanden. Niemand machte damals etwas Vergleichbares.

Hat es Sie beunruhigt, als so schockierend empfunden zu werden?

Ja, das hat es. Meine Gemälde waren ja überhaupt nicht gewalttätig. Ihre Themen waren sehr nüchtern, aber die Leute haben mich total gehasst.

Wann hat das nachgelassen?

Als ich erfolgreich wurde.



Alex Katz,Ada Ada, 1959, Grey Art Gallery, New York
University Art Collection. Gift of Mr. and Mrs. Samuel Golden, 1963, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Welche Funktion haben die doppelten oder multiplen Figuren in ihren Bildern? Mir kommt zum Beispiel "Black dress" (1960) in den Sinn, auf dem Ihre Frau Ada mehrfach zu sehen ist.

Das erste Doppelbild war Ada Ada , das 1959 entstand. Es ging mir darum ein Porträt zu machen, das nicht psychologisierend war. Ich wollte diese Beziehungen, die sich sonst in Doppelportraits ergeben auflösen. Es war eine radikale Arbeit, weil ich zum ersten Mal etwas malte - ohne das ich es direkt angeschaut habe. Ich musste meine ästhetischen Vorstellungen verändern, um Ada Ada malen zu können.



Ein noch nicht vollendetes Bild von Ada in Alex Katz' Studio,
Foto Courtesy Cheryl Kaplan.
©Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.


Wie kamen sie dazu, durch die Wiederholung die unterschiedlichen Bildebenen voneinander zu isolieren?

Die Isolation resultiert aus dem Hintergrund. Es geht mir nicht um eine Verbindung der Figuren mit dem Hintergrund wie etwa in der Malerei des Kubismus. Figur und Hintergrund bleiben getrennt.

Das ist bei ihnen eine Frage der Optik.

Was man sieht ist nicht das was man sieht, sondern das, von dem einem die Leute sagen, das man es sehen soll. Das Sehen ist kulturell geprägt. Man sieht eine Variable, nicht das Absolute. In meiner Ausstellung bei PaceWildenstein zeige ich viele meiner frühen Gemälden, in denen ich mich von den flachen Hintergründen verabschiedet hatte. Wenn ich nur noch mit flachen Hintergründen gearbeitet hätte, wäre ich zu dem Typ mit den flachen Hintergründen geworden. Deshalb kehrte ich, als ich erfolgreich wurde, sofort zu konventionellen Hintergründen zurück. Einige davon waren zu roh, um sie in den frühen Sechzigern zeigen zu können.

Manchmal muss man einfach abwarten.

Meine Gemälde haben einen sehr langen Weg hinter sich, bei den Gemälden, die jetzt ausgestellt werden, dauerte er 40 Jahre. Was die Arbeiten anbetrifft, die ich noch nie gezeigt habe, bin ich immer noch etwas nervös. The Black Dress, auf dem Ada zu sehen ist, habe ich erst vor fünf Jahren verkauft.



Alex Katz, The Black Dress, 1960,
Courtesy Sammlung Udo und Anette Brandhorst, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Das ist mein Lieblingsbild.

Es ist auch eines meiner Favoriten, aber niemand wollte es. Erst vor ein paar Jahren wurde es von der Sammlung Brandhorst erworben und wird in einem Museum in München zu sehen sein. The Black Dress ist wirklich ein grandioses Gemälde. Es hat sich im Lauf der Jahre gut gehalten.

In wie weit beziehen sich Ihre multiplen Figuren auf Cassone-Gemälde oder Renaissance-Gemälde, die ebenfalls simultane Ereignisse abbilden?

Bei den Italienern passiert alles gleichzeitig, um Bewegung zu erzeugen. Das kennzeichnet auch Barockmalerei.



Neue Arbeiten von Alex Katz in seinem Studio,
Foto Courtesy Cheryl Kaplan.
©Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.

Es ist interessant, wie sich in der Malerei des Barock auch gesellschaftliche Beziehungen abbilden.

Das haben Sie genau erfasst! Ich habe mich intensiv mit Barockmalerei auseinandergesetzt. Meine Figuren sind in ihren Bewegungen wie eingefroren. Man deutet die Bewegung hinein. Das Barock und seine Eigenart, die Leinwand völlig mit Bewegung zu füllen, hatten auch großen Einfluss auf meine späteren Landschaften.

Ihr Vorgehen erinnert mich an den Nachbildeffekt, unser Auge nimmt stetige Wiederholung von Standbildern als Bewegung wahr.

Das findet man auch in barocken Gemälden.

Die kleinsten Variationen erzeugen den Eindruck von Bewegung.

In den letzten fünf Jahren arbeite ich daran, dass meine Figuren schneller und flüssiger erscheinen. Eines meiner Gemälde basiert auf Videoaufnahmen von Seemöven. Jemand hat sie für mich auf Video aufgenommen, damit ich ihre Bewegungen besser studieren kann – nur mit einem Standbild wäre das nicht möglich. Die Renaissance-Kunst war ja schließlich auch keine "Standbildkunst". Ich habe zum Beispiel auch Video eingesetzt, als ich eine große Strandszene malen wollte. Menschen machen Gesten, die sie nie wiederholen. Ich habe diese Posen aufgenommen und sie dann in meinen Gemälden verwendet. Dadurch entsteht ein Gefühl von Bewegung. Das ähnelt dem, was auch schon die Renaissance-Maler gemacht haben. Die Dinge geraten durch das Justieren und Verschieben von Linien und Kanten in Bewegung. Aber man muss eine gute Zeichentechnik besitzen, sonst macht das alles keinen Sinn.



Alex Katz, Ada's Garden, 2000
Collection Des Moines Art Center, Des Moines, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

"Ada’s Garden" vermittelt das Gefühl, jemanden zu belauschen oder dabei zu beobachten, wie er sich bei einem gesellschaftlichen Ereignis verloren zwischen unterschiedlichen Gruppen bewegt – ein Gefühl, das essentiell für ihre Gemälde ist.

Ada’s Garden entstand aus der Idee, eines meiner Cocktail-Party-Gemälde in den Neunzigern zu überarbeiten. Die Menschen nehmen den Raum auf sehr verschiedene Weisen ein. Wie ein Filmregisseur habe ich Leute eingeladen. Sie bildeten Gruppen, um sich dann wieder treiben zu lassen.

Dass Figuren sich einfach nur treiben lassen ist eher im Theater möglich. In Filmen geht das nur für ein paar Sekunden, dann folgt sofort die nächste Einstellung.

Das stimmt, das kommt in Filmen selten vor. Filme hängen eng mit der Werbung zusammen, dort lässt sich niemand einfach nur treiben. Auf Gemälden ist das aber möglich.


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