In dieser Ausgabe:
>> Paul Morrison: Negative Visionen, pastorale Schönheit
>> Alex Katz im Gespräch

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Alex Katz, One Flight Up, 1968,
Photo by: Ellen Labenski / Courtesy PaceWildenstein, New York, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Wie kam es zu ihrem Interesse an Bewegungen und Gesten?

Als ich begann, mich auf den Bildern von Tanzenden und Cocktail-Parties mit Gesten auseinander zu setzten, wurde mir bewusst, dass ich mich mit der Darstellung von Gestik in der Malerei beschäftigen musste. Es gibt nur eine Handvoll Künstler, die das, was sich zwischen Menschen abspielt, darstellen können. Dazu gehören Rembrandt und Giotto. Technisch ist Rembrandt fantastisch, der Größte, der jemals mit Farbe gearbeitet hat, aber er ist auch sehr grob. Auch Watteau ist großartig was die Darstellung der Beziehungen zwischen seinen Figuren anbelangt. Rubens dagegen wirkt auf mich wie Theater. Was komplizierte Beziehungen zwischen Menschen anbetrifft, besitzt er nicht das gleiche Format wie Rembrandt oder Watteau.

Ihre Eltern waren Schauspieler.

Meine Mutter hat erst in Russland und dann hier, im Jiddischen Theater, als Schauspielerin gearbeitet. Mein Vater trat schon in Russland als Amateurschauspieler auf. Wir lebten in Queens, total abgeschnitten von dieser Kultur. Meine Eltern hatten ganz andere Vorstellungen als die anderen Leute. Mein Vater schickte mich aber immer raus vor die Tür. Er wollte, dass ich mich assimiliere.



Alex Katz, Passing, 1962-1963,
The Museum of Modern Art, New York.
Gift of the Louis and Bessie Adler Foundation, Inc. Seymour M. Klein, President., © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Ich habe die Kritik des Dichters Frank O’Hara zu Ihrer ersten Einzelausstellung im Jahre 1954 in Art News entdeckt.

Es war eine kurze Kritik und sie war ihm peinlich, denn er hat in den Fünfzigern Gemälde von mir gekauft. Ich war der einzige Künstler, den er je gekauft hat.

Welche Gemälde?

Er kaufte ein kleines Gemälde von einem Gebäude, das sich im Wasser spiegelt und ein Bild einem Mann, der darauf viermal gegen eine Wand rennt. Frank interpretierte meine Arbeiten ganz anders als ich. Später fing ich damit an, im Madison Square Park in Nass-in-Nass-Technik zu malen. Diese Bilder erinnerten ihn an die vom abstrakten Expressionismus beeinflussten Arbeiten von Nell Blaine und sie gefielen ihm überhaupt nicht. Aber die Nass-in-Nass-Technik wurde zur Basis meiner Maltechnik. Ich bedecke die ganze Leinwand mit Farbe und male dann mit dem nassen Pinsel in sie hinein. Das ist eigentlich typisch für billige, schlecht gemachte Gemälde. Aber ich diese Technik bei großen Formaten verwendet und das war sensationell.



Im Studio von Alex Katz,
Foto Courtesy Cheryl Kaplan. © Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.

O’Hara sagte, Sie verwenden "Farbe sparsam und treffend auf eine strukturelle Art, wobei die Darstellung des Themas nicht vernachlässigt wird". O’Haras Gedichte besitzen eine sehr tiefgehende Struktur. Er war wie ein Erzähler.

Er besaß einen tollen Rhythmus. In dem neuen Phaidon Buch über meine Arbeiten sind zwei seiner Gedichte abgedruckt, die ich sehr mag. Er ist der beste Dichter.

Die Kritiken in Art News wurden meist von Dichtern wie O’Hara oder John Ashbery und James Schuyler verfasst.

Der Künstler und Kritiker Fairfield Porter schrieb damals zu Philip Gustons neuen Gemälden, dass sie wie schlecht geflickte Strümpfe wirken. Danach wollten sie ihn nicht mehr in die Galerie lassen. O’Hara vermittelte die Energie eines elisabethanischen Dichters. Er wollte sein wie Pollock oder De Kooning, die in ihrer Arbeit bis in den Barock zurückreichen. O’Hara besaß diese emotionale Ausstrahlung, die mir besser gefällt als die Sachen von Jimmy [Schuyler] oder John [Ashbery], die aber auch großartig sind. Er geht größere emotionale Risiken ein. Ashbery dagegen ist sehr maßvoll, wie Horaz. Jimmys Sachen sind sehr raffiniert, wie Vergil.



Alex Katz, A Tremor in the Morning, 1986,
Courtesy / Copyright Peter Blum Editions, New York and Alex Katz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Welche Erwartungen hatten Sie an Peter Blum als Sie begannen, mit ihm für ihre Druckserie zusammenzuarbeiten?

Mit Peter konnte ich die Dinge verwirklichen, die ich wirklich machen wollte. Peter schlug mir vor Holzschnitte zu machen. Ich dachte, wenn schon Holzschnitte, dann hätte ich sie eigentlich schon vor zehn Jahren machen sollen. Es ist eine Herausforderung etwas zu machen, dass so passé ist. Aus dieser Zusammenarbeit entstand dann mein erstes Buch Tremor in the Morning.

Was hat Sie an den Holzschnitten am meisten abgeschreckt?

Sie waren nicht angesagt. Inzwischen mache ich viele Holzschnitte, weil sie immer noch "out" sind. Ich wollte etwas Physisches machen und Holzschnitte sind sehr physisch.

Arbeiten sie dabei mit einem erfahrenen Drucker zusammen?

Ich schneide die Druckstöcke und Chris Erickson macht den Druck. Er ist fantastisch.

Wie haben Ihre Collagen die Drucke beeinflusst?

Sie haben sie sehr stark geprägt, auch ihre Größe. Die Collagen entstanden aus der Beschäftigung mit flachen Farbfeldern und waren ein indirektes Medium. Zunächst habe ich Zeichnungen angefertigt, und dann habe ich die Zeichnungen auf die Collage übertragen, wobei ich mit Papierstücken arbeitete. Ich wollte nachempfinden, was ich gesehen hatte. Die Collagen besaßen ein nostalgisches Moment. Ihr Maßstab wirkte sich dann auch auf die Proportionen der späteren Drucke und Gemälde aus.


Eine neues, noch unvollendetes Gemälde von Alex Katz in seinem Studio,
Foto Courtesy Cheryl Kaplan.
©Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.



Ihre Bilder sind vielschichtig und vieldeutig. Welche Rolle spielt dabei der optische Effekt?

Die optische Eindruck eines Bildes ist für mich viel spannender als seine Bedeutung, denn darin liegt sein Geheimnis, und dieses Geheimnis muss man sehen. Mir geht es um dieses Aufblitzen von Wirklichkeit, das einen überfällt, wenn man etwas ansieht. Danach suche ich. Plötzlich erweckt etwas deine Aufmerksamkeit und es macht "klick" und das versuche ich festzuhalten – das ist eine Sache von Sekunden.

Diese Geschwindigkeit brennt sich ins Hirn.

Und dann versucht man daraus ein Bild zu machen, dass sich jemand anderem ins Hirn brennt.

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