In dieser Ausgabe:
>> Blind Date Seligenstadt / New York: pa.per.ing / Dialog Skulptur Würzburg
>> "Art of Tomorrow" im Deutsche Guggenheim / Anton Stankowski in Stuttgart

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Anton Stankowski, Selbstporträt, Zürich 1930,
Fotografie (Vintage), © Stankowski-Stiftung

Dieser fruchtbaren Schaffensphase sollte wenige Jahre später ein jähes Ende gesetzt werden. Nach Entzug der Arbeitserlaubnis musste Stankowski die Schweiz 1938 verlassen und konnte in Stuttgart als freier Grafiker Fuß fassen. 1940 wurde er Soldat und kehrte 1948 aus der Kriegsgefangenschaft nach Stuttgart zurück, wo er 1951 auf dem Killesberg sein eigenes Atelier einrichtete. Mit Willi Baumeister, Max Bense, Walter Cantz, Egon Eiermann, Mia Seeger und anderen entstand hier ein neuer kultureller Kreis. Der Vielzahl von visuellen Erscheinungsbildern, die Stankowskis Atelier seit Mitte der fünfziger Jahre für Firmen im In- und Ausland entwickelte, liegen Systeme und Ordnungsprinzipien zugrunde, die sich aufgrund ihres geometrischen Vokabulars und ihrer klaren Farbgebung einprägen.


Anton Stankowski, Kalenderblatt SEL 1960 (Kraft durch Rotation), © Stankowski-Stiftung


Die Stuttgarter Schau dokumentiert den innovativen Charakter, der Stankowskis Arbeit seit den Nachkriegsjahren auszeichnet. Die ganzheitliche Herangehensweise in Formgestaltung und Gebrauchsgrafik, die sich nicht auf einzelne Produkte oder Leistungen beschränkt, sondern auf "Produktfamilien" und die Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Unternehmenswelt konzentriert, war in den sechziger Jahren noch ein Novum. So entwickelte sich Stankowski zu einem Wegbereiter des grafischen Designs und der Schaffung von Corporate Identity. Hierbei kam dem am Konstruktivismus geschulten Künstler eben jene Beschäftigung mit serieller und programmatischer Gestaltung zugute, mit der er bereits in den Zwanzigern begonnen hatte.


Anton Stankowski, Zeitungstitel und Beilagentitel für
Baseler National-Zeitung, 1935, © Stankowski-Stiftung

Das prominente "Deutsche Bank-Blau", das mit der Wirkung von Querstrich und Quadrat korrespondiert, ist nur ein Beispiel für die Problemstellungen, mit denen sich Stankowski beschäftigte: Perspektive und Dynamik, Abbild und Abstraktion, Gesetzmäßigkeit und Spontaneität. Davon geben zahlreiche Arbeiten Zeugnis, wie auch die die so genannten „Stankogramme“, mit denen der Designer in den siebziger Jahren Informationen und Etagenziffern im Stadthaus Bonn visualisierte. So wurde zum Beispiel die Zahl „3“ an den Fahrstühlen in der dritten Etage des Gebäudes gleich auf mehrfache Weise verbildlicht: mit den drei hoch gestreckten Fingern einer Hand, als Ziffer, mit einem Dreieck, oder auf einem Würfel mit drei Punkten.



Anton Stankowski, Etagenzahlen im Stadthaus Bonn: 1,
1973-77 © Stankowski-Stiftung


Anton Stankowski, Etagenzahlen im Stadthaus Bonn: 3,
1973-77 © Stankowski-Stiftung

Anton Stankowski, Etagenzahlen im Stadthaus Bonn: 5,
1973-77 © Stankowski-Stiftung

Wie kaum ein anderer Designer der Bundesrepublik prägte Stankowski in den sechziger und siebziger Jahren die Vorstellungen von gelungenem Design. 1969-1972 war er Vorsitzender des Ausschusses für Visuelle Gestaltung der Münchener Olympiade. Gemeinsam mit Karl Duschek, der 1972 in sein Atelier eintrat, entwarf er das Logo für die Stadt Berlin, die Münchener Rück Versicherungen und Firmen wie IBM oder REWE. Hinzu kam auch das Engagement im Bereich der Umweltgestaltung, die Entwicklung von Orientierungs- und Farbleitsystemen in öffentlichen Gebäuden. Die Hoffnung, die Welt menschlich zu gestalten, verband sich für Stankowski mit funktionalen Kriterien eines ästhetischen Designs, das Ordnungen vermittelt. Bis heute ist seine ansteigende Schräge dass Symbol für Dynamik und Leistung geblieben. Zugleich ist sie mit der Aufforderung verbunden, die Dinge besser zu machen, sie nicht auf sich beruhen zu lassen. Die Botschaft Stankowskis gilt nicht nur im weltlichen, sondern auch in einem ganz spirituellen Sinn, den der konstruktivistische Visionär Malewitsch sicher befürwortet hätte: Wir sollen über uns selbst hinauswachsen.

Oliver Koerner von Gustorf

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