In dieser Ausgabe:
>> Eric Fischl: Räume für das Illegitime
>> Portrait: Anna Orlikowska
>> Was machen Sie im Sommer?
>> On the Road/ Off the Road

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Monoprint aus seinem Buch mit E.L. Doctorow
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Ich habe mir das Buch angeschaut, das Sie mit Edgar Lawrence Doctorow zu ihren Monotypien gemacht haben. Wie kam es zu diesem Projekt?

Peter Blum ist mit dieser Idee zu mir gekommen. Ich hatte noch nie Monotypien gemacht, dafür aber unzählige Zeichnungen in Öl auf verchromtem Untergrund. Peter wollte eine konzentrierte Werkreihe für das Buch. Ich habe dann mit dem Meisterdrucker Maurice Sanchez zusammen gearbeitet, der einen Weg fand, eine Monotypie ohne zusätzlichen Farbauftrag achtmal zu reproduzieren. Zunächst dachte ich, das wäre illegal. Schließlich soll eine Monotypie ein Einzeldruck sein.

Manche Bilder waren also "Geisterbilder"?

Sanchez fand heraus, wie man etwas auf die Rolle sprüht, damit das Bild immer wieder die gleiche Farbsättigung erreicht und kein "Geisterbild" entsteht. Eine der Monotypien zeigt eine junge Frau, die ein nacktes Mädchen am Strand fotografiert. Auf einer anderen hat sich eine weitere junge Frau hingelegt und liest ein Buch. Später taucht dieselbe Figur nachts allein in einem Schlafzimmer auf. Wir legten Doctorow die Bilder vor und Peter wollte einen Essay. Irgendwann einmal fragte Peter dann: "Ed, schreibst du überhaupt?" Doch Ed rief mich an und sagte, dass ich mir den Text als erster anschauen sollte.


E.L. Doctorow, 2005
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery


Es ist ein fantastisches Gedicht.

Es brachte 140 Monoprints auf den Punkt! Ich war perplex und sagte: "Ed, ich kann es kaum fassen, dass du ein Gedicht geschrieben hast." Er antwortete nur, "Es ist kein Gedicht", worauf ich entgegnete, "Also ich kann es nicht fassen, dass du so etwas wie ein Gedicht geschrieben hast." (Gelächter)



Monoprint aus seinem Buch mit E.L. Doctorow
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Es ist sehr eindringlich und auf eine wohltuende Art rührend. Haben Sie sich auch für Honoré Daumiers oder Georges Rouaults Drucke interessiert?

Monotypien haben etwas sehr Sinnliches und Unmittelbares, man lässt sich sofort auf sie ein. Besonders nahe sind mir die Monoprints von Edgar Degas. Sie waren mir immer direkt vor Augen.

Hat die europäische Historienmalerei, besonders mit ihren Schlachten- und Raubszenen, ihre Arbeit beeinflusst?

In A Visit To and a Visit From versuche ich, mich mit der Historienmalerei auseinander zu setzen. Sie interessiert mich brennend, aber ich bin da nicht besonders geschult. Antoine Watteau malte Historienbilder von Soldaten, die Kaffee trinken oder Karten spielen.



A Visit to/ A Visit from/ The Island, 1983
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Waren es nicht rastende Soldaten?

Sie waren eben nie heroisch. Watteau versuchte, das Genre zu unterlaufen. Das passt wohl auch eher zu mir. In Schlachtenszenen geht es um den Moment. Die Betrachtung setzt sich mit dem "davor" oder "danach" auseinander. Das Archäologische Museum in Neapel besitzt ein wunderbares Mosaik mit einer Darstellung der Alexanderschlacht. Der gestürzte Soldat, der erschrocken in sein Metallschild neben sich starrt, hat mich einfach umgehauen. Sein Gesicht spiegelt sich auf dem Schild, und er schaut sich selber zu, wie er stirbt. Dieser eine Moment der Stille und Betrachtung verleiht der großartigen, aber schematisch ausgearbeiteten Darstellung von Körpern und Pferden, Prunk und Verzweiflung etwas Menschliches – der Moment, in dem du Zeuge deines eigenen Todes wirst: Ich bin mir sicher, dass hier erstmals in einem Kunstwerk über die Spiegelung nachgedacht wurde. Dabei wird als Beispiel hierfür eigentlich immer zuerst Diego Velasquez' großartiges Gemälde Las Meninas genannt, in dem das Königspaar in einem Spiegel im Bildhintergrund zu sehen ist.



The Travel of Romance, Scene 1, 1994
Courtesy Eric Fischl and Mary Boone Gallery

Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit fiel mir ein Film auf, den ich auf dem Tribeca Film Festival gesehen habe. Er hat eigentlich gar nichts mit Ihnen zu tun, aber ich musste an Ihre Bilder denken. Tierney Gearsons Dokumentarfilm The Mother Project zeigt, wie sie ihre Mutter fotografiert, die schizophren und manisch-depressiv ist, und handelt zugleich von den Kindern Tierneys. Es gibt eine Stelle, in der Tierney ihr Baby in die Sonne auf den Rasen gleich neben ihre Mutter legt. Durch das extreme Licht verschwindet das Kind fast; das erinnerte mich auch an ihre Malerei.

Licht kann sich selbst verzehren. Es kann alles auslöschen. Ich habe diese Folge Travel of Romance gemacht mit zwei Figuren auf der ersten Tafel: eine weiße Frau kauert wie ein Embryo am Boden und starrt zur Seite, und ein schwarzer Mann versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Auf dem letzten Gemälde wird sie von diesem Licht angestrahlt, in dem sie sich fast aufzulösen scheint. Wir sehen, wie sich das Leben dieser Person von der Geburt bis zum Erwachsensein vor uns abspult und wieder rückwärts läuft. Dieser Weg verläuft innerhalb eng gesetzter Grenzen, und die können durch einen Raum oder das Leben selbst bestimmt sein.



Übersetzung: Maria Morais

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