In dieser Ausgabe:
>> Cai Guo-Qiangs explosive Kunst
>> Gregor Schneiders Tatorte
>> All Together Now: Rirkrit Tiravanija
>> Vadim Zakharov im Interview

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Die Schlüssel für die Häuser konnten in einem kleinen Büro in der Straße abgeholt werden. Ein Besucher betrat dann allein die Nr.14, während der andere in die Haustür nebenan ging. Nach einer etwa zehnminütigen Aufenthaltsdauer musste jeder Besucher seinen Schlüssel mit dem des anderen Besuchers tauschen, so dass sich immer nur eine Person im jeweiligen Gebäude aufhielt. In Zeitungsartikeln und persönlichen Berichten zu Die Familie Schneider wurde immer wieder die beklemmende Erfahrung geschildert, die sich bereits mit den ersten Schritten ins Haus einstellte, beim Weg durch die kleine Küche und das Wohnzimmer im Erdgeschoß, das fensterlose Schlafzimmer und bedrückend enge Badezimmer im ersten Stock und den dunklen, muffigen Keller. Die Entdeckung, nicht alleine zu sein, muss auf die Besucher wie ein Schock gewirkt haben, denn augenblicklich war man sich nicht mehr ganz so sicher, ob man wirklich den richtigen Ort besichtigte, oder doch aus Versehen in ein fremdes, alptraumhaftes Leben eingedrungen war. Da waren auch diese junge, depressive Frau, die mit starrem Blick ins Leere in Gummihandschuhen abspülte, die schemenhafte Figur eines nackten Mannes, der sich hinter einem transparenten Duschvorhang selbst befriedigte, der mit einer schwarzen Plastikplane abgedeckte Körper, der neben dem Bett lag.


LIEBESLAUBE HAUS ur, RHEYDT, 1996, Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Diese Erfahrung wurde wiederum durch das Déjà-vu-Erlebnis gebrochen, wenn man im Nebenhaus auf dieselbe Szenerie stieß; dieselbe abwaschende Frau, dieselben monotonen Bewegungen, dieselben Abdrücke auf Kissen und Betten, dieselben abgestoßenen Kanten an den Möbeln, dieselben Gerüche, dasselbe Atmen. Der verstörende Effekt, den Schneider mit dieser Wiederholung auslöst, ist ebenfalls doppelter Natur. "Gezwungenermaßen beobachtet der Besucher sich selbst", äußert er in der Publikation zu Die Familie Schneider, "Er steht neben sich. Er läuft neben sich durch das Haus." Zu den unterschwelligen Ekelgefühlen, die die unmittelbare Berührung mit allen Formen von Körperlichkeit und Vergänglichkeit auslösen, gesellt sich ein metaphysisches Grauen – die klaustrophobische Erfahrung, dass man nicht nur in ein Haus, sondern in die eigene Existenz, die eigenen Ängste und Abgründe eingeschlossen ist. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei nicht um eine Déjà-vu-Erfahrung. Schneiders Räume bescheren dem Betrachter vielmehr das Gegenteil: ein Jamais-vu-Erlebnis, bei dem eigentlich Vertrautes völlig fremd wirkt. Das Gefühl des Ausgeliefertseins verstärkt sich wie in einem Horrorfilm - Schritt für Schritt, mit der Entdeckung von Indizien, die die völlig banal sein können, oder vielleicht auf schreckliche Geheimnisse hindeuten. Was verbirgt sich in der Plastiktüte? Ist das ein Körper oder eine Puppe? Ist hier die Tapete eingerissen, oder wurde sie von einem Messer aufgeschlitzt? Hat die Frau auf mich gewartet? Ist das hier ein Kunstwerk oder ein Komplott?


DAS LETZTE LOCH, Haus ur Rheydt, 1996, Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Erst jüngst wurde die zwischen 1995 und 1996 entstandene 7-teilige Serie Haus ur Rheydt für die Sammlung Deutsche Bank angekauft. Es erstaunt nicht, dass Schneiders Aufnahmen von unterschiedlichen Räumen des Gebäudes anmuten wie forensische Fotografie. Die Räume erscheinen abgelichtet wie Tatorte, die man von massenmedialen Bildern kennt: Verliese entführter Kinder, im Keller ausgehobene Gräber, die Fluchttunnel von Ein- und Ausbrüchen. Jeder fotografierten Situation hat Schneider einen ebenso lakonischen wie doppeldeutigen Titel gegeben.


RAUM ur 20, Haus ur, Rheydt, 1996,
Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Unter der an der Decke schwebenden Discokugel des Puff aus Berlin könnte auch gefoltert werden. Das heruntergezogene Rollo im Fenster des völlig leeren Raum 20 könnte eine Attrappe sein und das Zimmer hunderte von Metern unter dem Erdboden liegen. Die Liebeslaube bietet sich ebenfalls für ausgefallene Hausschlachtungen an. Das Erschreckende an diesen Bildern ist die Banalität und Beiläufigkeit, mit der sich Schneiders hermetischer Kosmos konstituiert, die minimalen Abweichungen von der "Normalität", die ganz alltäglich erscheinende Situationen zum inneren und äußeren Gefängnissen werden lassen. Im Kunstverein Arnsberg sind nun erstmals seine Fotografien in einer Einzelpräsentation zu erleben, die die zeitlichen und räumlichen Verschiebungen zwischen "Original" und "Nachbau" sichtbar machen. Es ist verblüffend, wie ähnlich sich die Treppenhäuser des Haus ur in Rheydt und seines Nachbaus Totes Haus ur im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2001 sind. Dennoch sind feine Unterschiede sichtbar. Die minimal abweichende Breite der Stufen reicht aus, um wiederum diese Wirkung zu erzeugen - dieses Oszillieren zwischen Déjà-vu und Jamais-vu, das jedes Gefühl von Vertrautheit ins Abgründige kippen lässt.

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