In dieser Ausgabe:
>> Sinnliche Konzepte: Karin Sander im ibc
>> Interview Carrie Mae Weems

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Wand in Stücken, 1994
©Karin Sander

Indem sie ihn von allen Seiten betrachtet – reflektierend, nach ästhetischen, ökonomischen und situationsbedingten Kriterien –, holt die Künstlerin diese Aspekte ans Licht. Wie differenziert ein einziger, verblüffend simpler Kunstgriff eine architektonische Situation, die Trennung von innen und außen, beschreiben kann, war in Sanders großer Werkschau 2002 in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen. Ein Kreissegment aus Kunstrasen im steinernen Museumsgarten wurde von den Besuchern als Liegewiese akzeptiert und stark genutzt, die andere Hälfte im Foyer als Artefakt empfunden und nur zögerlich betreten. Auf spielerische, atmosphärische Art übte die Künstlerin so Kritik am musealen Charakter des Orts, der jede Geste im Innenraum sofort ins Repräsentative erhebt. Auch das ist typisch für die Künstlerin – die Facetten ihrer Arbeit erschließen sich nicht nur dem, der massives Hintergrundwissen besitzt.



Astro Turf Floorpiece, 1994, "Project 46",
im Museum of Modern Art, New York
©Karin Sander

Von dieser offenen, demokratischen Struktur erzählt auch die Website Sanders. Dort findet man nicht nur ein langes Gespräch "Über das Sichtbarmachen" mit Harald Welzer, der als Professor an der Universität Witten-Herdecke Gedächtnis- und Erinnerungsforschung betreibt. Ergänzend dazu zeigt Sander eine aktuelle Werkauswahl und erläutert knapp ihre Ausstellungskonzepte. So forderte sie jüngst Künstler aus der Sammlung Helga de Alvear auf, Arbeiten für eine Ausstellung in der Galerie Alvear zur Verfügung zu stellen. Wer sich die Schau in Madrid ansehen wollte, stand dann jedoch vor weißen Wänden – die Werke wurden ihm per Audioguide beschrieben.



The Balcony, 1990, Lodz
©Karin Sander

Wieder lässt sich die von Sander realisierte Idee völlig konträr interpretieren. Als Kritik am musealen Dienstleistungswahn, der inzwischen rund um das Kunstwerk alles erklärt und dem Betrachter jeden eigenen Zugang zum Original verstellt. Zum anderen lenkt sie die Aufmerksamkeit allerdings auf das Vermögen der Sprache, sinnliche Bilder zu generieren. Sprache war auch das Thema ihrer Arbeit Wordsearch, die sich mit dem Thema des kulturellen Transfers auseinandersetzt und die 2002 im Auftrag der Deutschen Bank als Teil der Kunstreihe Moment entstand.



Wordsearch, 2002, The New York Times
Temporäres Projekt im öffentlichen Raum der Stadt New York
©Karin Sander

Unsichtbar blieben die Mühen hinter dieser temporären "translinguistischen Skulptur". Die Suche nach 250 elementaren Begriffen in ebenso vielen verschiedenen Muttersprachen, wie man sie in New York hören kann. Alle Worte wurden in jede der anderen Sprachen übersetzt und am 2. Oktober 2002 in der New York Times als ein dichtes Gewebe sich überlagernder Zeichen gedruckt, wo sonst die Börsennotierungen und Aktienkurse stehen. Ein word flow statt des dort üblichen cash flow, der den linguistischen Reichtum der Metropole sichtbar machte.



Wordsearch, 2002, The New York Times
Temporäres Projekt im öffentlichen Raum der Stadt New York
©Karin Sander

Gerade die subtile, oft im Einfachen versteckte Botschaft solcher Werke, die sich auf die amerikanische Minimal Art der sechziger Jahre, mehr aber noch auf die Concept Art beziehen, provoziert jedoch auch Kritik. So bemängelte Rainer Metzger Sanders "ganz mimetische, am Kleinen, Nahen, Minutiösen" orientierte Art: "Spur, Markierung, Abdruck ist mehr oder weniger alles, was Karin Sander bisher ins Werk setzte."



Wordsearch, 2002, The New York Times
Temporäres Projekt im öffentlichen Raum der Stadt New York
©Karin Sander

Dabei sind es diese kleinen Gesten der Künstlerin, die die Aufmerksamkeit wie durch ein Brennglas auf komplexe Zusammenhänge des Sehens und Verstehens lenken und fragen, unter welchen Konditionen man eigentlich wahrnimmt. Zu diesen Erkenntnissen gehört auch, dass Weiß alles Mögliche sein kann – nur keine neutrale Farbe. Als Karin Sander in Lodz ihre Hausdurchgänge anstrich, wurde sie immer wieder von Passanten um kleine Mengen der raren Wandfarbe gebeten. Ein paar Wochen später dann konnte die Künstlerin sehen, dass ihre Intervention im öffentlichen Raum als autonomes Projekt in den Privatbereich hinüber geglitten war: An mehreren Fassaden der grauen, innerstädtischen Wohnklötze strahlten plötzlich weiße Balkone.

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