In dieser Ausgabe:
>> Sinnliche Konzepte: Karin Sander im ibc
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Sinnliche Konzepte:
Karin Sanders "Wandstücke" im ibc



Kalk, Elfenbein, Schnee: Eigentlich gilt die Farbe Weiß als neutral. Dennoch ist sie mit einer Vielzahl von Bedeutungen aufgeladen. Vielleicht wird sie gerade deshalb von Karin Sander mit Vorliebe genutzt. Mit ihren subtilen Interventionen an den unterschiedlichsten Orten stellt die Berliner Künstlerin die flüchtige Wahrnehmung des Betrachters in Frage und zeigt unerwartete Zusammenhänge auf. Christiane Meixner stellt Sanders Werk und ihre auf Hochglanz polierten "Wandstücke" im Frankfurter ibc vor.



Polierte Wandstücke rechts und links in der Eingangshalle des ibc in Frankfurt, 2004
Foto: Martin Lauffer

Etwas Magisches umgab die Hausdurchgänge. Überall im polnischen Lodz verfielen die Altbauten. Bloß die steinernen Tunnel, die Karin Sander an mehreren Stellen in der Stadt sauber verputzt und gestrichen hatte, strahlten so weiß, dass man sich in ihnen fern von jedem Ort und aller Zeit wähnte. Für die Künstlerin waren die White Passageways, die sie 1990 realisierte, tatsächlich Sinnbilder einer transitorischen Situation: Polen war auf dem Weg zu einer neuen gesellschaftlichen Realität, von der keiner wusste, wie sie am Ende aussehen würde. Und die gleißenden Hausdurchgänge verhießen etwas Wunderbares – und führten doch nur in triste Hinterhöfe.



White Passageways, 1990, Lodz
©Karin Sander

Bei Karin Sander münden irgendwann alle Arbeiten in der Farbe Weiß. Und das nicht nur, weil sie "meistens bereits da ist" (Sander), wenn die Künstlerin die räumlichen Gegebenheiten jener Orte inspiziert, an denen sie arbeiten wird. Darüber hinaus suggeriert Weiß an den Wänden eine größtmögliche Neutralität. Doch eben dieser Eindruck ist zweifelhaft, denn traditionell ist die Farbe mit einer Vielzahl von Bedeutungen aufgeladen. Unter anderem symbolisiert sie Reinheit und Transzendenz. Entsprechend wichtig ist sie im Werk der Künstlerin, die Weiß in allen Schattierungen vorkommen lässt: Elfenbein wie die Farbe jener Hühnereier, die Sander vor Jahren aufwendig polierte. Schneeweiß wie die Leinwände der Serie Gebrauchsbilder, die sie nur grundiert, um anschließend mit dem Sammler zu besprechen, was für die Patina seines Bildes sorgen soll – der Schnee auf der Terrasse, eine Autofahrt im Cabriolet oder der Staub im Kohlenkeller. Hartweiß schließlich wie die Wände im ibc, in dessen Foyer Karin Sander im Auftrag der Deutschen Bank 2004 zwei Wandstücke realisiert hat.



Hühnerei poliert, roh, Größe 0, 1994
©Karin Sander

Der Titel klingt sachlicher und technoider, als es die beiden Werke tatsächlich sind. Sander bedient sich minimaler Eingriffe und stimmt sie präzise auf den Ort ab, für den die Arbeit gedacht ist. Ein unscheinbarer und dennoch handwerklich aufwendiger Eingriff, den ein achtloser Passant wahrscheinlich gar nicht wahrnimmt: Rechts und links vom gläsernen Eingangsbereich des ibc wurden zwei vier Mal vier Meter große Wandfelder über Wochen kontinuierlich und immer feiner geschliffen. Bis ihre monochromen Oberflächen denen der Hühnereier ähnelten, deren Schalen selbst auf Fotos noch glänzen und den Raum in gekrümmter Form widerspiegeln. Die beiden rechteckigen Wandflächen im ibc haben viele Funktionen. Sie reflektieren das einfallende Licht, wirken selbst wie Fenster- oder Wasserflächen, vergrößern optisch den Raum und unterstreichen die Symmetrie seiner Architektur. Vor allem aber zeigen sie zwei Tendenzen im Werk von Karin Sander auf, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Zuerst konzentriert man sich auf das strenge Konzept, das auf die Foyersituation im Hauptsitz der Deutschen Bank reagiert, indem es den kühlen Materialien mit einer ebenfalls auf Hochglanz polierten, abweisenden Oberfläche antwortet. Dann aber fühlt man sich von ihrer sinnlichen Glätte angezogen und möchte die Wandstücke am liebsten berühren – so als habe Karin Sander dem kalkweißen Putz eine perfekte, absolut ebenmäßige Haut verpasst.



links und rechts: Wandstücke im ibc Frankfurt, 2004
Fotos: Martin Lauffer

Der vermeintlich leichtfüßige Umgang mit solchen Kontrasten prägt seit Mitte der achtziger Jahre das Werk dieser wichtigen deutschen Gegenwartskünstlerin, die mit ihren Arbeiten die vorgefundenen Situationen oft nur minimal verändert: Ein Loch in der Wand lenkt den Blick vom isolierten white cube in die reale Stadt ( Kunstverein Ludwigsburg, 1993), eine einfache Bleistiftlinie in Augenhöhe teilt den Galerieraum horizontal wie ein scharfer Schnitt (Galerie Ute Parduhn, Düsseldorf 1989), und eine Wand voller Glasscheiben lässt einen auf die pockige Raufasertapete schauen (Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 1994). Dass Karin Sander hinter die gläsernen Wechselrahmen noch einmal die gleiche weiße Tapete geklebt hat und so das Vorhandene optisch verdoppelt, wird erst allmählich klar und verschiebt den Fokus von der Kunst zu den ästhetischen Bedingungen, unter denen sie ausgestellt wird. Sander begreift ihre Interventionen nicht als radikale Verschiebung, deren Qualität sich in der größtmöglichen Divergenz zum Ursprung bemisst. Entscheidend ist, was dem spezifischen Gegenstand bereits innewohnt.

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