In dieser Ausgabe:
>> Sinnliche Konzepte: Karin Sander im ibc
>> Interview Carrie Mae Weems

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Cheryl Kaplan: Das traditionelle italienische Frauenbild bewegt sich immer noch zwischen der "Heiligen" und der "Hure", obwohl die Verehrung der Mutter Gottes im Katholizismus eine zentrale Rolle spielt. Welche Feste zu Ehren der Madonna haben sie hier besucht?

Carrie Mae Weems: Eines bei Neapel war wirklich beeindruckend. Die Gläubigen legen mehrere Kilometer barfuß oder auf Knien zurück, marschieren in der Begleitung von Musikkapellen in die Kirche ein und bitten die Mutter Gottes um Heilung. Man findet hier beides: tiefen Respekt für die Frau als Mutter, aber auch Verachtung und Unterdrückung der Frauen.

Wie entstand Ihre Jefferson Suite?

Es begann mit Fosters DNA-Untersuchung aus dem Jahre 1999, in der er die genetische Information der Nachkommen von Präsident Thomas Jefferson und seiner Geliebten, der Sklavin Sally Hemings untersuchte, um ihre Verwandtschaft zu beweisen. Das sorgte in den USA für großen Wirbel. Nachweislich brachte Hemings sieben Kinder von Jefferson zur Welt.

Bevor Jefferson 1801 Präsident wurde, grassierten bereits böswillige Gerüchte über dieses Verhältnis, obwohl Jeffersons Frau bereits verstorben war.

Ich begann mich mit Hemings und ihrer Geschichte zu befassen, nachdem die DNA 1996 als einmaliger genetischer Fingerabdruck klassifiziert worden war. Ich fragte mich, was passieren müsse, damit man ihrer Geschichte endlich Glauben schenkt. Ich dachte auch darüber nach, wie diese Entdeckung dazu beitragen könnte, fälschlich angeklagte Gefangene zu entlasten. Im Übrigen leugnet die Jefferson-Familie diese Beziehung bis heute. Es war eine wirklich tiefe, verrückte Liebe.



Meaning and Landscape, Video Still, 2002,
Courtesy/© Carrie Mae Weems 2006. All rights reserved.

Ihre Projekte haben oft einen historischen Bezug. Ihre Filme spielen im Tanzsaal, Sie inszenieren Prozessionen, auch das Gehen spielt eine große Rolle. Diese Inhalte teilen Sie mit dem südafrikanischen Künstler William Kentridge. Sein Film Shadow Procession zeigt Schattenspielfiguren in einer fortlaufenden, rhythmischen Marschbewegung.

Die Tanzsaalszenen und die Verwendung der Rhythmen stammen wahrscheinlich daher, dass ich als Tänzerin in Ann Halperins Ensemble in San Francisco angefangen habe. Ich bekam nur 25 Dollar pro Woche, also trat ich nachts auch als Nackttänzerin auf. Beide Erfahrungen sind immer noch Teil meiner Arbeit und sicherlich mit dem Heilige-Hure-Komplex verbunden. Ich wollte eine Reihe von Aufnahmen in der Verkleidung einer Prostituierten machen.
Das Gehen hat mit der Pilgerreise zu tun, auf der ich mich seit sechs Jahren als fiktive Figur in meinen Fotografien befinde, die an historisch aufgeladenen Orten entstehen. Ich versuche, herauszufinden, wie ich das Thema der schwarzen Identität an verschiedenen Orten darstellen kann. Diese können so unterschiedlich und weit entfernt sein wie Kuba und Rom und so nah wie Louisiana und Beacon, NY.

Sowohl Meaning and Landscape als auch Missing Link zeigen Ihren ausgeprägten Sinn für Timing und Rhythmus.

In meinem Film Meaning and Landscape arbeitete ich mit einem Vier-Viertel- und einem Acht-Achtel-Takt, um einen inneren Rhythmus zu schaffen. Ich zähle den Takt immer in meinem Kopf aus. Es gibt eine Szene von einem Gesellschaftstanz, einem Kotillion, in dem Frauen zu einem Walzerrhythmus umeinander schreiten und dabei ausgezählt werden.


Justice, aus "Missing Links", 2004,
Sammlung Deutsche Bank, © Carrie Mae Weems 2004






Italian Dreams, Video Still 2006,
Courtesy/© Carrie Mae Weems 2006. All rights reserved.

Man hat den Eindruck, dass es in dieser Prozession nicht nur um Rhythmus geht, sondern auch um eine Art Reise, dabei könnte es sich sowohl um eine Sklavenprozession als auch um einen Marsch in die Freiheit handeln. Die Figuren halten dabei aber immer völlig tadellos ihren choreografisch festgelegten Bewegungsablauf ein.

Der Ballsaal und das Abzählen des Taktes sind unverzichtbare Bestandteile der Arbeit.

Seit wann interessieren Sie sich schon für New Orleans?

Schon seit Jahren. New Orleans ist die interessanteste Stadt in den USA. In Meaning and Landscape geht es um Bälle, die so genannten Octoroons, die früher für weiße Männer und freie, farbige Frauen organisiert wurden, die zu einem Viertel oder eben zu einem Achtel schwarzer Herkunft waren. Diese Bälle fanden bis ins späte neunzehnte Jahrhundert statt.


New Orleans war schon vor dem Bürgerkrieg für gemischtrassige Beziehungen bekannt. In Meaning and Landscape treten die Figuren in Ballkleidern auf, sind aber meistens nur als Silhouetten zu sehen.

Es war klar, dass diese Paare nie heiraten durften, die Frauen wurden als Geliebte gehalten. New Orleans fasziniert mich wirklich, weil es hier diese ganz besondere Obsession für gemischtrassige Verbindungen, Liebe und Macht gibt. Meistens wurden die Bälle von schwarzen Müttern organisiert, die ganz bewusst weiße Frauen und schwarze Männer ausgeschlossen haben, Hinweise auf weiße Mütter und ihre Söhne gibt es in diesem Zusammenhang nicht. Natürlich wissen Mütter selten, was ihre Söhne alles aushecken.

In Missing Link sind die Figuren, die Sie darstellen, maskiert. Sie parodieren soziales Verhalten und die Staatsmacht, insbesondere das Zweiparteiensystem, mit einem fast klassischen komödiantischen Timing. (Die ersten Darstellungen des republikanischen Elefanten und des demokratischen Esels stammen aus dem 19. Jahrhundert und wurden von Thomas Nast und Edward Clay angefertigt.) Elefant und Esel tragen Handschuhe, sie bewegen sich lässig und gewandt in der Ballatmosphäre. Die Gestik des demokratischen Esels deutet einen Handschlag an, der Elefant macht eine elegante Verbeugung. Die Bewegungen zwischen Unterwerfung und Macht sind fließend.

Das bezieht sich auf die gesellschaftliche Rolle, die Tanz, Karneval und Theater für die Aufrechterhaltung sozialer Privilegien spielen.



Italian Dreams, Video Still 2006,
Courtesy/© Carrie Mae Weems 2006. All rights reserved.

Während Ihres Aufenthaltes in Rom drehten Sie in Cinecittà Ihren Film Italian Dreams. Auch Fellini hat dort Regie geführt, dessen surrealen Stil - eine Frau auf einer Schaukel, vollgestopfte Cinque-Cento-Autos - Sie zitieren. Ihr Interesse für den Karneval scheint auch mit diesem Stil verbunden zu sein.

Italian Dreams erzählt die Geschichte einer unerwiderten Liebe. Fellinis Themen sind eigentlich nicht meine Themen. Er hat eine Beziehung zu Frauen, die von Hassliebe geprägt ist. Er steht wirklich neben sich, wenn es um Frauen geht, die Macht über seine Libido oder seine Psyche haben. Sehen Sie sich nur an, wie er Frauen herabwürdigt, egal ob es sich um seine Frau oder um Huren handelt.

Ihr Film verlässt sich auf Fellinis Gefühl für den Witz, er enthält aber auch sehr ernsthafte Passagen, wo sie von der Kamera abgewandt kraftvoll und selbstbewusst in die Zukunft gehen. Sie blicken nie zurück in die Vergangenheit. Auf Ihren neuen Fotoarbeiten sieht man eine Frau, die von der Kamera abgewandt in derselben Haltung in der Galleria Nazionale di Arte Moderna in Rom steht.


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