In dieser Ausgabe:
>> Mind the Gap!
>> Young Americans
>> Mika Rottenberg
>> Fischli & Weiss

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Annelies Strba, Les Catherales de Monnaie 02 und 03, 2002, Sammlung Deutsche Bank, courtesy of Frith Street Gallery


Gerard Byrnes Landschaftsansichten von Wicklow Hills wirken ebenso unschuldig. Tatsächlich aber zeigt Byrne das Gelände hinter Samuel Becketts Wohnhaus als theatralische Kulisse für Warten auf Godot. Annelies Strba’s Videoarbeiten sind häufig intime Sequenzen, Studien des Familienlebens. Cathedrals de Monaie hingegen zeigt Standbilder aus ihrem gleichnamigen Film über die Wall Street, in dem sie in ironischer Anspielung auf Claude Monets Gemälde der Kathedrale von Rouen Bankgebäude zeigt – moderne Kathedralen des Geldes. Strbas Arbeit berührt hierbei ähnliche Themen wie James Rosenquists gigantisches Gemälde Swimmer in the Econo-mist, das ebenfalls in der Eingangslobby des Londoner Hauptquartiers ausgestellt wird.


MP & MP Rosado, ohne Titel, 2003, © MP & MP Rosado, Courtesy Galeria Pepe Cobo,
Sammlung Deutsche Bank


Erst jüngst wurde die Hängung im Erdgeschoss des Winchester House neu gestaltet, um die internationale Ausrichtung der Londoner Sammlung zu dokumentieren. Die Konferenzzimmer im Erdgeschoss sind nun den jungen Europäern gewidmet. Dazu gehören auch die spanischen Zwillinge Manuel Pedro und Miguel Pablo Rosado, deren Collagen sich mit der Identität von Zwillingen auseinandersetzen oder die schweizerische Künstlerin Caro Niederer. Es gehört zu Niederers Vorgehensweise, die eigene künstlerische Produktion in ihren Arbeiten zu thematisieren. Sie besuchte deshalb den Niederer-Raum in der Bank und fotografierte ihre Malerei in situ. Aus Vorlagen wie dieser entsteht dann ein neues Werk, das üblicherweise auch die Abmessungen des Originalgemäldes hat. Wir hoffen, dass wir auch diese Arbeit für den Niederer-Raum erwerben können – auch um die Praxis zu unterstreichen, dass im Winchester House Konferenzräume nach Künstlern benannt werden. Vor dem Niederer-Raum finden sich zwei große Arbeiten des finnischen Künstlers Ola Kolehmainen (ein Interview mit ihm finden sie ebenfalls in dieser db artmag-Ausgabe), während Strbas Werke sich den Flur am Hauptempfang entlang ziehen.

Caro Niederer, Interieur - Shella and Manda Beach, 2006,
©Foto Caro Niederer






Victor Willing, Untitled, 1979,
Sammlung Deutsche Bank, courtesy Marlborough Fine Art


Ein Hauptteil der Londoner Sammlung ist allerdings nach wie vor britisch. Die Lücken, die am längsten Zeit hatten immer weiter aufzuklaffen, sind also ebenfalls sehr britisch. In den letzten Jahren wurden wichtige zeichnerische Werke von Howard Hodgkin, Michael Andrews und Victor Willing angekauft, um den bedeutenden Schwerpunkt von Papierarbeiten der School of London auszubauen. Der Ankauf eines Bildes befreit den paranoiden Kurator nicht unbedingt von seiner Neurose. Das Sammeln hat seine ganz eigenen Tücken: je mehr man erwirbt, desto mehr neue Lücken tun sich auf.



Colin Self,
Hollywood from the back of David Hockney's Pink Convertible, 1965,
Sammlung Deutsche Bank, © Colin Self


Wir erwarben ebenfalls Schlüsselwerke von Pop Art Künstlern wie Patrick Caulfield, Colin Self und Peter Blake. Seit etwa fünf Jahren sind in der Sammlung auch Werke von britischen Fotografen präsent, die ohne die traditionelle Kamera arbeiten: Chris Bucklow, Susan Derges, Gary Fabian Miller und Daro Montag. Dennoch bot sich uns erst auf der letztjährigen Frieze Art Fair die Gelegenheit, eine Arbeit von Adam Fuss anzukaufen. Natürlich umfasst die Sammlung Deutsche Bank London auch einen Querschnitt von Werken der Young British Artists, doch die Verlockung, mehr davon zu erwerben, lauert an jeder Ecke. So wurde Marc Quinns Druck eines gefrorenen, künstlichen Gartens vor zwei Jahren an der Eingangswand unserer VIP Lounge auf der Frieze ausgestellt. Nur wenig später trat man mit einer Mixed Media-Version der Arbeit an uns heran. Wie Oscar Wilde bereits bemerkte gibt es nur eine Sache, der wir nicht widerstehen können: die Versuchung.


Adam Fuss, "Untitled", 2003, Sammlung Deutsche Bank, courtesy Timothy Taylor Gallery Ltd.



Lücken zu schließen kann sich als teure Angelegenheit herausstellen. Dabei sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass man für den Preis einer einzelnen Arbeit eines "heißen" Künstlers gleich mehrere Werke noch unbekannter Künstler erwerben kann. Es wäre etwas unpassend, all die Namen all der Künstler aufzuzählen, die wir in Bow, Hackney und weiter entlegenen Winkeln besucht haben. Zwei von ihnen werden auf der diesjährigen Frieze allerdings zeigen, in welche Richtung unsere Bemühungen gehen: Sarah Douglas und Ann Mulrooney. Neue Kunst und Künstler bieten eine erfrischende Gelegenheit das Niveau der Sammlung neu zu definieren. Die Schlüsselwerke von morgen kommen ebenso aus den Nebenstraßen von Bow wie den Messekojen auf der Frieze. Es ist durchaus unterhaltsam, den sirenenartigen Rufen des aufgeheizten Kunstmarktes zu lauschen, aber hinter jedem Künstler, auf den seine Galeristen ein Loblied anstimmen, steht bereits eine Heerschar noch unentdeckter Talente, die auf ihren Durchbruch warten. Und während der Kurator aus der U-Bahn steigt, kann ihm die Ansage wie eine Ermutigung oder eine Warnung erscheinen: "Mind the gap."

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