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Mind the Gap:
Die Neuankäufe für die Sammlung Deutsche Bank London



Seit mehreren Jahren fokussiert sich die Londoner Sammlung der Deutschen Bank nicht nur auf die britische Gegenwartskunst, sondern konzentriert sich verstärkt auf die europäische Szene. Das zeigen auch die jüngsten Neuankäufe. Zugleich sind die Ateliers im Londoner East End die Brutstätte für die Künstler von morgen – und jeder Kurator will der erste sein, der sie entdeckt. Alistair Hicks und Mary Findlay betreuen die Londoner Sammlung und berichten für db artmag über die Versuchungen und Ängste, denen Kuratoren in der Themsemetropole ausgesetzt sind.



Christopher Bucklow, "Guest, 1.15 pm 1 Aug '96", 1996, Deutsche Bank Collection, courtesy of Anthony Wilkinson Gallery


"Mind the Gap!": Selbst die Computerstimme in der Londoner U-Bahn, die den Fahrgast dazu aufruft, die Lücke zwischen Wagen und Bahnsteig zu beachten, nährt die Paranoia von Londoner Kuratoren. Bezirke wie Hackney oder Bow weisen die wohl höchste Künstlerdichte der Welt auf, es gibt also mehr als genug Künstler und Kunstwerke bei denen man vorbeischauen könnte. Aber die Londoner Kuratoren ticken ein bisschen wie Moderedakteure. Sie kämpfen alle um einen Platz direkt am Laufsteg und sie haben panische Angst, dass sie den einen, angesagten Künstler verpassen könnten, über den die anderen gerade reden. Selbst Kuratoren der Deutschen Bank, die dazu angehalten sind, mit ihren Ankäufen ein möglichst breites Spektrum an Gegenwartskunst abzudecken, können sich dem Druck nicht entziehen, der auf dem brodelnden Markt für junge Kunst herrscht.


Ori Gersht, The Mountain,
Sammlung Deutsche Bank, courtesy of Andrew Mummery Gallery

Der Londoner Teil der Sammlung Deutsche Bank ist eigentlich eher klein – zumindest wenn man die 3000 Arbeiten mit den 50.000 Arbeiten vergleicht, die die Unternehmenssammlung weltweit umfasst. Aber wie bei dem Anwachsen jeder Sammlung entstehen auch hier Lücken – und die nehmen in unserer Vorstellung gelegentlich geradezu alptraumhafte Ausmaße an. In letzter Zeit hat das Londoner Kunstkomitee gezielt Werke der Pop Art, der School of London, der Helsinki School oder der Young British Artists angekauft, um eben diese Lücken zu schließen.



Ola Kolehmainen, Search for Mastery III, 2005,
Sammlung Deutsche Bank, Courtesy Galerie Anhava

An den Wänden der Londoner Büros hingen bis vor einigen Jahren lediglich englische und deutsche Arbeiten – bis die Kunstkommission entschied, dass ein internationales Unternehmen mit einem kosmopolitischen Mitarbeiterstamm sich in seinen Gebäuden mit internationaler Kunst umgeben sollte. Dies gab uns die Möglichkeit, die geographische Ausrichtung der Sammlung entscheidend zu erweitern. Auch wenn die Bank in über 70 Ländern Niederlassungen unterhält und weltweit Kunst kauft, wird der Hauptanteil der Kunst in den Finanzzentren erworben, eben dort, wo unsere Hauptsitze liegen. In London fokussieren wir uns auf europäische Kunst. Während der letzten eineinhalb Jahre haben wir Arbeiten von Künstlern aus Albanien, Zypern, den Niederlanden, Irland, Israel, Italien, Spanien, Schweden und der Schweiz angekauft.



Gerard Byrne, A country, a tree, evening: Cruagh, on the road
between Kilakee and Tibradden, Dublin Mountains, 2006,
Sammlung Deutsche Bank, Courtesy of Green On Red Gallery

Einer der Hauptgründe für die Sammlung Deutsche Bank, sich auf das Medium Papier zu fokussieren war, dass es Künstlern dazu dient, grundlegende Ideen in Entwürfen, Zeichnungen oder Drucken festzuhalten. Und so erstaunt es auch nicht, dass eine neue Gruppe von Künstlern, deren Werke in die Sammlung aufgenommen wird, auch eine Vielzahl von neuen Ideen mitbringt. Dabei sind viele der fotografischen Arbeiten mit Video oder Film verbunden. So produzierte der britische Israeli Ori Gersht einen Film und eine Foto-Serie über die Wälder, in denen sich seine Schwiegereltern im Zweiten Weltkrieg versteckt hielten. Während die Fotos so unscharf und verblichen wirken, wie die Erinnerungen, die sie auslösen, wird der Film immer wieder von dem Geräusch von Axthieben, fallenden Bäumen und zersplitterndem Holz unterbrochen.

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