In dieser Ausgabe:
>> Mind the Gap!
>> Young Americans
>> Mika Rottenberg
>> Fischli & Weiss

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Kori Newkirk, divers works,
Ausstellungsansicht in der Astrup Fearnley Collection, Oslo


Während sich einige dieser "Emigranten-Künstler" auf der Leinwand, mit Skulpturen oder in Videoarbeiten kritisch mit den verbreiteten Missständen ihrer neuen Heimat auseinandersetzen, versuchen andere, das Beste aus dem Erbe ihrer unterschiedlichern Herkünfte zu ziehen. So auch Cristina Lei Rodriguez, die ihre japanisch-kubanischen Wurzeln aufgreift. In ihren drei bei Uncertain States gezeigten Arbeiten verbindet sie die Gartenkunst des Zen mit dem lateinamerikanischen Flair ihrer Heimatstadt Miami und kreiert so überwältigende, durchsichtig schimmernde Kunstharzlandschaften, die mit Plastik-Juwelen, künstlichem Laub und Schaumkronen versehen sind. Auch die verführerischen Video-Installationen der argentinisch-israelischen Künstlerin Mika Rottenberg werden hier präsentiert. Sie zeigt Frauen, die sich unter ausbeuterischen Bedingungen an obskuren Produktionsanlagen abmühen wie etwa in der Installation Dough (2005). Rottenbergs Arbeiten lassen sich hierbei keiner nationalen Herkunft mehr zuordnen, sondern kreisen um Themen wie geschlechtliche und soziale Identität und den Wert von Arbeit.



Josephine Meckseper, I Love Jesus, 2005,
Courtesy of The Saatchi Collection,
©Josephine Meckseper





Ein merkwürdiger Umstand ist im Hinblick auf beide Schauen zur US-Kunst kaum zu übersehen. Viele der hier ausgestellten Künstler verdanken ihre erste Ausstellung in Großbritannien allein der Tatsache, dass sie von den Initiatoren der Ausstellungen ausgewählt wurden – also entweder von Charles Saatchi, oder dem Kuratorenteam der Serpentine Gallery: Daniel Birnbaum, Gunnar Kvaran, und Hans Ulrich Obrist. Zugleich kann man mit Sicherheit behaupten, dass sie sich allesamt zuhause bereits einen Namen gemacht hatten, bevor sie nach Übersee verfrachtet wurden.

Gerade weil es hier darum geht, der Idee einer neuen, erstarkten amerikanischen Kunstszene mehr Gewicht zu verleihen, wirkt es wie eine Ironie, dass beide Schauen in Europa organisiert, kuratiert und ausgestellt wurden. Dabei spielt es sicher eine Rolle, dass sich Amerikaner gerne auf die Sicht von Außenstehenden verlassen, um mehr Klarheit über die Geschehnisse im eigenen Land zu gewinnen. Aus genau diesem Grund gestehen auch viele, dass sie eher die BBC einschalten, als auf CNN oder die gefürchteten Fox News zurückzugreifen.

Vielleicht eint diese Generation von US-Künstlern die Entdeckung, dass man in der Kunst tatsächlich eine Plattform für soziale und politische Ideen finden kann, die eine Alternative zur 24-Stunden Nachrichtenflut bieten – zum endlosen Informationsstrom, den das Internet hervorbringt und der die Sicht auf die Welt allmählich zumüllt. So dekonstruiert Josephine Meckseper zum Beispiel in USA Today den Konsumglamour und verwendet dafür genau die Auslagen und Vitrinen, die auch im Kaufhaus verwendet werden. Kelley Walker hingegen nutzt Techniken der Werbeindustrie um heikle Rassenfragen zu thematisieren.



Kelley Walker, Black Star Press (detail), 2006,
Courtesy of The Saatchi Collection,
©Kelley Walker


Dass ein negatives politisches Klima der Kunst in ganz bestimmten Zeiten ungeheuren Auftrieb geben kann, ist allerdings kein neues Phänomen. Tatsächlich scheint es gerade eine hervorstechende Eigenschaft amerikanischer Künstler zu sein, dass sie viel weniger subtil, aber dafür viel unmittelbarer und direkter auf weltpolitische Ereignisse eingehen können, als ihre europäischen Kollegen. Und wieder einmal scheint so zu sein wie damals, als der Abstrakte Expressionismus an unseren Küsten landete und ihm dabei der Ruf aus Irving Sandlers viel gepriesenem Buch Triumph of American Painting vorauseilte: Sie kamen, sie stellten aus und sie siegten.

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