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Die Körperfabrik
Mika Rottenberg im Gespräch mit Ossian Ward



Für ihre absurden und subversiven Videoinstallationen wurde Mika Rottenberg mit dem erstmals verliehenen Cartier Award ausgezeichnet. Kurz vor der Präsentation ihrer Auftragsarbeit für die Frieze Art Fair hat Ossian Ward die Künstlerin in London zum Interview getroffen.




Second Party, 2006, © Mika Rottenberg,
Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York

Eingezwängt in klaustrophobisch enge Räume rackern sich Frauen in beigefarbenen Uniformen unablässig damit ab, Teig herzustellen. Sie kneten ihn, formen ihn zu Rollen und legen die Teigstücke auf ein Fließband. Magischer Bestandteil des Produktionsprozesses sind die Tränen, die eine der Arbeiterinnen vergießt – als allergische Reaktion auf einen Blumenstrauß, an dem die korpulente Frau immer wieder riecht. Die Tränen rinnen an ihren stämmigen Beinen hinab, verdampfen auf einer heißen Bodenfliese und wirken wie ein Katalysator, der den Teig aufgehen lässt. Der groteske Kreislauf flimmert als Endlosschleife über den Bildschirm.



Dough, video stills, 2005/06,
©Mika Rottenberg,
Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York


Mit ihrer Videoinstallation Dough (2005/06) liefert Mika Rottenberg einen beklemmenden Kommentar zu den entfremdeten Arbeitsbedingungen des Kapitalismus: Der häusliche Nebenerwerb findet bei ihr im eigens designten Sweatshop statt, einem Ausbeuterbetrieb der aus den Körpern der Hausfrauen Arbeitsmaschinen macht, die ganz wortwörtlich Schweiß und Tränen für den Produktionsprozess liefern. Das Werk der 1976 geborenen Künstlerin kreist um Themen wie Ökonomie im postindustriellen Zeitalter und die weiblichen Körper, die sie zeigt, entsprechen in keiner Weise sozialen Normen und fest gefügten Vorstellungen kultureller Identität. Mika Rottenberg gehört zur neuen, lebendigen New Yorker Kunstszene, die gerade international für Furore sorgt. Mit ihren Entwurfszeichnungen zu Dough war sie auch in der Ausstellung pa.per.ing vertreten, die Papierarbeiten dieser jungen Künstlergeneration in der Lobby Gallery der Deutsche Bank New York präsentierte. Auf der Frieze zeigt die Cartier-Preisträgerin erstmals Chasing Waterfalls: The Rise and Fall of the Amazing Seven Sutherland Sisters (Part 1). Im Zentrum der Videoarbeit stehen die Sutherland Schwestern, die wegen ihrer extrem langen Haare als menschliche Zirkusattraktionen auftraten.



Dough, video still, 2005/06,
©Mika Rottenberg,
Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York

Ossian Ward: Wie entstand die Idee zu den klaustrophobischen Produktionsanlagen in Ihrer 2005 entstandenen Videoinstallation "Dough," in der Frauen ihre Körper einsetzen, um bizarre Produkte herzustellen?

Mika Rottenberg: Es handelt sich um eine Art Maschine, die den durch Arbeit entstehenden Mehrwert misst, so wie man auch Kalorien oder andere Einheiten misst. In diesem Fall wird die Arbeitsleistung der Frauen in Form von Teig gemessen. Der Produktionsablauf beginnt oben bei Raqui, die den Teig knetet. Kat, die unter Raqui steht, zieht ihn. Unter Kat stehen Audry und Adona, die den Teig dann in Stücke aufteilen. Durch Raquis Tränen und den Sauerstoff, den Kat mit Hilfe eines Fächers dazu gibt, geht der Teig immer stärker auf. Der dadurch entstandene Überschuss wird anschließend von einer Maschine abgepackt. Die Version dieser Installation, die gerade in den Berliner Kunst-Werken zu sehen ist, trägt den Titel Big Dough, weil man beim Hereinkommen auf eine große, hölzerne Würfelkonstruktion trifft, um die man herumlaufen muss. Durch sehr niedrige Räume gelangen die Besucher schließlich zu dem Video. In den Fußboden eines Raumes wurde eine heiße Metallplatte eingelassen und so bemalt, dass sie aussah wie das Linoleum drum herum. Auf dieser Platte verdampfen alle vier Sekunden Raquis Tränen – in Wirklichkeit sind es Wassertropfen. Es machte mich fast wahnsinnig, diese Arbeit technisch umzusetzen ohne das ganze Haus abzufackeln.


Dough, Installationsansicht, 2005/06,
©Mika Rottenberg, Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York


Wie sind Sie auf dieses Szenario gekommen und warum sind es Frauen, die diese Arbeit verrichten?

Die Arbeit basiert auf einer wörtlichen Umsetzung von Marx’ Theorie über den Wert der Arbeit, aber eher als Witz über Mehrwert und Ware. Der Witz liegt auch in der Doppelbedeutung des Wortes "dough", das im Englischen umgangssprachlich ja auch Geld oder "Knete" bedeutet. Und es geht um die allgemeine Betrachtung darüber, wie viele Rohstoffe wir zur Verfügung haben, und wie wir mit Überfluss umgehen. Die Frauen fand ich über eine Anzeige in der New York Post, in der ich nach Fabrikarbeiterinnen mit Interesse an der Schauspielerei suchte, und über das Internet. Manche dieser Frauen bestreiten ihren Lebensunterhalt mit ihrem Körper – sie haben sogar ihre eigenen Websites. Kat zum Beispiel ist 2,05 Meter groß, was man in dem Film allerdings nicht wirklich sieht. Ich finde es interessant, wie diese Frauen ihre außergewöhnlichen Körper einsetzen. Deshalb habe ich sie in meinem Film auch eingesetzt. Die Frauen haben sich untereinander nie kennen gelernt, denn ich habe einen Raum nach dem anderen in meinem Studio aufgebaut. Natürlich habe ich auch Unmengen von Teig hergestellt. Eimerweise!




Tropical Breeze, Video still, 2004,
©Mika Rottenberg,
Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York

Erzählen Sie mir von Ihrer Auftragsarbeit für den Cartier Award auf der Frieze Art Fair.

Der Titel der Arbeit lautet Chasing Waterfalls: The Rise and the Fall of the Amazing Seven Sutherland Sisters (Part 1) . Es geht um sieben Schwestern, die in Niagara County geboren wurden und Ende des 19. Jahrhunderts als arme Bauernmädchen in Lockport, New York aufwuchsen. Sie alle hatten bodenlanges Haar. Die Schwestern entwickelten die Rezeptur für ein Tonikum, das sie "Seven Sutherland Sisters Hair Fertilizer" nannten. Das war ein Haarwuchsmittel für Männer, dem später dann eine ganze Produktlinie folgte. Für manche Leute in Lockport waren sie die ersten Supermodels und auch so etwas wie eine Girl-Group. Denn sie traten sogar am Broadway auf, wo sie in Barnum and Bailey´s Greatest Show On Earth ihre Haare durch die Luft wirbeln ließen. Sie gingen sogar auf Tournee, von Kanada bis nach Europa. Wenn sie zu viel zu tun hatten, heuerten sie sogar zusätzliche "Schwestern" an.
Die Arbeit ist wie ein Kino-Trailer gestaltet. Irgendwann würde ich gern einen richtigen Film über dieses Thema drehen. Jede dieser sieben Frauen besitzt ihre eigene Geschichte, aber niemand kennt die Schwestern mehr – nicht einmal in den USA.



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