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Diskurs und Sexyness
Fischli & Weiss in der Tate Modern



Sie bauen Städte aus Wurstscheiben und stellen existenzielle Fragen: „Leide ich an gutem Geschmack?“ – „Kommt ein Bus?“. Fischli & Weiss erzeugen ein Spannungsfeld zwischen Komik und Tiefgründigkeit. Jetzt zeigt die Londoner Tate Modern die erste Retrospektive ihres Werks in Großbritannien. Julia Grosse über die absurd-subversiven Inszenierungen des Schweizer Künstlerduos.




Ohne Titel, 1991, © Peter Fischli / David Weiss
Sammlung Deutsche Bank


Es ist ein wenig wie bei Bouvard und Pécuchet. Die tragikomischen Helden aus Gustave Flauberts gleichnamigem Roman geben ihre Berufe auf, um sich ganz dem Erlangen eines möglichst enzyklopädischen Wissens zu widmen. Vom Gartenbau über die Medizin, Altertumsforschung und Pädagogik bis hin zur Politik versuchen sie alles gierig in sich aufzusaugen. Natürlich müssen die beiden scheitern, und ihr humanistisch motiviertes Bemühen, sich eine Übersicht über sämtliche Wissensgebiete zu verschaffen, wird zur Slapsticknummer. Sie können alles, aber nichts wirklich.



Mick Jagger and Brian Jones going home satisfied after composing
'I Can't Get No Satisfaction', aus: Suddenly this Overview, 1981,
©the artists

Peter Fischli und David Weiss hingegen kneten statt zu lesen. Ihre Arbeit Plötzlich diese Übersicht (1981) besteht aus unzähligen kleinen Szenerien, gefertigt aus ungebranntem Ton, mit denen die Künstler versuchen, die wichtigsten Eckdaten der Geschichte zu erfassen. Krumm und schief, gleicht diese Arbeit einem amüsierten Zelebrieren von universellem Dilettantismus. Über 50 der Plastiken zeigt die Tate Modern nun im Rahmen der großen Fischli & Weiss Retrospektive Flowers & Questions. Auf die Frage, was denn nun der Kanon der Geschichte ist, gibt das grandiose Werk allerdings eine sehr subjektive Antwort. Es zeigt Szenen aus der Bibel, große Sportevents oder Momente aus Popkultur – Mick Jagger und Brian Jones mit sich zufrieden, nachdem sie gerade ihren großen Hit I Can’t Get No Satisfaction komponiert haben – oder, im weitesten Sinne Highlights der Wissenschaft: Die Einsteins im Bett nach der Zeugung ihres Genies.



Airport, 1989/ 2000, © the artists

Stecken Flauberts Antihelden Bouvard und Pécuchet ihre Zeit und Mühe in die erfolglose Aneignung von Bildung, ziehen die seit 1979 zusammenarbeitenden Fischli & Weiss das humanistische Ideal der genussvollen Erkenntnisvermehrung mit ihrer aufwendigen Knet-Enzyklöpädie ins Komische. Allerdings werden sie dabei nie zynisch. Trotz der blanken Ironie, die sich unter der vorgetäuschten Ahnungslosigkeit des Duos verbirgt, geben sie nie vor, mehr zu wissen als der Betrachter. Ganz bewusst erzeugen sie ein Spannungsfeld, in dem man ihre Arbeiten als oberflächlich oder gar naiv missverstehen, oder genauso gut als absolut tiefgründig empfinden könnte. Gerade weil die Schweizer diese ambivalente Taktik nicht auflösen, stellt ihr Werk die Rollen des Betrachters wie auch des Künstlers subversiv in Frage.


Natürliche Grazie 134, aus: Ruhiger Nachmittag, 1984
Courtesy Kunsthaus Zurich


In der Tate Modern hat Direktor Vicente Todoli persönlich die umfassenden Retrospektive kuratiert. Im kommenden Sommer wird die Schau ans Kunsthaus Zürich gehen, danach in die Hamburger Deichtorhallen. Obwohl es an allen Orten ein gemeinsames Kernstück geben wird, sind die Ausstellungen nicht identisch. Klassiker, für die Fischli & Weiss international bekannt wurden, wie die gefilmte Kettenreaktion aus sich bewegenden Gegenständen, Der Lauf der Dinge (1987), oder die in Venedig 2003 ausgezeichnete Multimedia-Installation mit hunderten scheinbar sinnlosen Fragen – "Warum geschieht nie Nichts? Kommt ein Bus? War ich noch nie ganz wach?" – werden zumindest in London noch längst nicht alle Besucher kennen.



Modenschau, aus: Wurstserie, 1979,
Courtesy Walker Art Center, Minneapolis, © the artists

In Zürich, Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der beiden, ist die Schau im Kunsthaus dagegen eine Art Heimspiel. Gemeinsam mit Fischli & Weiss ist die Kuratorin Bice Curiger auch für die Konzeption des umfassenden Kataloges verantwortlich. 1980 war sie die erste, die in der Züricher Ausstellung Saus und Braus eine Arbeit der Schweizer ausstellte, die legendäre Wurstserie . Die Fotografien bilden den Anfang der gemeinsamen Zusammenarbeit und sind auch in London zu sehen. Aus schwitzig-fettigen Würsten, Cervelatscheiben und Käseecken entstehen Städte, in denen Essiggurken und Zigarettenstummel zu Akteuren werden, es gibt Teppichläden, Autounfälle und Modeschauen - der ganz normale Wahnsinn, wie ihn zu dieser Zeit hingebungsvoll Paul McCarthy aus den Genussmitteln unserer Konsumgesellschaft zelebrierte. Anfang der Achtziger fand die Kunstkritik die Arbeiten des von der Popkultur geprägten Duos Fischli & Weiss noch zu witzig, ahnte nicht, dass sie im selben Moment, in dem sie sie als albern abstrafte, bereits darauf hereingefallen war.



Ohne Titel, 1991, © Peter Fischli / David Weiss
Sammlung Deutsche Bank

Die Schweizer begannen Super-8-Filme zu drehen und inszenierten in ihrem grandiosen 30-minüter Der geringste Widerstand (1981) einen der schlagkräftigsten Dialoge, der je in einem Film zum Thema Kunst ausgetauscht wurde. Als Bär und Ratte verkleidet, stehen die beiden Künstler in einer Galerie vor abstrakten Skulpturen und versuchen, sich intelligent darüber zu unterhalten: "Sehr geschmackvoll...Harmonisch wie ausgewogen... Von schlichter Heftigkeit...Streng dekorativ...Denkst du, wir könnten das auch? Zum Denken bin ich hier noch gar nicht gekommen." Uneingeladen entspannen sie am Pool der wohlhabenden Kunstszene, die Kamera wandert über lässig hingeworfene Ausgaben von Flash Art, daneben Erotikhefte und Mondrian-Bildbände. Und auf erstaunlich präzise Weise erfasste dieses Setting schon damals eine Art der Reflektion, ein Statement, von dem man immer dachte Magazine wie Texte zur Kunst hätten es erfunden: Diskurs und Sexyness.


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