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"Ich hasse alles, was mit Sensation zu tun hat."
Ein Gespräch mit Isa Genzken



Eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen wird 2007 auf der 52. Biennale in Venedig den von Nicolaus Schafhausen kuratierten Deutschen Pavillon bespielen: Isa Genzken. Oliver Koerner von Gustorf hat sich mit ihr über die Herausforderungen des kommenden Kunstereignisses unterhalten.



Isa Genzken, 10. September 2006,
Hotel Danieli, Venedig
Foto: Bernd Bodtländer


Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Isa Genzken an einem vielseitigen Oeuvre, das sie mit immer neuen Wendungen kontinuierlich weiter entwickelt. Ihr umfangreiches Werk umfasst Skulpturen und Installationen, Fotos, Collagen und Filme. Mit der Deutschen Bank verbindet Genzken eine ganz besondere Beziehung. Seit Anfang der Neunziger ist sie mit ihren Arbeiten in der Unternehmenssammlung vertreten, und im kommenden Jahr wird die Bank als Hauptsponsor den Deutschen Pavillon unterstützen.




Ohne Titel, ohne Jahr
Acryl und Bleistift auf Papier, © Galerie Daniel Buchholz, Köln
Sammlung Deutsche Bank

Aus diesem Anlass hat sie sich zu einem Gespräch mit db artmag bereit erklärt, obwohl sie Interviews eigentlich gar nicht mag. Als wir uns kurz vor der Eröffnung ihrer Einzelausstellung in der Berliner Galerie neugerriemschneider treffen, entwickelt sich dennoch eine angeregte Unterhaltung - über den Umgang mit faschistischer Architektur, hohe Erwartungen, nationale Eigenheiten, nicht realisierte Projekte und das, was Genzken besonders in New York gut findet: die Deutsche Bank.

Oliver Koerner von Gustorf: Nicolaus Schafhausen sagte in einem Interview: "Ich bin der festen Überzeugung, dass die besondere Herausforderung mit der Arbeit im Deutschen Pavillon es Isa Genzken ermöglicht, neue symbolische Räume zu schaffen, die die Realität auf ganz besondere Weise angreifen werden." Wie nähern Sie sich der Realität eines Ortes wie dem Deutschen Pavillon an, und wie empfinden Sie diesen spezifischen Ort?

Isa Genzken: Ich versuche erst einmal von Außen an so einen Ort heran zu gehen. Und dann von Innen. Mehr kann ich dazu jetzt gar nicht sagen. Die meisten Künstler sind ja bisher immer von Innen heran gegangen. Ich werde von Außen heran gehen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.




Isa Genzken, Installationsansicht "Sie sind mein Glück"
Kunstverein Braunschweig, 2000
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln


Sie waren bereits 2003 auf der Biennale in Venedig vertreten, mit einer Installation aus Bambusstöcken auf dem Dach des Italienischen Pavillons. Vielleicht können Sie erzählen, wie Sie sich damals diesem Bau genähert haben.

Das ist ebenfalls ein faschistischer Bau. In Italien heißt diese Architektur 'rationalistisch'. Ich nannte die Arbeit damals Haare wachsen wie sie wollen, und das ist ein Titel, der sehr antifaschistisch ist, weil die Haare bei Nazis ja kurz geschoren und stutzig geschnitten werden. Und der Bambus war eben da oben – und dann noch grün gefärbt! (Lacht) Das fand ich lustig.

Und Bambus ist ja ein Material, das gerne in alternativen Haushalten verwendet wird.

Genau. Und es kommt aus Entwicklungsländern, die häufig mit alternativen Vorstellungen von Handel und Kultur verbunden sind. Wir haben auf jeden Fall versucht, den längsten, höchsten Bambus zu bekommen, den es gibt. Es hat wahnsinnigen Spaß gemacht, diese Arbeit zu installieren. Weil es so heiß war, kletterten die Männer mit nacktem Oberkörper die Leiter hoch, um eine Bambusstange nach der anderen aufs Dach zu schaffen. Ich stand unten und durfte mir dieses Geschehen angucken, diese schönen Männerkörper, braun gebrannt, mit den Bambusstangen. Und am Ende standen sie alle so wie ich es wollte. Die Arbeit war eigentlich unübersehbar, aber es stand nirgendwo mein Name dran und die wenigsten Besucher erfuhren, dass diese Arbeit wirklich von mir war. Vielleicht haben die Leute sogar gedacht, man hätte den Bambus dort aus Versehen wachsen lassen.



Isa Genzken, Bambus auf Pavillon, 2003
installationsansicht: Galerie Meerrettich, Berlin 2003
Courtesy Neugerriemschneider, Berlin

Die Präsentation im Deutschen Pavillon wird ja von der Öffentlichkeit als offizielles Aushängeschild für die aktuelle deutsche Kunst betrachtet. Und der ausstellende Künstler, repräsentiert in den Augen der Öffentlichkeit auch sein Land. Wie sehen Sie diesen Erwartungen entgegen, als Künstlerin Deutschland zu repräsentieren?

Das ist sehr zweischneidig. Die letzten Präsentationen im Pavillon, so heißt es, seien etwas fade oder unspektakulär gewesen. Das Publikum fand es nicht so toll. Und das bereits zweimal hintereinander. So war auch schon zu hören, dass die Erwartungen an mich deshalb noch höher seien als zuvor. Ich habe mir allerdings gesagt: "Isa, behalt schön die Ruhe, wie du das dein Leben lang gemacht hast, lass dich hier nicht verführen von irgendwas, dass du da wohlmöglich irgendwas leisten musst, was du nicht kannst." Ich werde einfach tun, was ich immer getan hab: mein Bestes geben. Das ist so. Und ich werde mich auch nicht verrückt machen lassen, als ob ich da jetzt eine Sensation liefern müsste. Ich halte sowieso nicht so viel von Kunst, die eine Sensation ist. Ich kann mit Christo nichts anfangen. Ich hasse alles, was mit Sensation zu tun hat. Es ist nicht so, dass die Kunst still sein muss, aber sie muss in sich eine Attraktion sein, und nicht laut nach außen gerichtet. In Bezug auf den deutschen Pavillon fällt mir nur eine Ausstellung ein, die ich ganz besonders mochte: die von Joseph Beuys. Seine Straßenbahnhaltestelle von 1976 hat mir sehr gut gefallen. Sie war nicht laut, sondern sehr eindringlich. Weder Rückriem noch sonst irgendwer hat mich wirklich beeindruckt. Dabei habe ich viele Arbeiten im Deutschen Pavillon gesehen. Ich fand auch Hans Haacke überhaupt nicht gut. Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Leute im Nachhinein alle sagen: Ja das war aber doch gut. Ich fand das so aufgesetzt, und dann noch mit der Nazi-Fahne draußen dran und mit der deutschen Fahne. Mir hat das nicht gefallen.



Isa Genzken
installationsansicht: neugerriemschneider, berlin 2006
courtesy neugerriemschneider, berlin

Macht denn diese Idee, Länder in einzelnen Pavillons zu präsentieren, überhaupt noch Sinn?

Ja, Gott sei Dank. Wir leben in der Europäischen Gemeinschaft, wir sind alle Europäer. Trotzdem gibt es doch Franzosen und Engländer - darüber bin ich doch froh! Es gibt die Italiener, das Essen und die Mode, und alles. Stellen Sie sich mal vor, es würde nur noch einen Einheitsbrei geben. Das fände ich nicht schön.



Isa Genzken, Papst, 2006
Courtesy Neugerriemschneider, Berlin



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