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All in the Present Must Be Transformed
Nancy Spector über Matthew Barney und Joseph Beuys im Deutsche Guggenheim



Anlässlich der Ausstellung "All in the Present Must Be Transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys" im Deutsche Guggenheim in Berlin hat Oliver Koerner von Gustorf mit Nancy Spector, der Kuratorin der Schau, über Helden der zeitgenössischen Kunst, utopische Visionen und riskante Gegenüberstellungen gesprochen.




Matthew Barney, CREMASTER 3, 2002,
Foto Chris Winget,
Courtesy Gladstone Gallery;
©2002 Matthew Barney

Ein gewagtes Unterfangen: Erstmals vereint All in the Present Must Be Transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys Arbeiten beider Künstler in einer Ausstellung. Dabei offenbaren sich zahlreiche überraschende Berührungspunkte zwischen dem Schamanen, Erneuerer und Heiler aus Deutschland und Amerikas geheimnisvollem Faun der Postmoderne, – so etwa ihr gemeinsames Interesse an Metamorphosen, theatralischen Inszenierungen und vieldeutigen Performances. Nach ihrer Premiere im Berliner Deutsche Guggenheim wird die Ausstellung während der 52. Biennale in Venedig 2007 in der Peggy Guggenheim Collection zu sehen sein. Organisiert wurde das Projekt von Nancy Spector, Kuratorin am New Yorker Guggenheim Museum.



Joseph Beuys, 1979,
Foto Mary Donlon,
©The Solomon R. Guggenheim Foundation, New York

Oliver Koerner von Gustorf: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Arbeiten von Matthew Barney und Joseph Beuys einander gegenüberzustellen?

Nancy Spector: Die Idee kam mir 2003 beim Aufbau von Matthews Ausstellung The Cremaster Cycle im Guggenheim Museum. Damals unterhielten wir uns darüber, dass Joseph Beuys 24 Jahre zuvor ebenfalls eine Schau im Guggenheim bestritt, für die er in ähnlicher Weise eine allumfassende Erzählung schuf, in die er sein gesamtes bisheriges Werk einbettete. Bei Beuys' Ausstellung ging es nicht lediglich darum, Objekte zu gruppieren. Es handelte sich vielmehr um eine 'Mise en Scene', die eine Mythologie zum Ausdruck brachte, die im Grunde seine Lebensgeschichte war. Matthew war überaus interessiert an der Geschichte. Wir suchten im Guggenheim Archiv sogar nach Installationsplänen und weiterem Material. Damals sprachen wir weniger über Beuys Werk als solches, als vielmehr über den Umstand, dass Matthew ja ebenfalls an einer Schau arbeitete, die als Gesamtkunstwerk angelegt war und die den gesamten Cremaster Cycle miteinander verwob. Unabhängig davon habe ich in den vergangenen drei Jahren immer wieder Gespräche mit Mark Taylor geführt, der Professor für Theologie am Williams College ist und über die Berührungspunkte im Werk von Barney und Beuys geschrieben hat. Für unseren Katalog hat er eine Zusammenfassung seiner Thesen beigesteuert.



Matthew Barney, Chrysler Imperial, 2002 (Detail),
Foto David Heald,
©Solomon R. Guggenheim Foundation, New York

Wie haben Sie mit den Vorbereitungen für die Berliner Ausstellung begonnen?

Zunächst fragte ich Matthew natürlich, ob er bereit sei, darauf einzusteigen. Ohne seine Beteiligung wäre diese Schau gar nicht möglich gewesen. Ich wünschte, ich hätte ebenso Beuys um Erlaubnis fragen können. Es ist ja eine ganz heikle Angelegenheit, die Arbeiten von zwei Künstlern einander gegenüberzustellen, wenn nur einer dazu Stellung beziehen kann. Bei diesem Projekt geht es um gemeinsame Bedenken und ähnlich gelagerte Sensibilitäten, dennoch offenbaren sich ganz grundlegende und bedeutsame Unterschiede. Ich hoffe, dass man bei der gemeinsamen Betrachtung von Barney und Beuys, etwas Neues über die beiden Künstler lernt.

Und wie kam es zu der Auswahl von Arbeiten?

Die Ausstellung basiert weitgehend auf Arbeiten aus der Guggenheim Sammlung. Beide Künstler sind umfassend und mit ganz hervorragenden Werken vertreten, darunter Barneys Chrysler Imperial von 2002 und Beuys' Terremoto von 1981, die genau belegen, wie beide ihre kunstvollen erzählerischen Konstruktionen auf ihre Skulpturen übertrugen. Neben einer Auswahl von Arbeiten auf Papier und Vitrinenobjekten beider Künstler, die ebenfalls aus der Sammlung stammen, werden auch Leihgaben ausgestellt, die als Schlüsselwerke die eher performativen Aspekte ihrer jeweiligen Werke illustrieren. Wir haben Matthews wegweisende Video-Installation FIELD DRESSING (orifill) von 1989-90 für die Schau ausgeliehen, in der die seinem Werk zugrunde liegende Beziehung zwischen Aktion und Objekt deutlich wird. Außerdem werden wir Beuys' Filzecken aus einer seiner Performances zu Eurasienstab von 1967 unmittelbar neben dem Archivmaterial der Aktion präsentieren.




Joseph Beuys, Terremoto, 1981,
Foto David Heald,
© Solomon R. Guggenheim Foundation, New York;
©2006 Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn

Nun bietet sich ja die Gelegenheit, diese Ausstellung im Deutsche Guggenheim zu zeigen, doch eigentlich wäre eine solche Gegenüberstellung bereits früher denkbar gewesen. Weshalb ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Schau?

Ich bin mir nicht sicher, wie man feststellt, ob der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Für uns ergab sich die Gelegenheit, die Ausstellung in diesem Jahr zu realisieren, sehr kurzfristig. Da ich Matthews Werk gut kenne, war von vorne herein klar, dass das Projekt auf jeden Fall durchführbar war. Mit Beständen aus unserer Sammlung arbeiten zu können, ermöglicht uns zudem ein gewisses Maß an Flexibilität und Freiheit. Aber zu behaupten, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt sei, Barney und Beuys zusammen zu präsentieren, wäre sicherlich übertrieben.
Andererseits entwickelt sich Matthews Werk weiterhin in einem enormen Tempo. Gerade erst hat er seine bemerkenswerte Arbeit Drawing Restraint 9 in Japan, Korea und San Francisco ausgestellt. Jeder fragte sich, was er nach The Cremaster Cycle machen würde, und ich glaube, das wurde nun hinreichend beantwortet. Das Interesse an seinem Werk ist wieder gestiegen, wohingegen das Interesse an Beuys möglicherweise ein wenig nachgelassen hat. Vielleicht ist Beuys' Werk nun reif für eine Wiederentdeckung. Als amerikanische Kuratorin habe ich versucht, mir der Tatsache bewusst zu sein, dass es ein großes Wagnis ist, in Deutschland eine Ausstellung über Joseph Beuys zu machen. Fügt man einen amerikanischen Künstler hinzu, werden die Dinge sogar noch komplizierter. Deshalb bin ich das gesamte Material mit großer Vorsicht angegangen.
Ich habe bemerkt, dass die jüngere Generation in Deutschland nicht sonderlich an Beuys interessiert ist, was vermutlich auf verschiedene Gründe zurückgeführt werden kann.

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