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Früher Beuys – spätes Erbe
Eine Dissertation und ihre Folgen



Seine Arbeit polarisiert bis heute. Selbst die jüngsten Ausstellungen im Deutsche Guggenheim - Cai Guo Qiang und Matthew Barney - sind ohne ihn undenkbar: Joseph Beuys war ein Künstler, der die radikale Verbindung von Kunst und Leben einforderte und selbst ein Gesamtkunstwerk verkörperte. Die Auswirkungen seiner Kunst in ganz alltägliche Lebenswelten beschreibt Dr. Ariane Grigoteit, die zu Beginn ihrer Tätigkeit bei der Deutschen Bank über die Aquarelle des Künstlers promovierte. .



Herman J. Abs, Joseph Beuys und Herbert Zapp beim gemeinsamen Rundgang durch das Frankfurter Städel, im Hintergrund links Museumsdirektor Klaus Gallwitz, 1982,
Foto Lutz Kleinhans

Zwanzig Jahre nach seinem Tod über einen Künstler zu schreiben, den man nie persönlich getroffen hat, und der doch vehement verschiedene Lebensbereiche berührte, bedeutet nahezu therapeutische Arbeit. Beuys wirkte tief bis in die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft und über ihn zu forschen, sollte sich als persönlich wie beruflich prägende Erfahrung herausstellen.



3-Tonnen-Folie, 1973,
Sammlung Deutsche Bank

Die Promotion an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität war "aus wissenschaftlichen Gründen" erst nach dem Tod des Künstlers, 1986, möglich geworden. Damals galt Beuys als das Künstlergenie schlechthin. Er hatte den Kunstbegriff entgrenzt und erweitert wie kaum ein anderer. Mit Fett, Filz und Sozialer Plastik war er zur Symbolfigur der Nachkriegskunst aufgestiegen und traf die Menschen bis ins Mark. Aus seinen selbst übermittelten Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg, seinem Absturz als Stuka-Flieger auf der Krim, speisten sich nicht nur spätere Legenden, sondern auch die Wärme- und Kältesymbole in seinen Arbeiten: flüssiges Fett, Filz, Brot und Honig als Wärmepole und geistige Nahrung – und auf der anderen Seite die Sinnbilder der Kälte, des rationalen Denkens, des Materialismus und des Todes.

Iphigenie/Titus Andronicus, 1985,
Sammlung Deutsche Bank









Durch seine Kommunikationsgabe und das Sendungsbewusstsein wurde dieses Kraftfeld spürbar - in den Beuys'schen Bildern elektrischer Ströme, den Aggregaten, Batterien, Telefonen und dem leitenden Kupfer. Als selbst erklärter Versöhner und Heiler versuchte der Künstler, eine zutiefst zerrissene Generation in einen demokratischen und schöpferischen Seinszustand zu überführen, um gemeinsam nach einer Art neuem Paradies zu streben, das an der frühromantischen Vorstellung einer ursprünglichen Einheit orientiert war.


Erdtelephon, 1973,
Sammlung Deutsche Bank


Seine Überzeugung, dass Kunst die Kraft zu ganz realer, sozialer Veränderung in sich habe und die Idee einer ganzheitlichen, ästhetisch-ethischen Durchbildung der Gesellschaft erreichten früh auch die Deutsche Bank, zu der Beuys zeitlebens engen Kontakt pflegte. Den Künstler faszinierte das revolutionäre Sammlungskonzept der Bank, welches widerum ohne den Künstler bis heute undenkbar ist: Kunst nicht nur für Vorstandsetagen als Wertanlage, sondern als kulturelles Kapital, das allen Mitarbeitern, Besuchern und der Öffentlichkeit zu Gute kommen sollte; Kunst, die weder Imageprodukt noch Feigenblatt, sondern vor allem geistige und emotionale Dividende bedeutete, ein Angebot sich mit zeitgenössischen Themen auseinanderzusetzen.


Deklaration, 1969,
Sammlung Deutsche Bank


Ins Leben gerufen hatte dies in den späten siebziger Jahren der Bundesrepublik ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Herbert Zapp war zeitlebens erfüllt von der Überzeugung, auch die Kollegen in der Bank mit Kunst zu inspirieren. Er hatte Kontakt zu Galeristen und zu vielen Künstlern wie auch zu Joseph Beuys, der ihn freundschaftlich respektvoll "alten Kapitalisten" nannte. Doch den berühmten Künstler und den Bankvorstand verband mehr als nur feine Ironie, sondern vielmehr eine Beziehung voller Respekt und Humor. Als beide etwa nach Mannheim zu einer Ausstellungseröffnung des Künstlers fuhren, überließ Zapp Beuys großzügig seine Limousine mit Fahrer. Er selbst begnügte sich mit dem Platz am Steuer des begleitenden Sicherheitsfahrzeugs.


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