In dieser Ausgabe:
>> Matthew Barney
>> Früher Beuys - spätes Erbe
>> Phoebe Washburn
>> Erwin Wurm: Bin ich ein Haus?

>> Zum Archiv

 

Hinter diesen vordergründig unterhaltsamen Kunstgimmicks, verbirgt sich eine absolut eigenwillige Auseinandersetzung mit dem Skulpturbegriff, mit der Frage, welche Eigenschaften ein Objekt oder eine Situation haben muss, um als Plastik wahrgenommen zu werden. "Ich wollte Malerei studieren doch zufällig wurde ich Bildhauer", schreibt Wurm im Katalog zur Ausstellung, "Also begann ich darüber nachzudenken, was Skulptur heute sein könne. Das führte mich zur Untersuchung von Leere, Virtualität und Volumen – den grundlegenden Eigenschaften einer Skulptur." Auf genau beschriebene Weise und für eine festgelegte Zeit schlüpfen bereits 1992 in der Videoarbeit 59 Positions die Protagonisten derart "verkehrt" in Pullover, Trainingshosen oder Stretch-Röcke, dass sie am Ende zu bizarren und amorphen Körpergebilden erstarren. Bei dieser Serie habe er zum ersten Mal absurde Aspekte in sein Werk integriert, erinnert sich Wurm, für den "High Art" immer etwas Spirituelles, Intellektuelles an sich hat und die für ihn "sehr intelligent" sein sollte: "Der grundlegende Schritt bestand darin, die Idee von Dauerhaftigkeit und Ewigkeit hinter sich zu lassen. Skulptur konnte auch nur für einige Minuten oder Sekunden bestehen. Die Arbeit wurde auf die Ebene sofortiger Präsenz gehoben."

One Minute Sculptures, 1997
Sammlung Centre Pompidou, Paris, © VBK, Wien, 2006


Der Titel der Retrospektive The artist who swallowed the world deutet an, dass Wurms Arbeit dabei direkt in alltägliche Zusammenhänge und Massenkultur vordringt, dass er sich "die Welt" aneignet, geradezu "einverleibt", dass er alle nur erdenklichen Dinge und Zusammenhänge gebraucht und missbraucht. Menschen hüllen sich in Pullis als wären es Zelte, topfen sich kopfüber in Kübel, benutzen ihr Gesicht als Ablage für Utensilien: Wurms Anweisungen brechen radikal mit Konventionen von Schönheit und Ordnung. Sie sind Gegenmodelle zur bürgerlichen Welt. In einer konsumorientierten Kultur agiert der Künstler mit minimalsten Mitteln, und er stört die alltägliche Wahrnehmung. So lässt er bei seinen Modeaufnahmen für Hochglanzmagazine Dressmen wie dekorative Girlanden auf Bürgersteigen liegen, oder er zeigt schlanke Modelle, die als superfunktionale Handtaschenhalter fungieren. Mit der Frage wie sich eine Skulptur konstituiert, verbindet sich dabei die Frage wie sich Wirklichkeit konstituiert.


Fat Convertible, 2005
Private Sammlung, Brüssel,
Foto: Courtesy Xavier Hufkens, Brussels /Vincent Everharts, © VBK, Wien, 2006

Während Wurm "Mode" und Bekleidung zu zeltartigen Behausungen und Hüllen ausdehnt, verweist er zugleich auf die soziale Matrix, die uns umgibt wie eine zweite Haut. In den letzten Jahren hat Wurm aus den Minutenskulpturen neue, permanente Arbeiten entwickelt, die das Thema der Behausung ironisch thematisieren und die Vorzeichen von Körper und Hülle miteinander austauschen. Seine Fat-Serie (2001-2005) zeigt im wahrsten Sinne des Wortes übergewichtige, schutzlose Wohlstandssymbole: wabbelige Autos, die samt Ledersitzen und Karosserien aus allen Nähten platzen, ein voll gefressenes, aufgequollenes Haus, das aussieht wie ein riesiger überdachter Marshmallow. Im Inneren findet sich eine Klanginstallation, in der das Haus über seine Existenz als Kunstobjekt in der Ausstellungshalle philosophiert. "Bin ich ein Haus?", fragt es sich – und was es denn nun repräsentiert, ob es nicht lieber "draußen" sein sollte, um sein "Inneres" vor der Außenwelt zu schützen, um eine Zuflucht vor störenden Gedanken, Missbrauch, Gefahr zu bieten. Wurms ironische Arbeiten thematisieren moderne Ängste: Wie benimmt man sich angemessen angesichts des permanenten Wandels der materiellen, politischen oder künstlerischen Bedingungen?


Am I a house?, video, 2005
Private Sammlung, San Francisco, © VBK, Wien, 2006

Seine Anweisungen loten solche Fragen experimentell aus und kennzeichnen das Bemühen um gesellschaftliche, körperliche und spirituelle Kontrolle als fragilen und ziemlich aussichtslosen Balanceakt. Seine Anweisungen und Konstruktionen zeigen wie Menschen und Dinge unter zunehmendem Kontrollzwang die Beherrschung verlieren. So entwickelte Wurm mit seinen Instructions on how to be politcally incorrect (2002-2003) einen anarchischen Knigge für die desorientierte und paranoide Gesellschaft nach dem 11. September. In dieser Fotoserie spuckt man seinem Nachbarn in die Suppe, pinkelt auf teure Teppiche und steckt seinen Kopf in den Ausschnitt fremder Damen. Den zunehmenden Wettbewerb im Kunstbetrieb führt er bei den Performances zu Be nice to your Kurator (2004-2006) auf die Spitze, wobei er ausgewählte Kuratoren mit sehr unkonventionellen Liebesbezeugungen verwöhnt. Auf dem in der Sammlung Deutsche Bank vertretenen C-Print Kissing Gerald Matt (2006) gibt er dem Direktor der Kunsthalle Wien einen saftigen Kuss, auf anderen Bildern der Serie greift er Museumsleitern und Kunstexperten in die Hose, füttert sie mit Schokolade oder trägt sie auf Händen.

Kissing Gerald Matt, 2006 (be nice to your curator)
Sammlung Deutsche Bank
Foto: Rüdiger Ettl


Wie bei allen Skulpturen und Aktionen Wurms, geht es hier um Spielarten des Sich-Verbiegens. Die materielle Manifestation des Kunstwerkes ist zugleich der Ausdruck geistiger, politischer oder sozialer Verformungen. Wurm vollbringt das Kunststück, den Betrachter einem ambivalenten Spannungsverhältnis auszusetzen, ohne dabei belehrend oder allzu komisch zu werden. Es ist daher völlig egal, ob der Telekinetically bent VW-Van nun wirklich durch die Gedankenkraft eines indischen Gurus verbogen wurde. Er ist letztlich wirklich das Produkt unseres Denkens, unserer Vorstellung, ein Modell. Das Problem ist nur, dass dieses Modell dazu verdammt ist im Kreis zu fahren - es sei denn jemandem würde es gelingen, seine Fahrtrichtung "einzig und alleine mittels seiner Gedanken" zu ändern.

Keep a cool head, 2003
Foto: MUMOK/ Lisa Rastl, © VBK, Wien, 2006


[1] [2]