In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Cornelia Parker
>> Welt als Bühne: Gerard Byrne
>> Die Idyllen der Annelies Strba
>> Interview: Yehudit Sasportas

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Political Abstract, 1999,
© Cornelia Parker / Courtesy Frith Street Gallery, London,
Sammlung Deutsche Bank


Parkers Aktionen mögen destruktiv, oder gar gewalttätig anmuten. Dennoch vermitteln sie häufig ein Moment der Befreiung oder Heilung. Das dokumentiert auch ihr Werk Cold Dark Matter: An Exploded View (1991) in der Tate Modern ; eine raumfüllende Installation, die eine Gartenlaube zeigt, die in tausend Stücke detoniert. Die Explosion, die Parker auf einem Übungsgelände mit Hilfe der britischen Armee durchführte, scheint im Museum in einem Schwebezustand festgehalten: Stücke von verbranntem Plastik, Holz und Metall baumeln an feinen Metalldrähten im Raum, als würden sie umherfliegen und bilden einen Kubus aus geborstenen Teilen. Die in akribischer Kleinarbeit rekonstruierte Bewegung der zersplitternden Hütte vermittelt rohe Energie, doch in Wirklichkeit ist der Moment eingefroren, zum Stillstand gebracht, als würde der Gewalt Einhalt geboten. Die Drehachse dieser großartigen Installation bildet eine nackte, von der Decke baumelnde Glühbirne. In ihrem Licht werfen die unzähligen Bruchstücke Schattenbilder an die Wände, wie ein Verweis auf Platons berühmtes Höhlengleichnis. 1997 sollte Mass (Colder Darker Matter) diese Idee wieder aufnehmen, nur dass Parker hier auf delikate Weise auch die Idee göttlichen Eingreifens mitspielen ließ, anstatt selbst zu sprengen: Bei den verbrannten Bruchstücken handelte es sich diesmal um die Reste einer texanischen Kirche, die vom Blitz getroffen wurde.



Matter and What it Means, 1989,
Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London

Ob Parker nun für Thirty Pieces Of Silver (1988-89) eine Hängeinstallation aus Tafelsilber und Instrumenten anfertigt, die von einer Dampfwalze überrollt wurden, oder wie bei Matter and What It Means (1989-91) 8000 Pfundmünzen auf Zuggleise legt, um aus den platt gefahrenen Metallstücken ein filigranes Mobile zu bauen, dessen Schatten menschliche Umrisse ergeben – stets bewegen sich ihre Werke zwischen den Polaritäten von Destruktion und Transformation. Eheringe, Bibeln, Teelöffel – unzählige Gegenstände sind nach Parkers Methode behandelt worden.


The Measure of a man, 2005, © Cornelia Parker / Courtesy Frith Street Gallery, London, Sammlung Deutsche Bank

Doch während ihre Arbeiten auf "große Erzählungen", historische oder mythologische Zusammenhänge wie die dreißig Silberlinge des Judas anspielen, werden die Objekte, die sie zerstört und umwandelt, gerade durch ihre eigentliche Unscheinbarkeit und Alltäglichkeit bemerkenswert: "Ich benutze Objekte, die zum Klischee verkommen sind", merkt sie an. "Wenn ich zum Beispiel einen Ehering einschmelze, ist es dann das Klischee, oder der kulturelle Wert des Rings, der transformiert wird. Das gilt für all die Objekte, mit denen ich arbeite, ob es sich nun um eine Feder aus dem Kissen auf Sigmund Freuds Couch oder die Reste einer Kirche handelt, die vom Blitz getroffen wurde. Die Wahl meiner Materialien hat mit den Möglichkeiten ihrer Umwandlung und ihrer gesellschaftlichen Rolle zu tun."


A Side of England, 1999,
Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London


Trotz der großen Gesten, die Parkers explodierende, zerberstende, atomisierte Objekte vermitteln, haftet ihrer Arbeit etwas sehr Zugängliches, beinahe Intimes an. Deutlich spürbar wird dies bei Brontëan Abstracts , ihrer aktuellen Ausstellung im Brontë Parsonage Museum in Haworth, Yorkshire. Als viktorianische Schriftstellerinnen erschufen Anne, Emily und Charlotte Brontë einige der einprägsamsten Figuren der britischen Literaturgeschichte. Ihr einstiges Heim ist heute ein Museum, in dem ihr abgeschiedenes, häusliches Leben detailgetreu, aber recht konventionell dokumentiert wird. Parker versuchte dieses Ambiente "wiederzubeleben", ins Zwiegespräch mit den Schwestern und dem Bild zu treten, das wir uns heute von ihnen machen. Sie tat dies, indem sie die Hinterlassenschaften der Schwestern analysierte. Für ihre Installation scannte sie unter anderem handschriftliche Ausstreichungen im Manuskript von Charlottes Jane Eyre, Annes eingetrocknetes Taschentuch, Haare von Emily unter dem Elektronenmikroskop. Das Verfahren zeugt neue, assoziative Bilder: Die Spuren auf dem Taschentuch sehen aus wie eine Landkarte Englands, die gebrochenen Haarspitzen wirken in der Vergrößerung wie kleine, energetische Explosionen.



Brontëan Abstract (Charlotte Brontë's quill pen), 2006,
Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London

Hinter diesem akribischen Vorgehen verbirgt sich zugleich ein gewisser Humor. Der wird auch spürbar, wenn Parker von ihrer 2005 entstandenen Arbeit Beyond Belief spricht. Hierfür schmolz sie Kruzifixe ein und zog das geschmolzene Metall mittels eines Zieheisens zu einem feinen, gewundenen Draht, den sie wie die Linie einer Zeichnung zwischen zwei Glasplatten einschloss. "To draw" bedeutet im Englischen gleichermaßen "ziehen" wie auch "zeichnen" – und diese Doppelbödigkeit scheint Parkers Werk gut zu entsprechen. "All die Dinge, die ich verwende, hatten ein Leben", merkt sie an und beschreibt in einer Mischung aus Entsetzen und Vergnügen, wie obskur es für sie war, als sie die Kruzifixe in Pfandleihen sammelte: "Was geht wohl in dir vor, wenn du dein Kruzifix beleihst?"



Brontëan Abstract (Emily Brontë's hair),
Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London

Doch was veranlasst Parker immer wieder zu diesen Exkursionen, zur Auseinandersetzung mit tabuisierten Themen? "Wenn man sich mit Gewalt, Zerstörung oder Tod beschäftigt, oder einen Sarg mit Hammer und Meißel zerlegt, wie ich es getan habe, kann man den eigenen Ängsten auf sehr kreative Weise begegnen, fast wie bei einer Gestalttherapie", entgegnet Parker, "mich zieht das ungeheuer an". Die ständige Reibung mit diesen unbequemen Themen bedeutet für sie zugleich beständige Veränderung. In diesem Sinne sind ihre explodierenden Hütten, zerberstenden Kirchen und aufgerissenen Himmel auch nicht in ewigem Stillstand eingefroren, sondern im fließenden Übergang begriffen: "Es gibt da auch eine gewisse Ruhe", sagt sie, "einen Moment der Stille, eine geräuschlose Explosion. Vielleicht kennen Sie die Zeile in Burnt Norton, dem Gedicht von T.S. Eliot: "Am Ruhepol der sich drehenden Welt". In all den Konflikten dieser Welt herrscht auch Ruhe. Man muss sie nur finden."

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