In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Cornelia Parker
>> Welt als Bühne: Gerard Byrne
>> Die Idyllen der Annelies Strba
>> Interview: Yehudit Sasportas

>> Zum Archiv

 
Im Ruhepol einer sich drehenden Welt:
Cornelia Parkers abgründige Transformationen



Die Installationen und Fotoarbeiten von Cornelia Parker sind hyper-ästhetische oder gar idyllische Momentaufnahmen, die zugleich kulturelle und geschichtliche Gewalt thematisieren. Mit naturwissenschaftlicher Akribie lässt Parker Hütten und Kirchen explodieren oder Tafelsilber von Dampfwalzen überrollen. Ihre Fotografien der Serie Avoided Object zeigen friedlich dahin treibende Wolken. Doch tatsächlich wurden diese Aufnahmen mit der Kamera eines nationalsozialistischen Massenmörders geschossen. Louise Gray hat die Londoner Künstlerin getroffen.



Avoided Object, 1999, © Cornelia Parker / Courtesy Frith Street Gallery, London, Sammlung Deutsche Bank

Wenn man nicht hinunter blicken kann, weil das Leben auf der Erde so schrecklich ist, dass man den Verstand verlieren könnte, wohin richtet man dann den Blick? Als sie an den Fotografien für Avoided Object (1999) arbeitete, gab es für die Konzeptkünstlerin Cornelia Parker nur eine Antwort: nach oben. Und so war es der Himmel, in den sie ihren Blick richtete – oder vielmehr, das Auge der Kamera. Die mit Infrarot-Film aufgenommenen Bilder lassen das Dunkle noch dunkler erscheinen, das Weiß leuchtet noch blendender. Sie zeigen einen gewöhnlichen, stürmischen Tag in London.

Man sollte sich die überscharfen Kontraste des Abzugs genauer ansehen: das Schwarz, das Weiß, Schattierungen von Grau. Wären dies Videoaufnahmen, würden die Farbtöne geradewegs ineinander verlaufen und in einem osmotischen Prozess durch die Abgrenzungen zwischen Hell und Dunkel sickern, wie durch eine poröse Membran. Es ist gerade dieses Verlaufen, das Ineinanderfließen, für das sich Parker interessiert, einen Status, in dem die Dinge weder in dem einen noch in dem anderen Zustand sind. "Für mich ist Kunst Reibung", sagt sie. In ihrer Arbeit bedeutet das ein ständiges Hin und Her, die Bewegung zwischen Polaritäten. Zugleich wird in ihrem Werk eine Wahrheit ganz materiell erfahrbar: dass es kein "entweder – oder" gibt, dass die Dinge und Motive in dieser Welt nie ganz schwarz oder weiß sind.



Avoided Object, 1999, © Cornelia Parker / Courtesy Frith Street Gallery, London,
Sammlung Deutsche Bank

Um die ständige Bewegung zu verdeutlichen, die ihrer Arbeit zugrunde liegt, hat Parker häufig auf ganz unterschiedliche Materialien und Gegenstände zurückgegriffen und sie in etwas anderes transformiert. Das Objekt, das sie für Avoided Object verwendete, war allerdings so vorbelastet und historisch aufgeladen, wie keines zuvor in ihrer künstlerischen Laufbahn. Die Kamera, mit der sie die Aufnahmen zu ihrer Serie machte, gehörte ursprünglich Rudolf Höss, der zwischen 1940 und 1943 Lagerkommandant in Auschwitz war und zu den führenden Verfechtern der nationalsozialistischen "Endlösung" gehörte. Was würde wohl Höss, der für Millionen von Toden verantwortlich war, fotografiert haben? Der SS-Offizier, der sich kurz vor seiner Hinrichtung 1947 in einer schriftlichen Erklärung durch ein polnisches Gericht in Auschwitz als liebender Familienvater bezeichnete, war ein überzeugter Täter und einer der größten Massenmörder der Weltgeschichte. Besonders stolz war er darauf, als erster das Giftgas Zyklon B verwendet zu haben, um die Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz noch effizienter zu betreiben. Der von der Philosophin Hannah Arendt geprägte Begriff von der "Banalität des Bösen" mag einem in den Sinn kommen: Während Parker annimmt, dass seine Kamera keine schrecklichen Szenen "gesehen" hat, war es Höss, der einst sein Auge auf den Sucher presste - jener Mann der in Genozid und Hinrichtung nichts Böses sah, zielte mit dem Objektiv dieser Kamera auf seine Familie, Freunde, vielleicht sogar Wolken.



Cornelia Parker und Tilda Swinton, The Maybe (Detail), 1995,
Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London

Durch Parkers eigenwilligen Blick spiegelt sich in den Wolken etwas von Höss’ schrecklichen Taten und seinem Leben wider, eine abgrundtiefe Dunkelheit ebenso wie auch hellere, unbeschwerte Momente. Eigentlich, so erklärt sie, hatte sie vor, das Innere der Kamera zu fotografieren, aber als sich das als zu schwierig erwies, entschloss sie sich, das Gerät vom Londoner Imperial War Museum zu entleihen und es stattdessen in den Himmel zu richten. Sie erinnert sich an das Gefühl, als sie die Kamera zum ersten Mal benutzte: "Dieses Gerät in den Händen zu halten, war wie…", sie ringt nach Worten und macht schließlich ein Geräusch, als würde sie sich vor Grauen schütteln. "Natürlich ist die Kamera nicht böse, da ein Gerät nicht böse sein kann, aber ich wollte seine Geschichte nicht einfach ausblenden. Es selbst zu benutzten, war für mich ein Weg das Objekt zu reaktivieren und es einer anderen Bestimmung zuzuführen." Ursprünglich wollte Parker die Kamera im Rahmen von The Maybe ausstellen, jener inzwischen legendären Installation, die sie 1995 gemeinsam mit der Schauspielerin Tilda Swinton in der Londoner Serpentine Gallery realisierte.



Cold Dark Matter: An Exploded View, 1991,
Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London

Eine Woche lang schlief Swinton täglich mehrere Stunden in einem Glaskasten, umgeben von Requisiten, die Persönlichkeiten der Zeitgeschichte gehört hatten. Höss’ Kamera sollte dort nie gezeigt werden, da die Belegschaft der Serpentine dieser Idee völlig ablehnend gegenüberstand. Stattdessen ersetzte Parker sie durch die Kamera der US-Fotojournalistin Lee Miller, die zugleich Muse der Surrealisten gewesen war. Miller hatte 1945 die Befreiung der Konzentrationslager Dachau und Buchenwald fotografiert und später mit dem selben Gerät Modeaufnahmen für die Vogue gemacht und so "beide Enden des Spektrums" dokumentiert, wie Parker ihre Entscheidung angesichts der Aufregung um Höss begründet.


Political Abstract, 1999,
© Cornelia Parker / Courtesy Frith Street Gallery, London,
Sammlung Deutsche Bank


Doch warum nun ausgerechnet Höss’ Fotoapparat? "Ein Großteil meiner Arbeit dreht sich um Zerstörung und Neuerschaffung", merkt Parker an und fügt hinzu, dass gerade diese Arbeit auch sehr viel mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun hat. Die Künstlerin ist deutscher Herkunft. Ihre in Karlsruhe geborene Mutter war im 2. Weltkrieg Krankenschwester und geriet in Kriegsgefangenschaft, bevor sie nach Großbritannien ging und dort heiratete. Für die im ländlichen Cheshire aufgewachsene Künstlerin war die Beziehung zur jüngeren deutschen Vergangenheit daher stets gegenwärtig und durchaus schwierig. Liegt also der Idee, Höss’ Kamera in den Wolkenhimmel zu richten, so etwas wie homöopathisches Denken zugrunde? Soll die erneute Belichtung etwa wie ein Gegenmittel zur Dunkelheit funktionieren und die Idee des Bösen austreiben? "Ich mag diesen Begriff sehr", antwortet Parker. "Mich fasziniert das Denken der Homöopathie, dass man "Ähnliches mit Ähnlichem" heilt, dass man die geringe Potenz eines Giftes einsetzt, um eben jene Symptome zu kurieren, die dieses Gift auslöst."


[1] [2]