In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Cornelia Parker
>> Welt als Bühne: Gerard Byrne
>> Die Idyllen der Annelies Strba
>> Interview: Yehudit Sasportas

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Die hellen Schatten der Zeit
Annelies Strbas fotografische Familien-Exkursionen



Es ist eine entrückte und absolut weibliche Welt, die Annelies Strba auf ihren fotografischen Zyklen entwirft. Ihre Bilder bewegen sich zwischen romantischer Dramatik, Neo-Folk und digitalem Impressionismus. Zugleich handelt es sich bei den vermeintlichen Idyllen um distanzierte Langzeitstudien ihrer eigenen Familie: Seit nun über zwei Jahrzehnten sind Annelies Strbas Töchter und Enkelkinder zugleich ihre Modelle. Harald Fricke hat sich mit der schweizerischen Künstlerin über ihre Arbeit unterhalten.



Nyima 317, 2006,
©&Courtesy Annelies Strba/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Sie spielen Flöte, kämmen sich ihr langes Haar vor dem Spiegel oder liegen gedankenverloren im Bett. So zieht die Jugend von Sonja und Linda dahin, als melancholischer Erinnerungsfries an die achtziger Jahre. Aus den beiden Mädchen werden Teenager, die sich Poster von grimmigen Punkikonen wie Blixa Bargeld ins Zimmer hängen; und später sieht man Sonja mit ihrem Sohn auf dem Arm, während Linda sich scheinbar mehr zum Glamourgirl entwickelt. All das geschieht vor den Augen von Annelies Strba, die in ihrem Zyklus Shades of Time mit dem Fotoapparat über den Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten beobachtet hat, wie aus den Töchtern attraktive Frauen und dann ebenso attraktive Mütter wurden.



Nyima 318, 2006,
©&Courtesy Annelies Strba/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Das Ergebnis ist ein wunderbares Dokument für den stets ein wenig trägen Kreislauf des Familienlebens, der von Strba in unspektakulären Porträts und Momentaufnahmen in Szene gesetzt wird. Mit diesen Bildern ist die schweizerische Künstlerin in den späten neunziger Jahren zu einer der bedeutendsten Fotografinnen der Gegenwart geworden: 1999 hat Strba im New Museum in New York ausgestellt, 2004 war sie zur Architektur-Biennale in Venedig eingeladen; ihre Fotos sind in prominenten Sammlungen etwa der Kunsthalle Hamburg, des Maison Europeenne de la Photographie in Paris oder der Deutschen Bank vertreten. Zurzeit kann man ihre Arbeiten in thematisch weit gefächerten Ausstellungen wie In the Face of History in Londons Barbican Centre und ab 26. Januar 2007 in Fairy Tale in der New Art Gallery im mittelenglischen Walsall sehen.



Les cathédrales de monnaie 02, 2002,
Sammlung Deutsche Bank © Annelies Strba / Courtesy Frith Street Gallery, London


Nyima 240, 2005,
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Bei aller Aufmerksamkeit hat sich Strba ihre Privatsphäre erhalten. Noch immer lebt die 1947 in Zug als Tochter von jugoslawisch- und ungarischstämmigen Einwanderern geborene Künstlerin in der kleinen Gemeinde Richterswil unweit vom Zürcher See. Großstädte findet sie "absolut schlimm", wie sich im Gespräch schnell herausstellt, "das halte ich schon bei meinen Ausstellungen meistens kaum aus". Zum Arbeiten zieht sie sich in ihr Atelier im noch kleineren Betlis zurück, einem 36-Seelen-Dorf in 1.350 Meter Höhe. Dort gibt es reichlich Wälder und ein Hochmoor, das zuletzt in den Videos und Fotos zu Wonder und Frances und die Elfen eine zentrale Rolle gespielt hat: Entrückt liegen die mittlerweile erwachsenen Töchter in bauschenden Kleidern wie Shakespeares Ophelia im Moos oder reiten in gleißendem Licht unter Bäumen entlang, deren dürres Geäst die Frauen wie ein Spinnennetz umfängt.


Nyima 320, 2006,
©&Courtesy Annelies Strba/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Der Ort ist verwunschene Märchenlandschaft und Terra incognita in einem. Auf diesem Nebenschauplatz der Zivilisation entstehen archetypische Tableaus und Bildstrecken, die dem Symbolismus des Fin de Siecle verwandt sind und doch am Computer nachbearbeitet wurden. Im Spannungsfeld aus romantischer Theatralik a la Lord Byron und neofolkigem High-Tech-Spuk fügt sich das seltsame Geschehen zu einem allegorischen Reigen: ein Gespenstertanz im Morgentau der Moderne.



Nyima 154, 2003,
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Atmosphärisch hat sich Strba an dem Roman Wuthering Heights der britischen Schriftstellerin Emily Bronte orientiert. Das Buch war bei seinem Erscheinen 1847 ein Skandal – zu sehr wich die Geschichte um eine nicht standesgemäße Liebe, die in Hass und Rache bis in den Tod mündet, von der Moral des viktorianischen Zeitalters ab. Gleichwohl war die Intensität der Gefühle, die Bronte bildmächtig in allen Irrungen und Wirrungen schildert, für viele Künstler der folgenden Generationen eine ungeheure Inspiration. 1935 hat Balthus den Roman für die Neuauflage mit Illustrationen versehen, von denen Strba sogar einige Originaldrucke besitzt. Auch sonst empfindet sie eine große Gemeinsamkeit mit dem Maler: Wo Balthus wieder und wieder junge Mädchen in einer surrealen, hochgradig erotisch besetzten Rätselwelt darstellte, will sie zeigen, "wie auch meine Bilder von etwas handeln, was jeder zwar sofort deuten, aber doch nicht richtig begreifen kann".


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