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Body Politics:
Die Kunst Kiki Smith zu sein



Geschlechtlichkeit, Schmerz, Vergänglichkeit - mit den Themen ihrer Arbeiten traf sie in den Achtzigern den Nerv der von AIDS- und Gender-Debatten geprägten Kunstszene. Jetzt wird Kiki Smith, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, im New Yorker Whitney Museum mit der großen Retrospektive "A Gathering 1980-2005" gefeiert. Doch ist Smiths Kunst noch immer so poetisch-provokant wie einst? Cheryl Kaplan stellt die amerikanische Künstlerin vor.



Blue Girl, 1998,
Courtesy PaceWildenstein, New York,
Foto: Ellen Page Wilson

"Bei uns zuhause gab es keine Möbel. Wir lebten in dem Haus, in dem schon mein Vater aufgewachsen war. Als seine Eltern starben, kam seine Tante und nahm alle Möbel mit. Also holten wir uns dann alte Obstkisten vom Supermarkt, bemalten sie und nagelten Bretter auf ihre Rückseiten. Das waren unsere Kommoden und Nachttische." So beschreibt Kiki Smith in dem Dokumentarfilm Squatting The Palace von Vivien Bittencourt und Vincent Katz , der im Januar im New York Film Forum uraufgeführt wird, ihre Kindheit in New Jersey. Das klingt wie aus einem Dickens-Roman, besonders wenn man an die böse Tante denkt, oder nach dem Leben einer Zirkusfamilie.



Untitled, 1990, Walker Art Center, Minneapolis,
Foto: Cameron Wittig

Kiki Smiths Herkunft hat große Bedeutung für ihr Werk. Ihr Vater, der Bildhauer Tony Smith, wurde mit seinen minimalistischen Skulpturen bekannt und ihre Mutter Jane arbeitete als Opernsängerin unter anderem mit Tennessee Williams zusammen. Der Dramatiker war auch der Trauzeuge ihrer Eltern. Als Kiki in der vierten Klasse war, zog ihr Vater aus, um alleine zu leben. Doch Kiki und ihre beiden Zwillingsschwestern fertigten weiterhin die Papiermodelle für seine Skulpturen, die Mutter machte immer noch das Frühstück für die ganze Familie und organisierte beide Haushalte. Diese frühen Erfahrungen durchdringen Smiths Arbeit, verleihen ihren Skulpturen den eigenwilligen Humor, ein Gefühl von Verletzlichkeit, Angst, aber auch von Verspieltheit - Eigenschaften, die vielleicht auch ihre Leidenschaft für Performance-Kunst und das Theatralische erklären.



Sueno, 1992,
Sammlung Deutsche Bank


Erste Anerkennung als Künstlerin wurde Kiki Smith in den Achtzigern und frühen Neunzigern zuteil. Mit ihrer Arbeit traf sie den hyper-feministischen Nerv der Zeit. Smiths Skulpturen provozierten nicht nur durch ihre Materialien wie Kunstharz, Perlen oder Haar, sondern auch mit ihren Inhalten. Sie webte Haare in eine Wolldecke, Dowry (1990), oder stellte riesige leere Glasgefäße auf, die sie mit den Namen von Körperflüssigkeiten beschriftet hatte: Urin, Schweiß, Speichel, Schleim, Milch, Sperma. Pappmaché-Figuren baumelten von Galeriedecken herab als wären sie gerade gelyncht worden. Eine unbetitelte Arbeit aus dem Jahr 1989 besteht aus der unteren Hälfte eines Frauenkörpers, der durch eine Nabelschnur mit einem Säugling verbunden ist. Die Skulptur wirkt, als sei sie direkt von einem Frauenkörper abgeformt. Zugleich lässt sie auch an eine Hülle denken, einen Astronautenanzug, den man sich jederzeit für einen Weltraumspaziergang überstreifen könnte. Das erscheint typisch für Smith, die in ihren Arbeiten ständig ganz Persönliches mit Masken und Verkleidungen mischt.

Virgin Mary, 1992,
Courtesy PaceWildenstein, New York, Foto: Ellen Page Wilson


Über Tale, eine 1992 entstandene, lebensgroße, auf allen Vieren kriechende, nackte Figur sagte die Kunstkritikerin und Feministin Linda Nochlin: "Das war die erste Kiki Smith Arbeit, die ich je sah, und sie traf mich bis ins Mark. Die ganze Aufmerksamkeit wird auf die Rückseite der Figur gelenkt, auf die verschmierten Hinterbacken und das Rektum, aus dem so etwas wie ein langer Schwanz heraus kommt - es könnte Scheiße sein oder ein Stück Darm oder beides." Obwohl das Publikum Arbeiten wie diese als abstoßend empfand, war es dennoch fasziniert.



Kiki Smith und ihre Schwester Beatrice,
aus: Kiki Smith: Squatting the Palace,
Regie Vivien Bittencourt/Vincent Katz.
Courtesy Checkerboard Films

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