In dieser Ausgabe:
>> Kaiserring an Matthew Barney/ Gesponsert: Matta-Clark/ MMK empfängt Deutsche Bank/ Villa Romana Preis/ Lichtinstallation in Brüssel
>> Kunstmesse Istanbul / Stankowski in Bottrop

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"Geheimnisvolles Paralleluniversum"
Matthew Barney wird mit dem Kaiserring geehrt





Installationsaufnahme: all in the present must be transformed:
Matthew Barney und Joseph Beuys
Foto: Matthias Schormann
©Deutsche Guggenheim Berlin

Der Kaiserring der Stadt Goslar ist einer der international renommiertesten Preise für moderne Kunst. Seit 1975 vergibt die Stadt jährlich die ideelle Auszeichnung an wegweisende zeitgenössische Künstler weltweit. Sein hohes Ansehen verdankt der Preis zahlreichen prominenten Künstlerpersönlichkeiten, die den Ring bereits erhalten haben, darunter Henry Moore, Cindy Sherman oder, im vergangenen Jahr, Jörg Immendorf. 2007 wird der Kaiserring dem amerikanischen Multimediakünstler Matthew Barney verliehen. Er soll den goldgefassten Aquamarin in einer Sondersitzung des Goslarer Rates am 6. Oktober entgegennehmen, wie der Oberbürgermeister der Stadt beim traditionellen Neujahrsempfang in der Goslarer Kaiserpfalz bekannt gab. Mit der Auszeichnung ehrt die Jury "einen der großen Symbolisten der letzten fünfzig Jahre, der als Utopist künstlerische Arbeiten zum Thema der Geschlechtergrenzen erdacht hat." In seinen Werken verbindet Barney Film, Installation, Performance, Skulptur und Zeichnung. Seine Kunstvideos wie Drawing Restraint oder der fünfteilige Cremaster Cycle würdigte die Jury als "opernhaft im Maßstab und filmisch in der Form." Mit seinen Werken sei "ein unvergleichlicher labyrinthischer Privatkosmos entstanden, in denen mögliche Schöpfungsprozesse des Menschen mit Motiven und Symbolen aus der Mythologie, der Geschichte, der Geologie und Architektur zu einem geheimnisvollen Paralleluniversum verschmelzen."



Installationsaufnahme: all in the present must be transformed:
Matthew Barney und Joseph Beuys
Foto: Matthias Schormann
©Deutsche Guggenheim Berlin


Noch bis vor kurzem waren Werke Barneys in all in the present must be transformed im Deutsche Guggenheim in Berlin zu besichtigen. Die Ausstellungshalle Unter den Linden konnte mit der gelungenen Gegenüberstellung von Arbeiten Joseph Beuys' mit Werken des US-Kunststars die bislang höchsten Besucherzahlen für eine zeitgenössische Kunstausstellung verzeichnen. Eindrucksvoll zeigte die Schau konzeptionelle Gemeinsamkeiten zwischen beiden Künstlern, wie den metaphorischen Umgang mit Material, den transformatorischen Aspekt oder die Bezüge zwischen Aktion und Dokumentation. Mit dem Kaiserring kommt nun noch eine weitere Gemeinsamkeit dazu: Joseph Beuys hatte den Preis bereits im Jahr 1979 empfangen.

Dekonstruktion der Alltagswelt
Die Deutsche Bank sponsert Gordon Matta-Clark-Retrospektive in New York




Gordon Matta-Clark, Untitled (Tree forms), 1971
©Estate of Gordon Matta-Clark, Courtesy Generali Foundation, Wien

Er frittierte Polaroids in Blattgold, irritierte mit essbaren Kunstobjekten im selbst gegründeten Restaurant und amputierte ganze Gebäudeteile. Gordon Matta-Clark prägte in seiner kurzen, aber höchst produktiven Schaffenszeit die New Yorker Kunstszene der 60er und 70er Jahre maßgeblich mit. Sein innovatives Werk beeinflusst bildende Künstler und Architekten bis heute. Nun würdigt das Whitney Museum of American Art in New York den 1978 im Alter von 35 Jahren verstorbenen Kunstvisionär mit einer umfassenden Retrospektive. Die von der Deutschen Bank gesponserte Schau gibt vom 22. Februar bis zum 7. Juni mit zahlreichen Filmen und Fotografien sowie Skulpturen, Zeichnungen und Notizen einen Überblick über Matta-Clarks breit gefächertes Oeuvre.



Gordon Matta-Clark, Splitting 32, 1975
Collection of Jane Crawford and Bob Fiore,
Courtesy the Estate of Gordon Matta-Clark
and David Zwirner, New York

Der ausgebildete Architekt machte erstmals in den späten 1960ern mit Kunstprojekten für Alternativgalerien wie 112 Greene Street und Interventionen im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam. 1971 gründete er zusammen mit Künstlerfreunden das experimentelle Restaurant Food in SoHo, das zu einem zentralen Treffpunkt der New Yorker Avantgarde avancierte. Mit seinen legendären Building-Cuts gelang ihm kurz darauf sein künstlerischer Durchbruch. Unter anderem beeinflusst vom Dekonstruktivismus Derridas nahm Matta-Clark mittels Kettensäge Schnitte durch Abrisshäuser vor, die noch die Spuren ihrer ehemaligen Bewohner aufwiesen. Er entfernte Fassaden oder perforierte Wände. Diese geometrisch geformten Durchbrüche eröffneten neue Sichtweisen auf menschliche Lebensräume. Seine Anarchitektur thematisiert den baulichen Verfall, aber auch den sozialen Wandel von urbanem Raum. Ob als Künstler, als Architekt oder als Koch: Matta-Clark agierte stets an der Schnittstelle zwischen Kunst und Leben.

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