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Lineare Angelegenheiten:
Die Deutsche Bank New York stellt ihre jüngsten Neuankäufe vor



Eigentlich könnte die Präsentation von Neuankäufen eine reine Formsache sein. Doch hinter dem schlichten Titel "Recent Acquisitions" verbirgt sich eine Ausstellung, die zeigt wie junge Künstlergenerationen das Medium Papier nutzen, um kulturelle Identitäten und traditionelle Kunstgattungen neu auszuloten. Oliver Koerner von Gustorf über die Schau in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York.



Olav Westphalen, Ohne Titel (Snowmen), 2005,
Sammlung Deutsche Bank, © Galerie Michael Neff, FFM

Auf die Plätze, fertig, los: Iron Chef heißt die populäre US-Kochshow, in der zwei Teams um die Wette brutzeln und in 45 Minuten aus mitgebrachten Zutaten ein möglichst opulentes Menü kreieren sollen. Was Gourmets in kürzester Zeit auf die Beine stellen, sollte doch auch Künstlern gelingen, oder? Das dachten sich zumindest die Veranstalter von Iron Artist und ließen in diesem Juni im Skulpturengarten des New Yorker PS 1 vor einer prominenten Fachjury Künstlerteams antreten – zu einem spektakulären Event, in dem im Wettlauf gegen die Uhr Kunstwerke produziert wurden. Der absurde Wettbewerb für "Echtzeit-Kunstproduktion" zog über 1.200 Besucher an, die die Kontrahenten anfeuerten. Sieger nach Punkten wurde der in New York lebende Deutsche Olav Westphalen, der mit seinen Mitstreitern stilgerecht im silbernen Boxeroutfit antrat und in Windeseile einen gigantischen, sehr eleganten Schneemann aus Styropor schnitzte, der dann in einem improvisierten Holzrahmen auf den Kopf gestellt wurde.



Olav Westphalens Styropor-Schneemann
beim Iron-Artist-Event,
Courtesy Cabinet Magazine

Die Kunstwelt sei zur Zeit absolut vernarrt in Entertainment, bemerkte Westphalen nach seinem Sieg, und diese Idee habe er ebenso humorvoll wie provokativ aufgreifen wollen – gerade weil die Kunst im Vergleich mit "echter" Unterhaltung immer den kürzeren ziehen würde. Der begeisterte Rezensent des Kunstmagazins Cabinet fühlte sich bei Wesphalens Skulptur dann auch an eine Filmszene aus Dumm und Dümmer erinnert, in der Jim Carey Möhre und Eierkohlen nicht für die Gestaltung des Gesichts, sondern der Genitalien seines Schneemanns nutzt. Bei allem Humor geht es bei Westphalen genau um diese Irritation, die aus der Verschiebung von visuellen und kulturell besetzten Vorzeichen entstehen. Das zeigt auch sein Siebdruck aus der Snowman-Serie, der zurzeit in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York zu sehen ist. In seinen Papierarbeiten eignet sich Westphalen zeichnerisch die unterschiedlichsten Images an, Touristen-Schnappschüsse, Internetbeiträge, Artikel, Anzeigen – oder eben Karikaturen. Auf dem bei Recent Acquisitions ausgestellten Cartoon begegnen sich zwei Schneemänner, die offensichtlich aneinander vorbei reden. Während einer der beiden den Turban des anderen für einen Verband hält, und das Rote Kreuz in seiner Sprechblase die Frage nach erster Hilfe signalisiert, erscheint in der Sprechblase seines Gegenübers prompt der Halbmond als Symbol des Islam. Mit entwaffnendem Witz hinterfragen Westphalens Arbeiten kulturelle, religiöse und soziale Muster und berühren in Zeiten von Karikaturenstreit und Kopftuchdebatten die heikle Frage nach der Macht der Images.



Carlos Amorales, Archive Hybrid XXVIII, 2006,
Sammlung Deutsche Bank, © Carlos Amorales

"Die Zeichnung erobert die Pop-Kultur", äußerte der Künstler 2003 in der Zeitschrift Artforum. "Ein Großteil der neuen TV-Comedies sind Cartoons und Hollywood produziert Animationsfilme für Erwachsene was das Zeug hält. Das ist nicht nur beispielhaft für die Anziehungskraft und Schönheit der Zeichnung, sondern auch für die einzigartige Fähigkeit dieses Mediums, nachzuvollziehen wie der Geist Realität gestaltet: durch Wahrnehmung und Begriffsbildung, die ebenso wie die Zeichnung lineare Angelegenheiten sind." Mit zehn unterschiedlichen Positionen unternimmt Recent Acquisitions einen Trip in durch die globale Popkultur und zeigt zugleich, wie ambivalent Künstler auf die von Westphalen diagnostizierte "Gradlinigkeit" von visuellen Codes und massenmedialen Images reagieren. Im Mittelpunkt steht hierbei das Medium Papier.


Carlos Amorales, Archive Hybrid XXI, 2006,
Sammlung Deutsche Bank, © Carlos Amorales


Im Gegensatz zum ironischen Ansatz Olaf Westphalens erscheint Carlos Amorales Umgang mit grafischen Codes geradezu martialisch. Seine bei Recent Acquisitions gezeigte, 2005 entstandene Serie Hybrid wurde ursprünglich für die Ausstellung An Image Bank for Everyday Revolutionary Life im REDCAT Los Angeles angefertigt. Gemeinsam mit 16 anderen Künstlern wurde er dazu eingeladen, aus dem 11.000 Fotografien umfassenden Archiv des mexikanischen Wandmalers David Alfaro Siqueiros (1896-1974) einzelne Arbeiten auszuwählen und in neue Werke zu transformieren. Amorales lässt die als Vorlagen für Wandgemälde gesammelten Fotos von gotischen Madonnen, kommunistischen Paraden oder Wüstenkamelen als historische Folien erscheinen, die von abstrakten Negativformen durchbrochen werden. Die Motive aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen wirken, als hätte man sie mit einer Klinge kunstvoll zerstört, und in eine modernistische Rock-Ästhetik überführt. Amorales kulturgeschichtliche Reflektionen wirken dabei grafisch wie Plattencover. Das erscheint schlüssig – so gründete er mit dem Komponisten Julian Lede das Künstlerprojekt und alternative Bandlabel Nuevos Ricos. Seine Arbeiten greifen Elemente mexikanischer Volks- und Populärkunst auf und überschreiten häufig die Grenzen von Performance, Installation, politischer Aktion und öffentlichem Event. Der in Amsterdam und Mexiko arbeitende Künstler gehört zu den Stars der jungen Szene und war bereits auf Biennalen in Venedig und Berlin vertreten.



Marco Arce, Tigre con sol, 2006,
Sammlung Deutsche Bank

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