In dieser Ausgabe:
>> Deutsche Bank Collection Italy / Lobby Gallery
>> Divisionismus/ Neoimpressionismus im Deutsche Guggenheim

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Carolyn Castaño, Hair Boy No. 5, 2004, © Carolyn Castano, Los Angeles
Sammlung Deutsche Bank

Dass die junge, lateinamerikanische Szene einen bedeutenden Schwerpunkt bei den Neuankäufen der Deutschen Bank in Amerika bildet, zeigen auch die Beiträge des Mexikaners Marco Arce und der in Kolumbien geborenen Carolyn Castaño. Während Arce in The Tiger Series in Anlehnung an Comics, Bilderbücher und Verpackungen die mythologische Figur des Tigers in immer wieder neuen graphischen Kompositionen als kraftvoll-männliches Emblem erscheinen lässt, wirken Castaños zarte Hair Boys betont androgyn.


Carolyn Castaño, Hair Boy No. 4, 2004, © Carolyn Castano, Los Angeles
Sammlung Deutsche Bank

Als "Latina Pop" bezeichnet sie ihre bis zum Kitsch hochstilisierten, bunten Zeichnungen oder ihre mit Federn, Pailletten und Glitter überzogenen Collagen, in denen sich eine von Sex, Drogen, Geld und Schönheit faszinierte Kultur widerspiegelt. Die lustvolle und subversive Umkehrung geschlechtlicher Rollenbilder bilden für Castaño ein zentrales Motiv. Dabei fließen in ihre Arbeit ebenso Elemente des Glam-Rock wie auch Einflüsse des mexikanischen Films oder die Dekadenz des Fin de Siècle ein.


Neeta Madahar, Sustenance No. 87, 2003,
Sammlung Deutsche Bank, © Neeta Madahar, courtesy Galerie Poller, Frankfurt a.M./ New York

Wie bei Castaño gehört die ästhetische Übertreibung auch zu Neeta Madahars Strategie. Doch die in London lebende Künstlerin fokussiert sich hierbei ganz bewusst auf betont unspektakuläre, "natürliche" Abbilder wie die Meise, die auf der Fotoarbeit ihrer Sustenance-Serie (2003) an einer winterlichen Futterstelle mit Blitzlicht aufgenommen wurde. In seiner kristallinen Klarheit wirkt das Bild absolut künstlich, wie der Schaukasten in einem Naturkundemuseum oder eine gestellte Weihnachtskarte.

Im Laufe eines Jahres beobachtete Madahar während ihres Aufenthalts in Neu-England die Vögel, die sich im Baum vor ihrem Balkon versammelten. Es sei schwierig, der Versuchung zu widerstehen, menschliche Charaktereigenschaften auf diese Tiere zu projizieren, bemerkt Madahar zu ihrer Serie. Während sie in der Stilisierung merkwürdig fremd und dramatisch wirken, erscheinen ihre Beobachtungen der Nahrungsaufnahme mit kulturellen Projektionen befrachtet und werfen unterschwellig sehr emotionale Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit und Migration auf.


Kamrooz Aram,
Mystical Visions and Cosmic Vibrations, 2005,
Sammlung Deutsche Bank, © The Artist and Oliver Kamm/SBE Gallery


Auf ganz unterschiedliche Weise sind diese Themen für alle an Recent Acquisitions beteiligten Künstler relevant – ganz gleich, ob sie in ihren Arbeiten nun Anleihen von Cartoons, Filmen, Märchenbüchern oder traditionellen Kunstformen machen, sich auf Metaphysik oder politische Aspekte beziehen. Auf ganz gegenwärtige Weise verfolgen sie Fragen der kulturellen Abstammung und der von Globalisierung geprägten Realität, die gerade in New York alles andere als homogen erscheint. Das zeigt auch die Fotoserie mit der Jeff Chien-Hsing Liao den letztjährigen Wettbewerb gewann, den die New York Times unter dem Motto Capture the Times ausschrieb.




Jeff Chien-Hsing Liao, LIRR, Hunters Point, 2004,
Sammlung Deutsche Bank, © Jeff Chien HSING Liao, 2004; Edna Condinale for Jeff Chien HSING Liao, Julie Saul Gallery, New York


Mit 18 Jahren immigrierte der aus Taiwan stammende Künstler nach Kanada, um dann am Brooklyner Pratt Institute Fotografie zu studieren. Ausgangspunkt für seine 2004 entstandene Serie Habitat 7 ist die U-Bahnlinie Nr. 7, die den Times Square mit dem Stadtteil Queens verbindet. Während der letzten Jahre nutzte Liao diese Linie beinahe täglich. Die unterschiedlichen ethnischen Gemeinschaften, die sich draußen vor dem Abteilfenster der Hochbahn angesiedelt hatten, ließen ihn an einen Fluss denken, an dessen Ufern Zivilisationen entstehen. Dieses Bild setzte Liao in einer Serie fotografischer Panoramen um, die ein Porträt der dicht auf dicht folgenden Viertel bilden: "Während ich über Jahre hinweg an verschiedenen Orten entlang der Gleise des "International Express" gelebt habe, bin ich noch immer von der Vielfältigkeit der verschiedenartigen Communities überwältigt, in denen Menschen mit ganz unterschiedlichen ethnischem Hintergrund in relativer Harmonie miteinander leben", sagt Liao und erläutert weiter, "ich sehe die Linie 7 als einen Lebensraum von Immigranten, die dem typischen American Dream folgen und dabei ihre ethnischen Traditionen bewahren." Auch Recent Acquisitions könnte man in diesem Sinne als eine Schau verstehen, die Künstler ganz unterschiedlicher Herkunft zeigt, deren Mehrzahl in den USA lebt und arbeitet. Dabei gilt es allerdings die idealisierte Vorstellung eines zunehmend homogenisierten Global Village kritisch in Frage zu stellen: mit ganz diversen ästhetischen und konzeptionellen Ansätzen – aber stets auf der ganzen Linie.

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