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"Guru und Gegenspieler"
Die Presse über all in the present must be transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys



Das Deutsche Guggenheim lässt in seiner aktuellen Ausstellung zwei Heroen der Gegenwartskunst aufeinander treffen. all in the present must be transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys offenbart zahlreiche überraschende Gemeinsamkeiten, aber auch Differenzen zwischen dem politischen Visionär aus Deutschland und dem amerikanischen Kunstsuperstar. Ob das Ausstellungskonzept der Kuratorin Nancy Spector vom New Yorker Guggenheim aufgeht, ist in der Presse durchaus umstritten.

"Einen überraschenden Weg, Beuys zu revitalisieren", nennt Sebastian Preuss in der Berliner Zeitung die "anspruchsvolle Doppelausstellung", die den Amerikaner Matthew Barney "zu einer Art Wiedergänger, zu einem Erben und zugleich selbstbewussten Dialogpartner kürt. Der Blick schärft sich für entscheidende Parallelen und auch Beeinflussung." Gemeinsamkeiten entdeckt Preuss bei den Zeichnungen und den skulpturalen Arbeiten beider Künstler. "Wie Beuys begreift Barney Skulptur nicht als etwas statisches, sondern als Teil einer Handlung. Im Gegensatz zu Beuys' Konzept der "sozialen Plastik" steht bei dem ehemaligen Football-Star und Model der eigene Körper im Mittelpunkt." "Besonders nah kommen sich Beuys und Barney in den Zeichnungen. Beide sind Meister der zarten Notate und surrealen Diagramme, des Wechsels von dünner Linie, Farbschlieren und Collage-Elementen."

Nicola Kuhn vom Tagesspiegel erscheint es "zunächst gewagt" Beuys und Barney – "Guru und Gegenspieler" – in einer Ausstellung zu kombinierten. "Doch wenig später kommen einem auch schon die Gemeinsamkeiten dieses ungleichen Paares in den Sinn: der performative Charakter ihres Werks, der gnadenlose Ganzkörper-Einsatz, die existenzielle Selbstentäußerung, das narrative Element ihrer dramatischen Aktionen, der mythologische Überbau, die Verwendung von Wachs beziehungsweise Vaseline als Material, die Arrangements in Vitrinen als skulpturale Form, die Installationen." Wie bei der Gegenüberstellung von Beuys und Rodin in der Frankfurter Schirn "ist es wieder eine Amerikanerin, die sich Beuys mutig einverleibt und diesmal einem Zeitgenossen gegenüber zeigt: Nancy Spector vom New Yorker Guggenheim Museum gemeinsam mit der Deutschen Bank. Sie selbst nennt es "an experiment", zu sehen nun in der Galerie Deutsche Guggenheim Unter den Linden. Auch dort sind zwei starke Partner eine

fruchtbare Beziehung eingegangen, die seit fast zehn Jahren der Stadt einen kulturellen Mehrwert einbringt, um es mit Beuys zu sagen." Kuhn befürchtet zwar, dass die Doppelausstellung kein Publikumsrenner wird, aber: "Egal, der Erkenntniswille zählt. Und das ist im Kunstbetrieb eine honorable Haltung, wo die Quote zunehmend als wichtigste Rechengröße gilt." Die Ausstellungskonzeption allerdings erscheint ihr als "rein additiv". Die Ähnlichkeit der Zeichnungen empfindet sie dann aber doch als "frappierend", die Gegenüberstellungen der beiden zentralen Installationen als einen "echten Treffer". Kuhns Fazit: "Bei der Frankfurter Begegnung Beuys-Rodin erfuhr man noch Neues über das skulpturale Denken beider Protagonisten. Die Berliner Kombi bleibt da merkwürdig aussageschwach. Den Versuch war es trotzdem wert." In einem Interview mit der taz schließt sich der Architekt, Kurator und Kritiker Thibaut de Ruyter dieser Meinung an. Er bezeichnet die Ausstellung als "gutes Beispiel, wie man Kunst heute zeigen kann: statt einer riesigen spektakulären Maschine ein experimentelles Konzept. (…) Kein Erfolg, aber ein ungewöhnlicher Versuch voller Fragen und Möglichkeiten."

"Wächst im Deutsche Guggenheim Berlin jetzt zusammen, was ohnehin zusammengehört? Oder sind es eher Gegensätze, die sich anziehen?" Das fragt sich Jens Hinrichsen auf artnet und untersucht das Werk der beiden Künstler auf Gemeinsamkeiten, die dann auch er am ehesten bei den Zeichnungen entdeckt. "Doch schaut man hinter die Werkoberflächen und parallelen Arbeitsstrategien, bleiben die dahinter aufscheinenden Philosophien sehr unterschiedlich." "Spectors Versuchsanordnung" regt für Hinrichsen allerdings zu einem frischen Blick auf beide Künstler an. "Ist nicht, von Barney her gesehen, viel Farbe, viel Humor in Beuys' Kunst verborgen? Und steckt im Schaffen des Jüngeren nicht weit mehr heiliger Ernst, ja echtes Pathos, als man gemeinhin annimmt?"

Für Eva Lennier von der Welt ziehen sich die Gegensätze jedenfalls an. "Der eine ist ein großer Heiler, der andere ein heilloser Hedonist. Verbunden scheinen sie höchstens durch das minutiöse Ausformulieren einer eigenen Mythologie. Doch wenn man sucht, und das hat Nancy Spector (…) in bewundernswert genauer Weise getan, dann gibt es verblüffende Bezüge. Die Linienführung in den Aktzeichnungen etwa oder die Schlitten, die in Barneys Großinstallation Chrysler Imperial von 2002 als glamourös-ramponierte Gleitgefährte auftauchen." Und auch für Lennier sorgt die Kombination mit Arbeiten des jungen Amerikaners für eine neue Sicht auf den deutschen Kunstschamanen. "Was die Schau allemal glänzend leistet, ist, der Beuys-Betrachtung durch Barney eine neue, spannende, abgründig aufgeladene Wendung zu verleihen."