In dieser Ausgabe:
>> Made in Italy
>> Am Meer: Massimo Vitali
>> Reale Romantik: Alberto Garutti
>> Interview Angelika Stepken

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Arkadien ist anderswo
Massimo Vitalis Beobachtungen im kollektiven Freizeitpark



Sie gehört zu den Highlights der neuen Kunstausstattung der Zentrale der Deutschen Bank in Mailand: Massimo Vitalis Madima Wave begegnen täglich hunderte von Bankmitarbeitern. Die großformatige Fotoarbeit hängt in der Kantine. Während der Mittagpause eröffnet ihnen das Bild den Blick in eine Welt voll Sonne, Meer und Müßiggang. Doch die Panoramen des italienischen Fotografen zeigen alles andere als Urlaubsidyllen. Achim Drucks stellt den Chronisten der Freizeitgesellschaft vor.



Massimo Vitali, Papeete Prima, 2005,
Courtesy Brancolini Grimaldi/©Massimo Vitali

Massimo Vitali bevorzugt die Vogelperspektive. Wie ein Bussard, der auf eine Maus lauert, wartet er hoch oben auf seinem selbstgebauten Podest. Er lässt sich Zeit. Viel Zeit. Bevor die Touristen in Horden den Strand bevölkern, hat er schon seinen Hochstand aufgebaut. Und wenn sich die Sonnenanbeter dann auf ihren Handtüchern oder Liegestühlen räkeln, beachten sie den älteren Herren hinter der Großformatkamera gar nicht mehr. Sorgfältig wählt Vitali den Bildausschnitt und drückt ab.

Establishing Shots nennt man beim Film die Einstellungen, die dem Publikum den Ort der Handlung nahe bringen. Oft von einem erhöhten Standpunkt aus erhält man einen Überblick über eine Landschaft, eine Straße oder eine sorgfältig choreographierte Massenszene. Erst dann springt die Kamera dicht heran – dorthin, wo die Action ist. Massimo Vitali dagegen bleibt stets auf Distanz. Ganz egal, ob er Strände, Tänzer in Diskotheken, Skipisten oder die Autostadt in Wolfsburg fotografiert. Er wählt seinen Standpunkt, blickt auf die Menge und wartet. "Das ist wie eine Zen-Meditation. Du bist dort und die Dinge entwickeln sich vor deinen Augen." Unbeachtet registriert er die vielen kleinen Situationen. Dabei geht es ihm nicht um die dramatische Zuspitzung einer Geschichte oder Cartier-Bressons "entscheidenden Augenblick". Es sind vielmehr ganz viele entscheidende Augenblicke, die der Künstler in seinen gestochen scharfen Großformaten einfriert. Ein all-over von menschlichen Zuständen und Beziehungen, das Vitali gleichzeitig als Landschaftsbild und als Vielzahl einzelner Porträts versteht.


So sieht man auf Rosignano Solvay, Beach 2. August 1998 eine junge Frau mit einer Kamera in der Hand ihre Freundin instruieren, wie sie für ein Foto posieren soll, Hand in Hand schlendert ein junges Paar, zwei Freunde knabbern gelangweilt an ihren Snacks, ein glatzköpfiger Muskelmann betrachtet seine Freundin, die missmutig vor sich hin starrt. Man redet, raucht, beobachtet die Anderen oder döst einfach nur in der Sonne. Das Heer der Müßiggänger erobert an den Adriastränden auch noch den letzten Winkel: "Dolce far niente" auf dem Wellenbrecher – Madima Wave, der C-Print in der Mailänder Zentrale der Deutschen Bank, zeigt Urlauber, die mit ihren bunten Handtüchern sogar auf den ins Meer geschütteten Felsbrocken ihren Platz an der Sonne gefunden haben, während um sie herum die Brandung spritzt.


Massimo Vitali, Madima Wave, 2005,
Sammlung Deutsche Bank,
Courtesy Brancolini Grimaldi/©Massimo Vitali

Der Betrachter flaniert durch Vitalis riesige Formate, die er auch oft zu Dyptichen und Tryptichen kombiniert, und sucht sich die Personen aus, die ihn besonders interessieren. Er bleibt an einer Figur hängen, folgt ihrem Blick und fragt sich, mit welchem Mädchen dieser Junge wohl gerade flirten will. Jeder kann seine eigenen Geschichten kreieren. Auf Vitalis Fotoarbeiten verwandelt sich der Strand in eine Bühne, auf der man menschliches Verhalten viel genauer studieren kann, als es im wirklichen Leben je möglich wäre.



Massimo Vitali, Piombino Jump, 1999,
Courtesy Brancolini Grimaldi/©Massimo Vitali


Zur Kunst kam der 1944 in Como geborene Fotograf relativ spät. Sein Handwerk erlernte er zunächst am Londoner College of Printing, um dann ab den frühen Sechzigern als Fotoreporter für Magazine und Agenturen durch Europa zu reisen. Einer seiner ersten Aufträge war es, Jack Kerouac bei einer Promotion Tour in Italien zu begleiten. Dass er schon damals ganz genau hinsah, zeigen seine intimen Schwarz-Weiß-Porträts des Beat-Literaten. Erst kürzlich wurden diese Aufnahmen als Buch veröffentlicht. In den Achtzigern verabschiedet sich Vitali von der Fotografie und arbeitet als Kameramann für Film und Werbung. 1993 beginnt er, mit der Großbildfotografie zu experimentieren. Schnell gelingt ihm mit seiner Strand-Serie der internationale Durchbruch. Mittlerweile ist er in den Sammlungen des New Yorker Guggenheim Museums oder des Centre Pompidou vertreten, auf Kunstmessen sind seine Hochglanz-Panoramen der Massenkultur heiß begehrt.


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