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"Ich bin nicht gut darin, Witze zu erzählen"
Mit trockenem Humor recycelt Jonathan Monk internationale Kunststars



Er schickt Sol LeWitts Würfel in die Disko, pinkelt eine Hommage an Jackson Pollock in den Sand und trifft Andy Warhol in seiner Kaffeetasse: Jonathan Monk ist der größte Vampir der Kunstwelt. Sein Postkarten-Set The collectors’ leftovers ist jetzt im Hauptquartier der Deutschen Bank in Mailand zu sehen. Eigentlich wollte Tim Ackermann den englischen Künstler in dessen Lieblingskneipe treffen. Doch dann kam ihnen leider Monks Grippe dazwischen.



Jonathan Monk, The collectors' leftovers (Detail), 2003,
Sammlung Deutsche Bank


"We can try", antwortet Jonathan Monk auf die Frage, ob man mit ihm über seine Kunst sprechen könne. Es sind die Worte Sol LeWitts. Der amerikanische Konzeptkünstler hatte Monk exakt dieselbe Antwort gegeben, als dieser ihn um einen Interview bat. Das geplante Treffen zerschlägt sich leider. Der Engländer hat Grippe, fühlt sich "pretty terrible". Netterweise hat er sich zu einem Telefoninterview bereit erklärt. Jetzt liegt er in seiner Berliner Altbauwohnung auf dem Sofa und erzählt, dass er sicherheitshalber zwei Pullover übereinander angezogen hat. Gelegentlich unterbricht länger anhaltendes Husten die Konversation.



Jonathan Monk, A cube Sol LeWitt photographed by Carol Huebner
using nine different light sources and all their combinations
front to back back to front forever, 2000,
Foto: Dave Morgan, Courtesy of the artist und Lisson Gallery, London


"Wie war es, als Sie Sol LeWitt interviewt haben?" "Vor ungefähr sechs Jahren sind Hans-Ulrich Obrist und ich nach New York geflogen und dann mit dem Zug nach Connecticut gefahren, wo Sol LeWitt lebt. Ich wollte ihn für ein Buch, das ich zu dieser Zeit plante, interviewen. Ich fragte LeWitt, ob wir mit dem Interview beginnen können, und er antwortete: "We can try". Er redet einfach nicht gern über seine Kunst. Der Gedanke, den ganzen langen Weg möglicherweise umsonst gemacht zu haben, war natürlich ziemlich erschreckend."



Jonathan Monk, I saw Andy Warhol in my coffee cup for a second
and then he vanished, 2005,
Courtesy Galerie Yvon Lambert, Paris


"Wie ist das Interview gelaufen?" "Am Ende war es sehr gut. Ich habe ihm erzählt, dass ich aus einem seiner Bücher einen Film gemacht habe, und das hat ihn sehr interessiert. Er hat gesagt, er sei froh, wenn so etwas passiert. Dass seine Bücher, sobald sie einmal veröffentlicht sind, jedem frei zu Verfügung stehen – um sie zu benutzen und etwas Neues daraus zu machen."



Jonathan Monk, The space above Bruce Naumans head, 1997,
Foto: Galerie Nicolai Wallner, Kopenhagen

Monk hat ganz sicher etwas Neues daraus gemacht: Für das erwähnte Fotobuch hatte LeWitt ursprünglich einen simplen weißen Kubus von neun Lampen in diversen Kombinationen beleuchten lassen. Jede einzelne Lichtstimmung verlieh der minimalistischen Form des Würfels eine andere, ausdrucksstarke Gestalt, die dann abfotografiert wurde. Monk nahm LeWitts Buch und schnitt die Fotografien zu einem 20-Sekunden-Trickfilm hintereinander. Im Loop abgespielt, scheint es nun, als tanze der Kubus unter billiger Diskobeleuchtung.

Was wie ein Gag wirkt, folgt dem Prinzip von "Kunst über Kunst" – einer Arbeitweise, die sich explizit auf bereits existierende Werke und Konzepte bezieht. Monk verweist selber auf den Grundstein für seinen "tanzenden" Würfel: A Cube Sol LeWitt photographed by Carol Hueber using nine different light sources and all their combinations front to back back to front forever – der wahrscheinlich längste Werktitel der Welt. Zugleich ist er auch eine Verbeugung vor dem Vater der Konzeptkunst. Für Monk gehört Sol LeWitt offensichtlich zu den wichtigsten Inspirationsquellen. Führt doch der Engländer, der 1969 in Leicester geboren wurde, in seinen Werken immer wieder die Gültigkeit von LeWitts einflussreichem Leitsatz aus dem Jahre 1967 vor, nachdem in der Konzeptkunst die Idee der wichtigste Teil des Kunstwerks sei. Es gibt allerdings etwas, das Monk bei seinem Besuch in Connecticut dem geistigen Ziehvater verschwiegen hat: Für eine andere Arbeit hat er sich dabei fotografieren lassen, wie er auf einer von Sol LeWitts Open Cube-Strukturen herumturnte. So wie ein Kind auf einem Klettergerüst.


My name written in my piss, 1994, Courtesy the artist und Gallerie Nicolai Wallner, Kopenhagen


Wenn man es böse formulieren will, dann ist Jonathan Monk so etwas wie die Vampirfledermaus an den Pulsadern der Kunstwelt. Der englische Künstler steuert die internationalen Über-Artists an, saugt hier vom Herzblut Bruce Naumans, nascht dort ein wenig vom Ruhme Duchamps. Gerne und häufig wechselt er seine Spender, eines bleibt aber gleich: Wenn er mit Saugen fertig ist, ist er fetter geworden und die anderen sehen ein bisschen blasser aus. Monk bietet neue Blickwinkel auf bekannte Künstlerpositionen. Dabei werden eben auch Aspekte sichtbar, die diese Positionen vermissen lassen. Das Recyceln fremder Werke ist also das Markenzeichen des Engländers. Tatsächlich scheint er wie kein zweiter Kunst zu atmen, zu essen, zu verdauen. Monk kann nicht mal pinkeln, ohne dabei an die Kunstgeschichte zu denken: Als er 1994 seinen Vornamen formvollendet in den Strandsand strullte, war dies eine Hommage an Jackson Pollock. Der Großmeister des Dripping soll sich an selbiger Technik im zarten Knabenalter versucht haben.



My name written in my piss, 1994,
Courtesy the artist und Gallerie Nicolai Wallner, Kopenhagen

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