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Das gespaltene Haus:
Kuratorin Elisabeth Sussman über die große Matta-Clark-Retrospektive im New Yorker Whitney Museum


You Are The Measure, also Du bist der Maßstab lautet der programmatische Untertitel der grandiosen Retrospektive im Whitney Museum, die eine New Yorker Künstlerlegende ehrt: Gordon Matta-Clark, der mit seinen radikalen architektonischen Interventionen, Performances und Aktionen die Kunstszene der siebziger Jahre prägte und nachfolgende Generationen inspirierte. Cheryl Kaplan hat sich mit Elisabeth Sussmann, der Kuratorin der Schau, über den Mythos Matta-Clark unterhalten.



Splitting: Four Corners, 1974
©Estate of Gordon Matta-Clark,
Courtesy the San Francisco Museum of Modern Art

Als Gordon Matta-Clark 1974 das Haus seines Kunsthändlers Horace Solomon in New Jersey besucht, fliegen die Späne. Der Künstler hat die Motorsäge mitgebracht und beginnt einen Spalt in die morsche Außenwand zu schneiden. Solomon ist einverstanden, schließlich soll das verlassene Haus sowieso bald abgerissen werden. Also überlässt er es dem jungen Kettensägenschwinger noch schnell für eine seiner Kunstaktionen. Mit seinem Werk Splitting leistet Matta-Clark ganze Arbeit: Er sägt einmal durch das gesamte Gebäude vom Wohnzimmer über das Treppenhaus bis zum Dachboden. Zwar weiß zu dieser Zeit noch niemand so richtig, was der architektonische Eingriff bedeuten soll, aber alle finden die Aktion großartig. Schneidet sie doch quer durch den verblühten Traum des kleinbürgerlichen Amerika, wie durch ein Stück ranzige Butter.



Gordon Matta-Clark: Hair, 1972 (Detail)
Foto: Carol Goodden,
Courtesy the Estate of Gordon Matta-Clark und David Zwirner, New York

Matta-Clarks Cuttings, bei denen er in den siebziger Jahren zahlreiche Abbruchhäuser und Fabrikgebäude aufschnitt, gehören zum gesellschaftlich Subversivsten, was die amerikanische Nachkriegskunst aufzubieten hat. In einer großen Retrospektive gibt das Whitney Museum in New York nun erstmals seit 20 Jahren einen Überblick über das Schaffen des Künstlers, der 1978 im Alter von nur 35 Jahren an Krebs verstarb. You are the Measure – Du bist der Maßstab lautet der Untertitel der Schau, der darauf verweist, dass Matta-Clark, obwohl er an Gebäuden laborierte, immer auch die Gesellschaft im Blick hatte. Das feine Gespür des Künstlers für die soziale Bedingtheit von Räumen ist auch ein Grund, weshalb die Deutsche Bank die Retrospektive sponsert: "Gordon Matta-Clark hat die Aufmerksamkeit auf das Potential unserer gebauten Umwelt gelenkt. Er hat unsere Vorstellung des Alltäglichen verändert", sagt Gary Hattem, Präsident der Deutsche Bank Americas Foundation.



Tina Girouard, Carol Goodden und Gordon Matta-Clark
vor dem Food Restaurant, Prince Street - Wooster Street, New York 1971
Foto: Richard Landry, Bearbeitung: Gordon Matta-Clark
Collection of Caroline Goodden McCoy,
Courtesy the Estate of Gordon Matta-Clark and
David Zwirner, New York

Mit der Retrospektive kehrt Matta-Clark in seine Heimatstadt zurück. Als Sohn des berühmten chilenischen Surrealisten Roberto Matta in Greenwich Village aufgewachsen, ist sein Werk eng mit dem New York der siebziger Jahre verknüpft. Ein dreckiges, raues aber auch sehr lebendiges New York, das längst der innerstädtischen Gentrifizierung zum Opfer gefallen ist. Das Patenkind Duchamps lotete damals die Freiräume in der Stadt aus. Er bot im experimentellen Restaurant-Kollektiv Food als einer der ersten Sushi und andere Absonderlichkeiten an und gründete mit Freunden die Gruppe Anarchitecture als Gegenbewegung zur herkömmlichen Architektur. Über das künstlerische Multitalent sprach Elisabeth Sussmann, die Kuratotin der Matta-Clark-Retrospektive, mit Cheryl Kaplan.



Eve Sussmann bei der Eröffnung der
Gordon Matta-Clark Retrospektive
im Whitney Museum, New York

Cheryl Kaplan : Wenn man an Gordon Matta-Clark denkt, denkt man immer an den ewig 35-Jährigen. Als er aber 1943 in New York mitten im 2. Weltkrieg geboren wurde, lag Europa in Trümmern. Hat ihn das beeinflusst?

Elisabeth Sussman : Er liebte das alte Europa. Dass es durch den Krieg zerstört war, war ihm sehr bewusst. Keith Sonnier hat erzählt, dass Gordon Europa kannte, als es noch in Trümmern lag. Als Kind hat er seinen Vater in Paris besucht und als er 1948 an Tuberkulose erkrankte, war er für ein Jahr in einem Schweizer Sanatorium.

Sein Vater, Roberto Matta, hat ihn und seinen Zwillingsbruder ein paar Monate nach ihrer Geburt bei ihrer Mutter zurückgelassen. Wie hat dieser Verlust die Kunst von Matta-Clark geprägt?

Der Verlust hat seine Kunst nachhaltig geprägt, doch nicht in dem Sinne, dass sie melancholisch wäre. Gordons extreme Energie muss mit diesem tiefen Gefühl von Einsamkeit verbunden gewesen sein, mit dem Umstand dass sein Vater nicht an ihm interessiert war. Er hat versucht, den Verlust zu kompensieren.

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