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Ich ist ein Anderer:
Die Ausstellung „Out of Body“ in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York



Mit neun Positionen aus über drei Jahrzehnten untersucht Out of Body das Wechselspiel zwischen Performance, Portrait und künstlerischer Selbstrepräsentation. Oliver Koerner von Gustorf hat sich die Ausstellung in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York angeschaut.



Tim Sullivan, At the Ocean Floor, 2005
Sammlung Deutsche Bank

Tim Sullivan sieht aus wie der junge David Hockney. Mit seiner wasserstoffblonden Frisur, der runden, schwarzen Hornbrille schwebt er ausgestreckt über dem Boden, ganz so als sei er im freien Fall gestoppt worden. Das erinnert an die Fotomontage Der Sprung ins Leere, auf der sich der Franzose Yves Klein 1960 von einer meterhohen Mauer auf den Pariser Asphalt fallen ließ – mitten in das Abenteuer einer Aktionskunst, die zugleich die Bewegungen der sechziger Jahre einläuten sollte: Pop-Art, Fluxus, Zero, Concept- Body- und Performanceart. Bei dem 1974 geborenen US-Künstler sieht das allerdings gefahrloser aus. Der Sturz ins Bodenlose endet bei Sullivan nicht auf nacktem Beton, sondern im Wohnzimmer seiner Vorväter, über einem kuschelweichen Flokati-Teppich im hippen Retro-Ambiente. Vor einer im psychedelischen Rokoko-Ornament gemusterten Tapete scheint der Körper im Schwebezustand zwischen Kunst und Mode zu verharren. Sullivans 2005 entstandene Fotoarbeit At the Ocean Floor war erst jüngst bei der California Biennale 2006 zu sehen, mit der das Orange County Museum eine Bestandsaufnahme der aktuellen Westküsten-Kunst bot. Immer wieder zitiert der in San Francisco lebende Sullivan Ikonen wie Andy Warhol oder Chris Burden – Künstler der sechziger und siebziger Jahre, die er verehrt. Es erscheint passend, dass sein vermeintlich paranormaler Ausflug in die Kunstgeschichte tatsächlich eine ironische Geste ist, die von der Unmöglichkeit spricht, in der aktuellen Szene wirklich radikal zu sein.



Alexandre Orion, Metabiotics 8, 2003
Courtesy the Artist und Foley Gallery, New York

Out of Body ist der Titel einer Ausstellung in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York, die sich an die Spuren des Körpers in der Gegenwartskunst heftet und aktuelle Möglichkeiten der Selbstrepräsentation auslotet. Liz Christensen, Kuratorin der New Yorker Sammlung Deutsche Bank, hat neben Tim Sullivan acht weitere internationale Künstler in der Schau vereint, die zwar ganz unterschiedliche Positionen und Generationen der letzten Jahrzehnte markieren, aber in ihrem Werk allesamt performative Aspekte mit Fotografie verbinden. Dass der Titel auf eine außerkörperliche Erfahrung anspielt, ist programmatisch. Denn der Ausbruch aus den physischen Beschränkungen der Wahrnehmung, der Schritt von der Körperlichkeit hin zur Transzendenz, der Wechsel von der Aktion zur Kontemplation sind bestimmend für sämtliche hier vertretenen Werke.



Ana Mendieta, Silueta Work in Iowa 10, 1976-78,
Courtesy Gallery Lelong, New York

Dazu gehört auch der Nachlass einer Legende der New Yorker Kunstszene: die Fotoserie Silueta Works der in Kuba geborenen Ana Mendieta, die 1985 durch einen Sturz aus ihrem im 34. Stockwerk gelegenen New Yorker Apartment starb, acht Monate nachdem sie den Minimal-Künstler Carl André geheiratet hatte. Ihre Fotografien entstanden zwischen 1976 und 1978 während eines Stipendiums in Iowa. Im Gegensatz zu Sullivans distanziertem Statement sind diese Fotoarbeiten von poetischer Ernsthaftigkeit erfüllt. Mendieta ritzte die Umrisse ihres Körpers in die Erde, oder zeichnete ihn wie eine vergängliche, geheimnisvolle Spur nach, die sie mit unterschiedlichsten Materialien auslegte: Blumen, verdorrte Äste, Schlamm, Schießpulver, Asche.


Ana Mendieta, Silueta Work in Iowa 11, 1976-78,
Courtesy Gallery Lelong, New York


Die geisterhaften Silhouetten brennen sich in die Landschaft ein, verschwimmen zwischen Licht und Schatten. Im Laufe der Zeit entstanden Typologien, Figuren die die Hände über den Kopf erheben, um die Verbindung zwischen Himmel und Erde, Land und Wasser, Körper und Seele zu symbolisieren. In Medietas Arbeiten verschmilzt ihr Interesse an afro-kubanischen Ritualen und pantheistischer Santeria-Religion mit den ästhetischen Praktiken der siebziger Jahre, mit Earth- und Land-Art, Körperkunst und Performance. Zugleich verband sich die Hinwendung zur Natur für die US-Immigrantin mit der Rückgewinnung ihrer eigenen kulturellen Identität, deren Wurzeln in ihrem Heimat Kuba lagen.


Zhang Huan, aus der Serie Foam , 1998
Courtesy Max Protetch Gallery, New York


Die Geister der Vorfahren scheinen im wahrsten Sinne des Wortes aus den Arbeiten Zhang Huans zu sprechen. Der in New York arbeitende chinesische Kunst-Star zeigt in der 10-teiligen Fotoserie Foam (1998) sein mit Schaum bedecktes Gesicht, das an das Antlitz eines Neugeborenen denken lässt. Auf jedem der großformatigen Motive sieht man Fotos seiner Familienangehörigen aus dem weit geöffneten Mund blitzen – eine Stimme, die stellvertretend für Ahnen und Nachfahren sowohl nach außen, als auch nach innen spricht. Foam ist eine mit körperlicher und mythologischer Symbolik aufgeladene "Oral History", die die Erfahrung von Zugehörigkeit und überlieferten Familientradition als prägend für Kunst und Leben vermittelt. Die Expressivität, mit der Zhang seine Familiengeschichte thematisiert, gibt dem Betrachter das Gefühl, als würde der Künstler ihm etwas sehr Persönliches offenbaren.


Gillian Wearing, Self Portrait as my father, Bruce Wearing, 2003
Sammlung Deutsche Bank


Genau diesen Eindruck von Authentizität stellt Gillian Wearing mit ihrem Self Portrait as my father, Bruce Wearing , (2003) radikal auf die Probe. Auf den ersten Blick hat der Mann auf Wearings Porträtaufnahme nichts Außergewöhnliches an sich. Das Foto lässt ihn jung, aber von unbestimmtem Alter erscheinen, als einen "Lad" der britischen Arbeiterklasse, der seinen besten, etwas aus der Mode gekommenen Anzug trägt. In Jackett und Fliege scheint sich Wearings Vater zu unwohl zu fühlen, um wirklich elegant zu wirken. Wenn auch den Betrachter angesichts dieses etwas wächsernen Bildes ein unbestimmtes Unbehagen überfällt, ist das durchaus begründet. Denn das, was wir sehen, ist ganz und gar nicht das, was uns in Wirklichkeit vorgesetzt wird. Ich ist ein Anderer: tatsächlich ist die Person auf dem Bild Wearing selbst. Mit Hilfe von Latex, Gesichtsprothesen und Kunsthaar stellte die Künstlerin ein Original-Portrait ihres Vaters minutiös nach. Die Leichtigkeit, mit der die Britin in die Haut anderer Menschen schlüpft, zeigen sämtliche der im selben Zeitraum entstandenen Fotoarbeiten aus der Album-Serie, für die Wearing auch als ihr Bruder, ihre Schwester, ihr Onkel und ihre Mutter verkleidet posierte. Vergegenwärtigt man sich, dass es sich hier um eine von professionellen Maskenbildnern geschaffene künstliche Haut handelt, wird deutlich, wie erfunden diese "Familienzugehörigkeit" ist. Der Körper ist bei der britischen Künstlerin eine Projektionsfläche für eigene und kollektive Erinnerungen und Sehnsüchte – eine manipulierbare, soziale Konstruktion, die ebenso wenig "natürlich" ist, wie der Verbund der Familie.


Nikki S. Lee, aus der Serie Parts, 2002
Courtesy the Artist und Leslie Tonkonow Gallery, New York


Auch die in den USA lebende Koreanerin Nikki S. Lee könnte man als eine Art "Agentin" bezeichnen, die in fremde Häute schlüpft. Für ihre Fotoserien wie The Hispanic Project, The Hip-Hop Project oder The Skateboard-Project beobachtete Lee über einen bestimmten Zeitraum verschiedene ethnische und subkulturelle Gruppen und adaptierte ihren Kleidungsstil, ihre Körpersprache, ihre Haltung bis ins letzte Detail.

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