In dieser Ausgabe:
>> Das Comeback der Skulptur
>> Isa Genzkens Skulpturen
>> Tony Cragg: Interview
>> Manfred Pernice: Porträt

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Isa Genzken im Deutschen Pavillon mit dem Kurator Nicolaus Schafhausen
und dem Architekten Roger Bundschuh, Venedig September 2006,
Courtesy Deutscher Pavillon


Führt man sich Isa Genzkens Werk vor Augen, erkennt man ein durchgängiges und verlässliches Motiv: nämlich ihr Werk stets auf Augenhöhe zu verhandeln. Nirgendwo in ihrem Werk findet sich ein Überwältigungsgestus, so wenig wie ein allzu schnelles Entgegenkommen. Seit über 35 Jahren erzählt Genzken mit ihrer Arbeit sehr eigenwillig davon, was es bedeutet modern zu sein, wie man in einer "modernen" Gesellschaft lebt. Dieses Thema zieht sich wie ein Ariadnefaden durch ihr ebenso umfang- wie überraschungsreiches, weitläufiges Werk, das Skulptur, Fotografie, Film, Video, Arbeiten auf Papier und Leinwand, Collagen und Bücher umfasst.



Hyperbolos, Installationsansicht: Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam 1989
Courtesy neugerriemschneider, Berlin


Wie Beuys glaubt sie, dass Verständigung und Interaktion durch Kunst möglich sind, dass es so etwas wie einen sozialen und ästhetischen Fortschritt gibt. Schon seit Beginn ihrer Laufbahn spielen hierbei verschiedene Modelle des Sendens und Empfangens eine zentrale Rolle. Immer wieder geht es um Resonanz und Austausch. So auch bei ihren frühen Hyperbolos -Skulpturen, die Ende der siebziger Jahre entstehen. Diese sechs Meter langen, sich in der Mitte verdünnenden Röhren, beruhen auf so genannten Hyperbeln, mathematischen Kegelschnitten. Mit ihnen knüpft Genzken an die Idee von Donald Judds minimalistischen specific objects an, die das Verhältnis von Betrachter und Kunstwerk thematisieren und der Farbe eine plastische Form geben, die in den Raum hineinwirkt. Genzkens Röhren-Skulpturen gleichen aufgerollten Farbflächen. Zugleich erinnern sie an Klangkörper, die Schwingungen aufnehmen oder erzeugen.


Weltempfänger, 1992
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln


1980 entsteht eine Fotoserie, die in Großaufnahmen unterschiedliche Frauenohren zeigt. Immer wieder greift Genzken diese Motive auf und kombiniert sie mit ihren Skulpturen. Zur selben Zeit entstehen ihre ersten Weltempfänger , kleinformatige Betonquader, aus denen abgebrochene Radioantennen ragen. Im Laufe der Zeit werden die Beton-Empfänger an Sammler rund um die Welt verkauft und wachsen zu einem riesigen, metaphorischen Radio-Netzwerk, das an verschiedenen Punkten rund um den Globus sendet und empfängt.



Rose, 1993/97
Courtesy Galerie Daniel Buchholz

Es geht also um Botschaften. Doch während es sich bei Beuys-Skulpturen aus Fett, Stein, Kupfer und Readymades um Relikte seiner performativen Aktionen oder alchemistische Exempel für gesellschaftliche Heilung und Versöhnung handelt, erinnert Genzkens Ansatz eher an das berühmte Postulat des amerikanischen Medientheoretikers Marshall McLuhan: "The Medium is the Message". Auch wenn ihre Arbeit immer auf bestimmte soziale, ökonomische oder politische Situationen verweist, ist die Künstlerin vor allem eines – Bildhauerin. Ihre Beton- und Fensterskulpturen der Achtziger und Neunziger beschäftigen sich auf fast klassische Weise mit der Geometrie der Körper, mit Proportionen, dem Verhältnis von Innen und Außen. Zugleich verweisen sie als architektonische Fragmente, Ruinen oder Modelle auf die Nachkriegs-Tristesse, die sich in westdeutschen Großstädten aus den Visionen des Bauhauses entwickelt hat.



Fuck the Bauhaus, 2000
Courtesy Galerie Daniel Buchholz


Wie komisch melancholisch Genzkens bildhauerische Kommentare sein können, zeigt auch die meterhohe Rose, die sie 1997 auf dem Vorplatz der Leipziger Messe installierte. Millionenfach verschenkt, auf Grußkarten oder Geschenkpapier reproduziert, signalisiert die Rose Liebe, Romantik, Vergänglichkeit, Schönheit und Schmerz. Gerade diese ausgereizten, alltäglichen Assoziationen werden von Genzken genutzt, um die Grenzen zwischen Kitsch und sanktionierter, "moderner" Kultur radikal in Frage zu stellen: "Das Ziel ist, etwas zu machen, was diesem Platz, diesem bestimmten Platz fehlt", äußert sie zu ihrer Skulptur. Und so konterkariert ihre Rose die banale Monumentalität der riesigen Messehalle aus Stahl und Glas. Im Spannungsfeld zwischen Architektur, Werbung, Kunst und Design hinterfragt Genzken Größenverhältnisse, die Beziehungen zwischen Objekt und Betrachter, und untersucht, wie die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes unser Bewusstsein prägt und konditioniert.



Ausstellungsansicht mit Stelen von Isa Genzken
Deutsche Bank VIP-Lounge auf der Art Cologne; v.l.n.r:
Wolfgang und Untitled, beide 1998, Aquarium und Untitled (Orange),
beide 2001
Foto: Lukas Roth



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