In dieser Ausgabe:
>> Das Comeback der Skulptur
>> Isa Genzkens Skulpturen
>> Tony Cragg: Interview
>> Manfred Pernice: Porträt

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Vom Stolperstein zum neuen Star
Die Skulptur meldet sich mit Macht zurück



Video-Boom, Foto- und Malerei-Hype waren gestern. Jetzt feiert die Kunstwelt die "Rückkehr zur Skulptur". Nach der Fine Art Fair Frankfurt im April dieses Jahres stehen noch weitere wichtige Kunstevents ganz im Zeichen der Plastik – von Isa Genzkens Beitrag im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig bis "skulptur projekte münster ’07". Tim Ackermann hat der neuen Lust am Dreidimensionalen nachgespürt.



Ina Weber auf der „Quality Street" der Fine Art Fair Frankfurt 2007
Courtesy Fine Art Fair Frankfurt


"Skulptur", hat Ad Reinhardt einmal gesagt, "ist das, worüber man stolpert, wenn man zurücktritt, um sich ein Gemälde anzusehen." Nun ist der Minimal-Maler und größte Krawallrhetoriker der New York School auch schon seit vier Jahrzehnten tot und das Dreidimensionale in der Kunst hat weiter unbeeindruckt seine Erfolge gefeiert – von Oldenburgs riesigem Floor Burger über Beuys Fettecke bis zu Koons Silberhäschen und Hirsts Hai. Und dennoch: In den letzten Jahren sah es schwer danach aus, als wolle der Kunstmarkt Reinhardts Aphorismus wörtlich nehmen. Malerei gab das Tempo vor, allen vorweg die Neue Leipziger Schule. Skulptur, so schien es, diente auf den Kunstmessen bestenfalls noch als Absperrgitter, damit die Sammler im Sturm der Begeisterung nicht die Bilder von den Wänden reißen. Ein goldenes Zeitalter für alle Künstler, die einen Pinsel halten konnten.



Birgit Dieker, Olga, 2006/07,
„Die Macht des Dinglichen" im Georg-Kolbe-Museum, Berlin
Courtesy Galerie Volker Diehl


Doch die Zeiten haben sich geändert: 2007, so scheint es, wird das Jahr der dritten Dimension. Bereits im April machte die Frankfurter Kunstmesse, gesponsert von der Deutschen Bank, mit völlig verändertem Konzept auf sich aufmerksam – bei der Fine Art Fair Frankfurt wurde erstmals nur eine einzige Gattung gezeigt: Skulptur. In Berlin widmete sich unlängst eine Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum der Macht des Dinglichen. Auch hier gab es ausschließlich Skulpturen zu sehen. In Kürze wird nun die "Bildhauerin" Isa Genzken bei der Biennale von Venedig ihr Projekt für den Deutschen Pavillon präsentieren, das sie ebenfalls mit Unterstützung der Deutschen Bank realisiert hat. Knapp zwei Wochen später richten sich dann die Blicke des Kunstjetsets auf das beschauliche Münster, wo alle zehn Jahre das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit untersucht wird. Der Titel der Schau, die international als Bedeutendste ihrer Art gilt: s kulptur projekte münster. Auch im Deutsche Guggenheim wird demnächst an der Erweiterung des Skulpturbegriffs gebastelt, wenn dort noch im Sommer Phoebe Washburn eine Mischung aus Gewächshaus und Totalinstallation vorstellt. Skulptur, Skulptur, wohin man auch schaut.



Yehudit Sasportas, The Shadow's Wall, 2006
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin &
Sommer Contemporary Art, Tel Aviv


Die Zeiten haben sich geändert, und keiner weiß genau, womit es angefangen hat. Vielleicht wirklich mit Gerd Harry Lybke, der schon seit über zwei Jahren beharrlich die "Rückkehr zur Skulptur" beschwört. Den Stargaleristen treibt dabei sicherlich auch der Eigennutz – weil die von ihm vertretenen Malerstars Neo Rauch, Tim Eitel und Matthias Weischer die Nachfrage zurzeit nicht befriedigen können. Dennoch scheint der sächsische Trendsetter mal wieder den richtigen Riecher gehabt zu haben. Die Tatsache, dass der Anwalt der angesagten Leipziger Flachware auf dem letzten Art Forum Berlin seine Messekoje ausschließlich mit Dreidimensionalem ausstaffierte – unter anderem ein Wandfenster von Yehudit Sasportas und eine barock anmutende Figur von Stella Hamberg – war fast allen Feuilletonisten ein paar Zeilen wert. Das Art Forum 2006, bei dem auch andere Galeristen wie Michael Schultz, Barbara Thumm oder Sies & Höke den "Bildhauern" größeren Platz einräumten, könnte demnach nicht als Beginn aber vielleicht doch als Durchbruch des neu aufkeimenden Trends gelten.



Harald Klingelhöller, WHY POP, 2007,
Installationsansicht „Sicht Weisen – Kunst auf der Talachse", Wuppertal 2007
Foto: © Medienzentrum Wuppertal, Antje Zeis-Loi


Von den Galeristen proklamiert, von wichtigen Ausstellungen untermauert – wohl nicht zufällig erleben gerade Skulpturen und Plastiken auf dem Kunstmarkt eine Renaissance. So erzielte unlängst Alberto Giacomettis Bronzefigur L’homme qui chavire auf einer Versteigerung des Auktionshauses Christie’s einen Preis von 18,5 Millionen Dollar – posthumer Rekord für den 1966 verstorbenen Schweizer Bildhauer. Bei der gleichen Auktion brachte das Projet pour un monument von Joan Miró eine Summe von 9,8 Millionen Dollar ein – das Achtfache des Höchstpreises, der bislang für eine Skulptur des Spaniers gezahlt wurde. Grund für diesen aktuellen Boom dürfte kaum die oft kolportierte Vermutung sein, dass die Sammler ihre Wände mit Malerei voll gehängt haben und jetzt nur noch die Bodenflächen ihrer Apartments füllen könnten. Wahrscheinlicher ist es, dass der Run auf die Raumobjekte einfachen Marktgesetzen folgt. Aufwendige Skulpturen und Plastiken sind schon bei den Primärpreisen der Galerien deutlicher höher angesiedelt als Gemälde. Von Fotografien einmal ganz zu schweigen. Skulpturen haben daher vor allem in ökonomisch rosigen Zeiten Erfolg, und wenn ein Gemeinplatz die aktuelle Stimmung auf dem Kunstmarkt adäquat beschreibt, dann ist es der vom derzeit ungebremsten Cash-Flow.



Albert Hien, „Quality Street" - Fine Art Fair Frankfurt 2007
Courtesy Fine Art Fair Frankfurt


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