In dieser Ausgabe:
>> Das Comeback der Skulptur
>> Isa Genzkens Skulpturen
>> Tony Cragg: Interview
>> Manfred Pernice: Porträt

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Ob die Skulpturen nun Menschen, Ereignisse oder doch abstrakte Funktionen und Kraftfelder symbolisieren – durch eine Pernice-Ausstellung kann man nicht einfach hindurchjoggen. Nur wer sich einer aufmerksamen Lektüre der Belegleittexte widmet, entdeckt die Geschichten, die sich zwischen den Exponaten entspinnen. Eine besondere Bedeutung tragen die zarten Aquarell- und Bleistiftzeichnungen, die auch zur Sammlung Deutsche Bank gehören. Sie bieten Anleitung im Skulpturenparcours. Wer sich auf ihre Spur begibt, der stößt auf persönliche und durchaus auch sehr emotionale Geschichten. Wie bei einer großen Sperrholzkonstruktion, halb Dose, halb Container, in die er eine Fotoserie integriert hat. Bibette Headland hat Pernice seine Skulptur genannt, und sein Verhältnis zu ihr drückt er so aus: "Bibette Headland ist eher eine Bunkeranlage mit Dosen-Außenposten, die als Satelliten auch das Gelände absichern. Bibette Head (Biberkopf) ist der Name eines Geländes auf Alderney. Einer Kanalinsel, die von der deutschen Wehrmacht 1941 komplett evakuiert und dann in der Folge stark befestigt wurde – als möglicher Brückenkopf nach England. Einerseits sind ins Meer rutschende Bunker eingeprägte Erinnerung aus den Sommerferien meiner Kindheit am Atlantik. Andererseits konnte mein Vater – dessen Hitlerjugendwelt 1945 zusammenbrach – nicht über diese Zeit sprechen, und so blieb das 'Dritte Reich' gleichermaßen abgeschnitten entfernt wie immer gegenwärtig weil unbehandelbar. In dieser Hinsicht fühle ich mich wie die Insel Alderney: total evakuiert."



Installationsansicht, Bibette Headland, Kunstmuseum Wolfsburg, 1999
Courtesy Anton Kern Gallery, NY


In seiner Skulptur hat er den Bunker in eine provisorische Bretterbude übersetzt. Der integrierte Fotozyklus Walhallastraße/Fortunaallee von Ulrike Kuschel zeigt Bilder eines Berliner Wohngebiets, das in der Nazi-Ära aufgebaut wurde und in der DDR-Zeit sowie nach der Wende gleich zweimal baulich verändert wurde. Der "Bunker" verbinde sich nun mit der beschaulichen Eigenheim-Idylle zu einer abgründigen "Tätergedenkstätte", erklärt der Künstler.



Park-Dose: Johanniswall/City-Hof-Passage,
Bürgersteig Ecke Burchardstraße, 2000
Courtesy Galerie Neu

Auch in vielen anderen Arbeiten von Pernice wird das unscheinbar Alltägliche mit einem Subtext von historisch und geografisch konkreten Erzählungen aufgeladen, die zum Grübeln über Leben, Macht, Politik und das individuelle Schicksal anregen. Als Formenquelle dient neben Dosen und Containern die Architektur – auch hier nicht unbedingt die Pracht- sondern die unspektakulären Zweckbauten: Wohnsilos, Kanäle, Wehranlagen. Pernice spricht in diesem Zusammenhang mit seiner Kunst auch gerne von der "Verdostheit" der Welt. Wobei nicht ganz klar wird: Ist diese "Verdostheit" nun schlecht? Ist sie gut? "Die 'Verdostheit der Welt' ist ein Arbeitsmodell, das mir geholfen hat, mir die 'Umwelt' realistisch als in komplexer Weise vorgeprägt auszumalen", sagt Pernice: "Sich bei Allem vorzustellen oder herauszufinden, wie es dazu gekommen ist, ist hilfreich, um sich auch selber als Teil der großen Prägeanstalt 'Kulturzivilisatorischer Prozess' aufzufassen."



Thai-Dose: Klosterwall, Bürgersteig vor dem Thai-Restaurant "DinHau", 2000
Courtesy Galerie NEU


Die Menschen sind für Pernice also Dosen, weil sie geprägt durch Herkunft und Sozialisation in erwartbarer Weise agieren. In der "verdosten Welt" spielen sich die Verhältnisse innerhalb der organisierten Rahmenbedingungen ab und so bleiben sie übersichtlich und beherrschbar. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. "Die Dosen zu machen, ist auch ein Versuch, Ordnung zu schaffen", hat Pernice einmal in einem früheren Interview gesagt. In seinen Skulpturen löffelt er einzelne Aspekte aus der chaotischen Suppe der postmodernen Realität heraus und "verdost" sie. So wird das Leben klar, eindeutig, überschaubar. Und doch gibt es auch eine pessimistische Komponente bei dieser "Verdosung der Welt": Die Aura des provisorisch Hingebastelten von Pernices Plastiken erinnert daran, dass solche Ordnungen immer nur temporär sein können. Stets sind sie bedroht, von einer feindlichen Außenwelt wieder hinweggefegt zu werden.



Hässliche Luise, 2004
Courtesy Galerie NEU


Auffällig ist in diesem Zusammenhang Pernices gesteigertes Interesse an Sicherheitsarchitektur – an Bunkern, Küstenschutzanlagen oder Deichen: "Die Existenz des Menschen hängt mehr oder weniger vom Deich ab", hat er einmal mit Schreibmaschine unter das Foto eines blühenden Walls geschrieben. Doch der Deich kann brechen. Und die Dose wird zum Pulverfass, wenn der Innendruck zu stark wird. In Pernices Kunst werden Umwälzungen – auch soziale – immer automatisch mitgedacht.



Hässliche Luise, 2004
Courtesy Galerie NEU


Auch die DDR ist irgendwann geplatzt. Als der "Wessi" Pernice 1988 nach Berlin an die Hochschule der Künste ging, stand die Mauer noch, musste er noch über den Transit fahren. Auch nach der Wende hat sich der Künstler sein Faible für die "große Dose" bewahrt. Er sammelt Relikte des verschwundenen sozialistischen Staats: abgeschlagene Kacheln, zerfleddertes Geschenkpapier, Kitschpostparten. Für eine andere Arbeit schlachtete er einen zum Abriss freigegeben Plattenbau aus und interviewte die früheren Mieter. Vielleicht ist es ja so, dass Pernice mit seiner "Verdosung der Welt" der große Konservierer des Verfallenen ist. "Die BRD ist eben nur die Hälfte des deutschen Nachkriegs-Evakuums", erklärt der Künstler sein Interesse an der DDR. "In einem fortgesetzten Vergleich akzeptiere, schätze ich sogar mittlerweile mein westdeutsches Dasein und liebe unerwidert diese VEB-Kinder von Golzow und die Vorstellung und Realität einer in vielen Momenten besseren Welt." Und plötzlich, so scheint es, leuchtet der Himmel über Haldensleben doch noch einmal rosig auf.

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