In dieser Ausgabe:
>> Das Comeback der Skulptur
>> Isa Genzkens Skulpturen
>> Tony Cragg: Interview
>> Manfred Pernice: Porträt

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Deutschland in der Dose
Die provisorischen Skulpturen von Manfred Pernice



Sperrholz, Pressspan, Pappe – auf den ersten Blick wirken die Skulpturen von Manfred Pernice so spröde wie ihr Material. Doch der "bekannteste unbekannte Künstler Berlins" lädt seine Container und überdimensionalen Dosen mit historischen, gesellschaftlichen aber auch ganz persönlichen Bezügen auf. Tim Ackermann begab sich auf ihre Spur und stieß auf sehr emotionale Geschichten.



Manfred Pernice


"Die DDR ist die große Dose", sagt Manfred Pernice. Recht hat er – aber dann kommt es auf den Inhalt der Büchse an. Während auf westdeutschen Flaniermeilen wie dem Kudamm und der Kö schon immer Kaviar gereicht wird, gab es in den Fußgängerzonen der DDR eher Hering. Pernices Kunstwerk, das von einer ostdeutschen Fußgängerzone inspiriert wurde, spielt aber noch nicht mal in der Rollmops-Liga: Ein trostloser Sperrholz-Container mit Fenster und Tür, dessen Gestalt schlimme Erinnerungen an schmierige Imbissbuden weckt. Auf das Dach der Baracke führt eine Treppe, deren schmuckloses Metallgitter verdächtig nach Autobahnüberführung aussieht. Ein paar Meter weiter stehen ein paar alte Beton-Blumenkübel, in denen noch struppige Sträucher und ein dürres Bäumchen wachsen. Es wirkt, als hätten regelmäßig Penner, Punks oder Pinscher an die Steine uriniert.



Haldensleben, 2005
©Manfred Pernice


Haldensleben heißt die Kleinstadt in der Madgeburger Börde, die den Künstler Manfred Pernice zu dieser großräumigen Installation angeregt hat: Haldensleben, eine Arbeit von 2005, ist gerade im Rahmen einer Solo-Show des Künstlers im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Eigentlich geht es um die verzweifelten Selbstvermarktungsbemühungen von Haldensleben, dessen "Keramische Werke" ursprünglich das Interesse des passionierten DDR-Töpferwaren-Sammlers Pernice weckten. In Wahrheit haben nun in Köln gediegene Rheinländer die Gelegenheit, geballte ostdeutsche Trostlosigkeit zu erschnuppern. Abseits von solch deutsch-deutschem Provinzkaff-Exotismus bietet die Kölner Schau aber vor allem ein paar schöne Einblicke in das künstlerische Schaffen von Manfred Pernice.


Haldensleben, 2005
©Manfred Pernice


Etwas entfernt vom Sperrholzcontainer und in der allgemeinen Aura des Schäbigen untergehend, steht eine einsame, zylinderförmige Skulptur, die teilweise weiß angestrichen wurde. Eine überdimensionierte Dose. Das ist typisch Pernice: Dosen spielen bei ihm eine zentrale Rolle. Berühmt wurde der 1963 in Hildesheim geborene Künstler als er 1998 auf der ersten Berlin Biennale eine sechs Meter hohe Haupt- bzw. Zentraldose in der alten Akademie am Pariser Platz zeigte – als Anspielung auf den berühmten, nie realisierten Turmentwurf von Wladimir Jewgrafowitsch Tatlin. Das Besondere an Pernices Dosen: Sie bestehen nicht wie im Original aus Weißblech, sondern aus typischen Low-Budget-Materialien – Sperrholz, Pressspan, Pappe. Oft scheinen die Zylinder provisorisch, fragil, nur halbherzig zusammengeleimt.


Manfred Pernices Arbeit für die Documenta 2002 Courtesy Galerie NEU


Wie die Werke eines manischen Hobby-Bastlers, der immer kurz vor Vollendung einer Arbeit aufgibt und an einem neuen Objekt herumprokelt. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – des spröden Baumarkt-Schicks seiner Skulpturen, die oft zu "Dosenfeldern" zusammengestellt sind, hat Pernice ziemlichen Erfolg. Und das nicht nur an seinem Wohnort Berlin. Der Künstler wurde 2001 und 2003 auf der Biennale in Venedig gezeigt, 2002 auf der Documenta, im P.S.1 in New York, im Portikus in Frankfurt und so weiter. In diesem Jahr macht er bei den renommierten skulptur projekten münster mit. Ganz klar: Pernice ist ein neuer deutscher "Bildhauer"-Shootingstar. Der Herr der Dosen. Und erklärter Gegner des Dosenpfands: "Dosenpfand ist wirklich das Allerletzte!!" Mit zwei Ausrufezeichen.


Obwohl Pernice bei seinen Dosen und Containern geometrische Grundformen wie Zylinder und Quader verwendet, ist er meilenweit entfernt vom durchgestylten, polierten Minimalismus eines Donald Judd. Seine Skulpturen sind kein "L’art pour l’art" im referenzlosen White Cube. Im Gegenteil: Pernice unternimmt alles erdenkliche, um genau die scheinbar so abgehobenen Formen wieder fest in der Realität zu verankern. Mal tapeziert der Künstler seine Skulpturen mit Fotografien oder Collagen aus Texten, mal verziert er sie mit Kacheln aus dem Eingang des Gebäudes der Hamburger Bahnpolizei. Oft steht ein Zylinder auch für einen bestimmten Menschen, den Pernice interessant findet und deshalb "verdost" hat. Wenn also für eine Ausstellung ein "Dosenfeld" temporär zusammengestellt wird, ist das so, als ob sich eine flüchtige Gruppe von Personen bildet, die zwar zusammen, aber doch jeder in seiner eignen Dosenhülle stehen. Eine pessimistische Gesellschaftsvorstellung von innerlich vereinsamten Individuen? Der Künstler widerspricht:

Dose der Bahnpolizei: am Hauptbahnhof, Ecke Glockengießerwall/Steintordamm, 2000
Courtesy Galerie NEU


"Die verdosten Charaktere sind ja nicht hoffnungslos hermetische Fälle, sondern agieren ja auch mehr oder weniger interessiert in einer Dosenwelt. Verdostheit kann auch eine Bindung oder Beziehung sein, sei es eine liebevolle Gefangennahme oder ein qualvolles Ausgeliefertsein. Ich stellte mir die Dosen immer angefüllt und nicht geschlossen vor."







Beide: Ohne Titel, 1995
©Manfred Pernice
Sammlung Deutsche Bank

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