In dieser Ausgabe:
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Kunsttour mit 27 Gängen
Die „skulptur projekte münster 07“


"Kunst im öffentlichen Raum": Dieses schon immer streitlustige Konzept steht alle zehn Jahre im Fokus der "skulptur projekte münster". Natürlich lässt sich auch in diesem Jahr der Parcours der Plastiken am Besten per Fahrrad erkunden. Die vierte Auflage der legendären Übersichtsschau versammelt internationale Kunststars wie Bruce Nauman, Mark Wallinger oder Isa Genzken, deren Beitrag von der Deutschen Bank gesponsert wird. Die Künstler sind angetreten, die Reputation einer Idee zu retten, die in der Ära des Stadtmarketings in Verruf geraten ist – durch nervige Berliner Bären und bemalte PVC-Stiere. db artmag blickt aus der Radlerperspektive auf die Kunst.



Marko Lehanka: "Blume für Münster" on the Prinzipalmarkt,
Photo collage by the artist


Eine halbe Million Drahtesel auf den Straßen: Wer Münster besucht, muss einfach Fahrrad fahren. Natürlich ist das ein prächtiges Klischee. Zurzeit scheint es aber tatsächlich angebracht. Wie sonst als per pedales soll man die enormen Strecken bewältigen, um die Werke von 35 internationalen Künstlern zu sehen, die im ganzen Stadtraum verteilt wurden – in der Innenstadt, am Aasee oder auf dem Campus der Universität. Ab dem 17. Juni locken wieder einmal die skuptur projekte münster ins Westfälische. Seit 1977 wird dort im Zehn-Jahres-Abstand nach dem Verhältnis von Plastik und Gesellschaft gefragt. Eine Megaschau, die schon bei ihrer ersten Ausgabe internationale Superstars wie Claes Oldenburg oder Richard Serra gewinnen konnte. Alle zehn Jahre schwingt sich also in Münster das interessierte Kunstpublikum aufs Radl, um zu erfahren, was in Sachen "Kunst im öffentlichen Raum" state of the art ist.


Guy Ben-Ner, Sketch with Bike and Monitor
Photo: Roman Mensing/sp07

Wer sich eines der silbrig glänzenden High-Tech-Bikes schnappt, um schon mal im Vorfeld den Parcours abzuklappern, der kommt nicht umhin, über das Verhältnis von Kunst und Fahrrad im Allgemeinen nachzudenken. Das moderne Wunderwerk wirkt wie der durchgestylte, verwöhnte Enkel von Duchamps Roue de Bicyclette: Der französische Künstler hatte 1913 ein simples Speichenrad umgedreht und auf einen Schemel montiert. So schuf er den Prototyp für seine bekannten "Ready-Mades" und eröffnete der Skulptur eine ganz neue Dimension – das Banale des Alltags als dreidimensionales Kunstobjekt. Mit Claes Oldenburgs gigantischen Billardkugeln, die zu den ersten skulptur projekten aufgestellt wurden, fand diese Idee in abgewandelter Form auch in Münster Verbreitung.



Guy Ben-Ner in his studio
Photo: Roman Mensing/sp07


Ganz konkret auf Duchamp bezieht sich 2007 der Beitrag von Guy Ben-Ner: Der israelische Künstler hat mit seinen Kindern berühmte Rad-Werke der Kunstwelt nachgebaut, zerlegt und wieder zusammengebaut. Das Ergebnis dieser vollzogenen "Dekonstruktion" bekannter Arbeiten ist ein Tinguely-ähnliches Maschinenmonstrum. Tritt man in die Pedale, kann man über einen Mechanismus eine Leinwand bepinseln. Passt irgendwie gut in diese Stadt der strammen Radlerwaden.



Installation of Claes Oldenburg's Giant Pool Balls 1977,
Photo: Rudolf Wakonigg / LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte


Nur ein paar Fahrradminuten weiter findet man das nächste Kunstwerk. Hinter einer unscheinbaren Toreinfahrt in der Nähe des Hauptbahnhofs, zwischen Bürogebäuden und Parkhäusern, hat der amerikanische Künstler Mike Kelley eine kleine ländliche Idylle inszeniert. Einen Streichelzoo mit Eseln, Schafen, Ziegen, Ponys. Zentrales Element dieser animal farm ist allerdings eine lebensgroße, biblische Salzfigur, die Kelley aufgestellt hat: Lots Frau, die sich beim Untergang von Sodom und Gomorrha trotz des des göttlichen Verbots umdrehte und daraufhin zur Salzsäule erstarrte. In Münster lecken nun gelegentlich die Tiere des Streichelzoos an der Skulptur und verformen diese so während der Ausstellungsdauer. Das ist nur vordergründig ein Remake von Kader Attias Arbeit Flying Rats von 2005, bei dem der französische Künstler Kinderfiguren aus Körnerfutter von Tauben zerhacken lies. Kelley geht es nicht wie Attia um die Zurschaustellung von destruktiver Gewalt sondern um das Gegenteil: Um Liebe und Zuwendung und die Spielarten abweichender Sexualität, die im Englischen unter dem Begriff "Sodomy" zusammengefasst werden.



Guillaume Bijl,
Archeological Site (Sorry-Installation), Modell,
Photo: Roman Mensing/sp07


Ob Kelleys abgelutschte Salzfigur nun die religiösen Gefühle der erzkatholischen Münsteraner verletzt, ist noch nicht abzusehen. Ein Eklat scheint allerdings unwahrscheinlich. Schließlich ist die Stadt mittlerweile an Kunst im öffentlichen Raum gewöhnt. In den Siebzigern war das noch anders, wie die Gründungsgeschichte der skulptur projekte offenbart: 1973 stellte die Stadt an der Engelenschanze eine Skulptur von George Rickey auf – drei Edelstahl-Quadrate, die an einer Stange im Wind rotieren. Die Arbeit war ein Geschenk der WestLB, die im Gegenzug ein Grundstück für ihren Unternehmensneubau erwerben durfte. Der alte Münsteraner Zoo musste so dem Bankgebäude weichen, was bei der Bevölkerung für einigen Unmut sorgte – der sich auch gegen die geschenkte Skulptur richtete. "Damals war die Stimmung so aufgeheizt, dass die lokalen Zeitungen wirklich gegen die Kunst Rabatz gemacht haben", erinnert sich Kasper König, seit der ersten Stunde Kurator bei den skulptur projekten münster. Um die Debatte wieder zu versachlichen, initiierte damals der Direktor des Landesmuseums, Klaus Bußmann, eine Ausstellung zur Geschichte der modernen Skulptur von Rodin bis in die Gegenwart. 1977 wurde die Info-Schau dann gezeigt – mit einem Ableger im Stadtraum, dem "Projekt-Teil", kuratiert vom damals 34-jährigen Kasper König.



skulptur projekte münster 07: the Curators:
Dr. Brigitte Franzen, Prof. Kasper König, Dr. Carina Plath (from left)
Photo: Roman Mensing/sp07

Aus der Skandalgeschichte ist also heute eine Erfolgsgeschichte geworden. Bei den ersten skulptur projekten hatten empörte Münsteraner noch versucht Oldenburgs Pool Balls in den Aasee zu rollen. So etwas passiert heute nicht mehr. Doch auch die Kunst hat sich verändert, wie sich bei der weiteren Radtour schnell feststellen lässt. Während Oldenburgs Betonkugeln den Betrachtern als hermetisch abgeschlossenes Monument gegenüberstehen, suchen in diesem Jahr einige Künstler den direkten Kontakt mit der Münsteraner Bevölkerung und binden sie in ihr Projekt mit ein.

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