In dieser Ausgabe:
>> Skulptur Projekte Münster 07
>> Avner Ben-Gal: Glanzvolles Elend

>> Zum Archiv

 
Glanzvolles Elend
Avner Ben-Gals abgründige Welt



Obdachlose, Kleinkriminelle, Männer mit geschulterten Gewehren – solch dubiose Gestalten bevölkern die Bilder von Avner Ben-Gal. Sie zeigen eine düstere Welt voller Gefahren, seine aquarellhaften Gemälde sind dabei aber von hohem ästhetischen Reiz. Das Baseler Museum für Gegenwartskunst würdigt die Katastrophenszenarien des in Tel Aviv lebenden Künstlers dieses Jahr mit einer umfangreichen Soloschau. Cheryl Kaplan hat mit Ben-Gal, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in New York gesprochen.



Avner Ben-Gal, Tsunami, 2006
Courtesy of the artist and Bortolami Gallery, New York


Schon ein Blick auf die Titel seiner Gemälde macht klar: Avner Ben-Gal hat ein Faible für Katastrophen. Auf Arbeiten wie Tsunami, Sudden Poverty und Fear of Falling in the Street platziert er seine Protagonisten inmitten desaströser Szenarien. Tsunami zeigt ein Paar, das in einem angedeuteten Raum auf allen Vieren einer grauen Wasserwand entgegensieht, die ihm wahrscheinlich den Tod bringen wird. In Sudden Poverty sieht man zwei abgeschlagene Köpfe über einer von einem Hurrikan verwüsteten Landschaft schweben. In Fear of Falling in the Street liegt ein dicker, bärtiger Mann auf einem Berg Abfall und bettelt mit letzter Kraft um ein paar Münzen. Ben-Gal hat eine seltsame Vorliebe für Charaktere in hoffnungslosen Situationen. "Sie besitzen eine verborgene Seite, die enthüllt werden will", sagt der israelische Künstler. Sein Ensemble zwielichtiger Gestalten bewohnt eine Welt, die geprägt ist von Desastern. In Ben-Gals Werk fällt eine seltsame Dichotomie auf: Er zeigt einerseits Menschen, die hilflos Naturgewalten ausgesetzt sind, die sie nicht kontrollieren können. Oder eine von Menschen geschaffene Hölle, bevölkert von Individuen, die anscheinend keine andere Wahl haben, als in ihrem Elend weiterzuleben.



Avner Ben-Gal, Sudden Poverty, 2006
Courtesy of the artist and Bortolami Gallery, New York


Sein Gemälde Public Phone, ganz in verwischten Grautönen gehalten, zeigt einen einsamen Mann, der wie ein in die Jahre gekommener Hippie wirkt. Er lungert in einer Telefonzelle herum, als wäre sie sein zweites Zuhause. "Das Bild ist etwas schräg und ein bisschen achtziger-Jahre-mäßig. Wer benutzt denn heute überhaupt noch öffentliche Telefonzellen? Doch nur Leute, die etwas seltsam sind", kommentiert der Künstler. Er malt bevorzugt Menschen am Rande der Gesellschaft. "Es sind Junkies und dubiose Gestalten, entkommene Gefangene und Obdachlose. Sie sind nicht unbedingt Outlaws, aber oft nahe dran. Sie sehen unheimlich aus und irgendwie verdächtig. Bei uns in Israel gibt es viele Typen, die wirken, als wären sie gerade einem Roman von Charles Dickens entsprungen."


Avner Ben-Gal, Public Phone, 2006
Courtesy of the artist and Bortolami Gallery, New York


Avner Ben-Gal, Monkey in Bath, 2005,
Sammlung Deutsche Bank
Courtesy of the artist and Sadie Coles HQ, London

Wie die Taschendiebe und Kleinkriminellen des englischen Dichters haben sich auch Ben-Gals Schurken in ihrem Schicksal eingerichtet und geben sich ihrem Elend mit Freude hin. Assoziationen zu den politischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind dabei nicht beabsichtigt. "Ich male nicht, um politische Geschichten zu erzählen. Mich interessieren die verschiedenen Zustände der menschlichen Natur. Diese Leute versuchen einfach nur zu überleben." Sozusagen der Bodensatz der Gesellschaft, der sich kaum beachtet auf den Straßen herumtreibt.



Avner Ben-Gal, Gang, 2000
Courtesy of the artist and Bortolami Gallery, New York

Auch Ben Gals Zeichnungen und Aquarelle führen in eine düstere Welt. "Für die Zeichnungen arbeite ich mit Magic Markers und unruhigen Linien." Ihr schneller Stil erinnert an Comics – so auch seine Serie Salt Mine . Der Tenor dieser Arbeiten, die um Themen wie Sexualität und die Lust an Bestrafung kreisen, erscheint als besonders abgründig. Gang zeigt fünf Männer, die buchstäblich in Blut waten. Ihre besudelte Kleidung zeugt noch von einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Mit ihren aufgesetzten Tough-Guy-Posen wirken die bärtigen, langhaarigen Männer in ihren beigen Schlaghosen und den Rollkragenpullovern als wären sie einem brutalen B-Movie der siebziger Jahre entsprungen. Cool und völlig unbeteiligt haben sie sich wie für ein Familienfoto aufgestellt. Das Bild vermittelt eine erschütternde emotionale Leere und verunsichert den Betrachter, weil es die Brutalität der Szene als etwas völlig selbstverständliches präsentiert.


Avner Ben-Gal, Saltwater, 2002
Courtesy of the artist and Bortolami Gallery, New York

Genauso unbeteiligt wirken auch die Personen auf seinem Gemälde Saltwater. Eine Frau kniet mit nacktem Oberkörper vor vier Männern, die sich an dieser demütigenden Situation weiden. Einer hält in der rechten Hand eine Sektflasche, deren Inhalt er über die Brüste der Frau gießt, während er mit der Linken masturbiert. Die seltsame Mischung aus Aggression und Passivität vor dem Hintergrund einer in hellen Pastellfarbenen gehaltenen Landschaft verleiht dem Bild seine Sprengkraft.


[1] [2]