In dieser Ausgabe:
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Monika Sosnowska, 1:1, 2007
©Monika Sosnowska


Wie auch Mik gehört die Polin Monika Sosnowska zu den heißesten Anwärtern auf den begehrten Goldenen Löwen. Doch stehen bei ihr nicht Migrationsbewegungen oder innere Sicherheit zur Disposition, sondern der Umgang mit dem Erbe der Moderne in den ehemaligen Ostblockstaaten. Bei ihren Architekturstudien interessiert sie sich für gescheiterte Utopien, absurde oder unfunktionale Überbleibsel und provisorische Lösungen. Aus übrig gebliebenen Stahlträgern von typischen Büro- und Wohnhäusern, die im Stil der polnischen Architekturmoderne der sechziger und siebziger Jahre entstanden, hat sie ein gigantisches Grundgerüst für ein imaginäres Gebäude konstruiert und mittels Industriepressen so zusammen gestaucht, dass es genau in die Halle passt. Das Ergebnis ist ihre Installation 1:1 – ein schwarzes Stahlskelett, das erhaben modernistisch wirkt und zugleich anmutet wie ein archaisches Relikt aus längst vergangenen Zeiten.



David Altmejd, The Index, 2007
©David Altmejd, Foto: Ellen Page Wilson
Courtesy of Andrea Rosen Gallery, New York and
Stuart Shave/Modern Art, London


Sosnowskas Beitrag begeisterte einhellig Kritiker und Publikum. Doch auch angesichts von anderen Highlights wie etwa Sophie Calles Installation Take care of yourself, mit der die Französin ein hundertstimmiges Trennungsmelodram inszenierte, oder David Altmejds surrealem Spiegelkabinett The Index im kanadischen Pavillon ließ einen das Gefühl nicht los, dass die Kunst augenblicklich richtungslos ist, dass wirklich wegweisende Impulse fehlen: Große Worte zieren dennoch den Eingang zum italienischen Pavillon, der traditionell dem Biennale-Direktor als Ausstellungsfläche dient: Matter so shaken to its core to lead to a change in inherent form. Das hat Konzeptkunst-Urvater Lawrence Weiner in riesigen Lettern an die Fassade des weißen Kunsttempels geschrieben und darüber darf man erst mal eine Weile grübeln: Materie, die bis ins Mark erschüttert ist und so zu einem Wandel der eigenen innewohnenden Form führt? – das klingt, als solle hinter der Eingangtür das Kunstempfinden des Betrachters ordentlich durch den Teilchenbeschleuniger gejagt werden.



Sigmar Polke, Jugendstil, 2005
©Sigmar Polke,
Courtesy Michael Werner Gallery, New York and Cologne


Doch was der diesjährige Biennale-Direktor Robert Storr im italienischen Pavillon zeigt, rüttelt das Hirn weniger durch, als angekündigt. "Denke mit den Sinnen, fühle mit dem Verstand" hat Storr als Parole ausgegeben. Im Giardini-Teil der Schau verfestigt sich das konzeptuell doch eher flüchtige Leitmotto zu einem üppig-sinnlichen Parcours. Malerei, wohin man blickt. Und die Moleküle auf der Leinwand sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Bewegung gewesen – oder zumindest hat es den Anschein. Reminiszenzen an die Neunziger, die Achtziger, die Sechziger. Richter und Ryman sind zu sehen, Polke und Pettibon, Kippenberger und Ellsworth Kelly. Kunsthistorisch wirkt das alles sehr abgesichert und kaum wie ein echtes Wagnis oder markerschütterndes Erdbeben.



Ellsworth Kelly, Red Relief with White, 2007
©Ellsworth Kelly,
Courtesy: Matthew Marks Gallery, New York


Die Werke sind dennoch sehenswert. Etwa Gerhard Richters Gemälde, in dem sich die Formen in einer Matrix braun-grün-grauer Schlieren aufgelöst haben – wie das Bild eines falsch eingestellten Fernsehkanals. Hat sich hier die Weinersche Gestaltwandlung doch noch vollzogen? Klarer scheinen dagegen die Arbeiten von Sigmar Polke, der abstrakte violette Flächen mit den Silhouetten braver Kinder mischt. Die wunderbare Welt der Avantgarde, die staunenden Gesichter des Publikums gleich mitgemalt. Tatsächlich scheint es, als wolle Storr noch einmal die unterschiedlichen Entwicklungen der Malerei nach 1950 in einer Ausstellung nachvollziehen: Hard-Edge-Rechtecke von Ellsworth Kelly. Oder ein riesiger mit Graphitstift hingekritzelter Kreis des unlängst verstorbenen Minimalisten Sol Lewitt, der eine Graustufenveränderung von hell nach dunkel und dann wieder nach hell vollzieht. Schön krakelig sind auch die Figuren, die Dan Perjovschi, neuester Künstlerexport aus Rumänien, mit Filzstift auf die Wand malt.



Bruce Nauman, Venice Fountains (Detail), 2007
Foto: Bruce Nauman,
courtesy Sperone Westwater, New York,
©Bruce Nauman, by SIAE 2007


So dominant ist die physische Präsenz der Leinwand im italienischen Pavillon, das manche Kunstwerke allein deshalb in Erinnerung bleiben, weil sie keine Malerei sind: Ein leuchtendes Neonschild von Adel Abdessemed spielt in einem dunklen Winkel mit der orthographischen Nähe von "Exit" und "Exil". Eindrücklicher wirken jedoch Bruce Naumans Abgüsse von zwei Köpfen aus deren Hälsen unablässig Wasser in zwei Plastikwaschbecken sprudelt. Ist das noch eine Hommage an die venezianischen Brunnen oder schon ein Verweis auf die Enthauptungs-Gewaltakte islamistischer Terroristen? Ein paar Räume weiter ist noch einmal Sophie Calle vertreten, mit einer konzentrierten, leisen aber nicht minder aufwühlenden Arbeit. In einem Video verarbeitet die Künstlerin das Sterben ihrer Mutter und erklärt zugleich in einem Text an der Wand, wie akribisch sich die alte Dame nach der fatalen Diagnose auf ihr nahendes Ableben vorbereitet. Die letzten Tage, das letzte Musikstück.


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