In dieser Ausgabe:
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Gabriele Basilico, Beirut, 1991
courtesy of the artist and Studio Guenzani, Milano

Der Tod, das gesellschaftliche und das private Schicksal schaffen die gedankliche Verbindung zum mittelalterlichen Arsenale, wo der zweite Teil von Think with the Senses, feel with the Mind gezeigt wird. Hier zerfällt die Ausstellung leider etwas unter dem Ansturm des Politischen, dem Wunsch noch jeder globalen Misere möglichst umfassend gerecht zu werden. Ob nun der Argentinier Léon Ferrari ziemlich platt einen US-Bomber ins Zentrum eines Kruzifixes oder in Hieronymus-Bosch-inspirierten Papierarbeiten die Hölle der Gewalt betont, ob der Italiener Gabriele Basilico ausgebombte Ruinen in Beirut cool abfotografiert oder der Bulgare Nedko Solakov den Lizenzstreit um das russische AK-47-Sturmgewehr dokumentiert – gegen Krieg kann man eben überall auf der Welt Kunst machen. Dementsprechend stehen die Arbeiten dann Spalier in ihrer artigen political correctness. Eine ziemlich dröge Inszenierung, bei der sich der Blick in der Monotonie des dokumentierenden Mahnens leicht erschöpfen kann und der Betrachter Gefahr läuft, gelungene Arbeiten einfach zu übersehen. Den Zyklus zarter Tuschezeichnungen etwa, mit dem die Amerikanerin Emily Prince die toten US-Soldaten, die im medialen Bodycount zum aktuellen Irak-Krieg aufgehäuft werden, aus ihrer Anonymität herausreißt. Princes Zeichnungen verleihen den vermeintlichen Heroen des Kampfs für Enduring Freedom etwas Kindliches, beinahe Naives. Sie sind auch anrührend, weil sie verdeutlichen, wie jung diese Soldaten eigentlich waren.



Jason Rhoades, Tijuantanjierchandelier, 2006
Installationsansicht CAC Malaga,
courtesy of David Zwirner Gallery



Storr mag an mancher Stelle den didaktischen Zeigefinder zu heftig schwingen, doch es gibt auch in den alten Werfthallen des Arsenale Momente, in denen der Besucher in ein ebenso ästhetisches wie bedeutungsgeladenes Kunsterlebnis eintauchen kann. Etwa bei der konzentrierten Arbeit von Francis Alys, der mit blassen Zeichnungen und einem kleinen Videofilm der vermeintlich so entwürdigenden Arbeit des Schuhputzers doch eine Form von Würde und erhabener Schönheit verleiht. Oder die bunt blinkende Komplett-Trash-Installation Tijuanatanjierchandelier von Jason Rhoades, die Migration und das Gefälle zwischen den USA und ihren armen Nachbarn thematisiert und zugleich die poppige Kultur Mexikos zum visuellen Ereignis stilisiert. Dass ausgerechnet die sehr prominente Position des 2006 verstorbenen Westcoast-Stars Rhoades ästhetisch zum Frischesten gehört, was im Arsenale zu sehen ist, gibt allerdings zu denken. Und so wirkt auch diese etwas zu abgesichert auftretende Biennale merkwürdig verhalten, irgendwie im Übergang begriffen. Während die Themen, die die Künstler behandeln immer komplexer und brisanter werden, scheint es, als habe die Kunst noch keine Sprache gefunden, die den realen Bildern gerecht wird – die das einfängt, was Prince in seinem Song so treffend festgehalten hat: The Signs O’ The Times.

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