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Lebenslinien
Die große Brice-Marden-Schau im Hamburger Bahnhof



Er ist mit Bob Dylan und Patti Smith befreundet und gilt als einer der bedeutendsten abstrakten Maler seiner Generation. Jetzt wird Brice Marden im Hamburger Bahnhof mit einer grandiosen Retrospektive gefeiert, die die deutsche Bank als Sponsor fördert. Das Berliner Ausstellungshaus ist nach dem New Yorker MoMA und dem San Francisco Museum of Modern Art die letzte Station der umfassenden Werkschau. Achim Drucks über die kreativen Revolutionen in Mardens Werk.


Brice Marden im Hamburger Bahnhof
Foto: Achim Drucks


Irgendwann in den späten Siebzigern ist es der Künstler leid, typische Brice-Marden-Gemälde zu produzieren. Er wolle, wie er es einem Interviewer verriet, keinen "stillen kreativen Tod" erleiden, sich nicht mehr allein auf monochrome Leinwände beschränken. Die Begegnung mit fernöstlicher Kunst hilft ihm aus der künstlerischen Krise. Eine mehrmonatige Reise durch Thailand und Sri Lanka und der Besuch einer Ausstellung mit japanischer Kalligrafie in New York wirken wie ein Katalysator. Radikal verändert Brice Marden den Stil seiner Gemälde. In der chronologisch gehängten Berliner Präsentation meint man fast, einem zweiten Maler gegenüber zu stehen. Es wirkt wie ein Befreiungsschlag von den selbst auferlegten "spartanischen Beschränkungen", wenn plötzlich expressive Liniengeflechte die undurchdringlichen Farbfelder der Sechziger und Siebziger ablösen – jene Bilder, die ihn zu einem der prominentesten Vertreter der Abstraktion werden ließen.


Brice Marden: Couplet IV, 1988-89 The Museum of Modern Art, Fractional and promised gift of Kathy and Richard S. Fuld, Jr.
© 2006 Brice Marden/Artists Rights Society (ARS), New York


In seiner amerikanischen Heimat zählt der 1938 geborene Künstler längst zu den Klassikern. Hierzulande ist er weit weniger bekannt, doch das kann sich jetzt ändern. Die von der Deutschen Bank geförderte Retrospektive bietet erstmals in Europa die Gelegenheit, Brice Mardens Werk in seiner ganzen Bandbreite zu erleben. Bereits die ersten beiden Stationen der Schau im New Yorker MoMA und in San Francisco begeisterten gleichermaßen Kritik und Publikum. Anhand von 43 oft großformatigen Gemälden sowie elf Zeichnungen können nun die Besucher des Hamburger Bahnhofs Mardens Erforschung der Beziehungen zwischen Licht, Farbe und Bildoberfläche nachvollziehen.



Blick in die Ausstellung
Foto: Achim Drucks


Von den einfarbigen Gemälden geht eine meditative Ruhe aus. Das gedämpfte Grau von Return 1 (1964-65) ist typisch für die Farbigkeit seiner frühen Arbeiten. Zunächst beschränkt sich Marden auf Schwarz, Grau oder matte Grüntöne. Dabei eliminiert er den sichtbaren Pinselstrich, glättet die Oberflächen seiner Leinwände mit Messern und Spachtel. Belebt werden sie von Kratzern, Rissen oder Passagen, die die Grundierung durchscheinen lassen. Am unteren Rand seiner Gemälde lässt er oft einen schmalen Leinwandstreifen stehen. Spuren der heruntertropfenden Farben verweisen hier auf den Malprozess. Zuerst verwendet der Künstler noch konventionelle Ölfarben, deren Glanz ihn aber rasch zu stören beginnt. Seit 1966 mischt er sie mit Terpentin und heißem Bienenwachs. Dadurch wirken seine Farben matter und undurchdringlicher, verleihen den Bildern ihre ganz eigene Präsenz. Marden beginnt auch, mehrere gleichgroße Leinwände miteinander zu kombinieren. Etwa bei Point (1969), einer subtilen Komposition aus drei grün-grauen Feldern, deren Töne sich nur in Nuancen unterscheiden. Das Triptychon zitiert die Form eines Altarbildes. Statt einem Heiligen ist es allerdings den Variationen einer einzigen Farbe gewidmet.




Brice Marden: Return I 1964-1965
The Museum of Modern Art, Fractional and promised gift of Kathy and Richard S. Fuld, Jr.
© 2006 Brice Marden/Artists Rights Society (ARS), New York



Trotz aller formaler Reduktion setzen sich Mardens Arbeiten von den zeitgleichen Tendenzen der Minimal Art deutlich ab. Der kühlen Objektivität der neuen Avantgarde hält er seine Subjektivität entgegen und spricht von "hochemotionalen" Gemälden, "die man fühlen muss". Mardens monochrome Flächen erscheinen wie Destillate seiner Erlebnisse und Leidenschaften. In Nebraska (1966) spiegelt sich seine Begeisterung für das "exquisite Grün" der dortigen Landschaft. Zu den changierenden Beigetönen von Nico (1966) inspirieren ihn die "Blondheit und die hellen Hosenanzüge" der kühlen Velvet-Underground-Chanteuse. Die Musikszene spielte für den New Yorker in den sechziger Jahren eine wichtige Rolle. Durch seine erste Frau Pauline, die Schwester von Joan Baez, lernt er Bob Dylan kennen, der ihn ebenfalls zu einem Gemälde anregt. Später gehört er zu den Stammgästen der legendären Bar Max’s Kansas City, in der sich Musiker und Künstler mit Stars aus Hollywood und der New Yorker Underground-Szene mischen. Auch Patti Smith gehört zu den Stammgästen. Marden widmet der Freundin das 1974 vollendete Gemälde Star (for Patti Smith). Die Farbgebung des Hochformats – zwei schwarze Tafeln flankieren einen hellen Mittelteil – scheint auf den blassen Teint und das tiefschwarze Haar der Sängerin anzuspielen.


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