In dieser Ausgabe:
>> A Delicious Feeling of Confidence
>> Der lachende Pinsel
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Die Bar, die Freunde, die Stimme, die Bühne
Chus Martinez über Stand-up Comedy und das Projekt des Frankfurter Kunstvereins für die Frieze Art Fair



Für amerikanische Stand-Up Komiker wie Lenny Bruce war Stand-up Comedy in den Sechzigern durchaus eine politische Waffe. Jetzt transportiert der Frankfurter Kunstverein mit A Delicious Feeling of Confidence diese Idee in die Gegenwart – als künstlerische Strategie. An jedem Messetag wird auf einer speziell entworfenen Bühne ein Programm zu sehen sein, das Humor, Politik, Film und Performance verbindet. Doch wie politisch können Künstler als Entertainer tatsächlich sein? Oliver Koerner von Gustorf hat sich mit Chuz Martinez, der Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, über das von der Deutschen Bank geförderte Projekt unterhalten.


Chuz Martinez, die Direktorin des Frankfurter Kunstvereins,
Foto courtesy www.beckerlacour.com






Oliver Koerner von Gustorf: Wie ist die Idee zu A Delicious Feeling of Confidence entstanden?

Chus Martinez: Das Projekt begann mit einem Gespräch mit der Künstlerin Dora Garcia über die komplizierten Beziehungen zwischen zeitgenössischer Kunst und ihrem Publikum. Wir dachten darüber nach, ob es Modelle oder Situationen gibt, in denen das Verhältnis zwischen Künstler und Betrachter genauso schwierig ist, die man aber gleichzeitig auch als Entertainment betrachten könnte. Plötzlich fiel uns dabei Lenny Bruce ein, jemand, den wir beide anbeten. Bruce beleidigte sein Publikum, sagte Sachen wie: "Ich werde euch auf den Kopf pissen". Er riss Witze über den Klu-Klux-Klan und über Abtreibungen, aber die Leute fanden ihn trotzdem unglaublich witzig. Ich finde es sehr interessant, wie er Stand-up Comedy als ein Medium für wirklich sehr politische Aussagen benutzt hat.
Aber Stand-up Comedy besitzt noch einen anderen Aspekt, der mich fasziniert – die Tatsache, dass dabei eine Person mehr oder weniger allein auf der Bühne steht. Und an diese Person muss das Publikum wirklich glauben. Wenn man einen Komiker wirklich schätzt, dann geht man überall hin, um nur ihn oder sie zu sehen. Da brauch es keine tollen Show-Kostüme, kein Orchester oder sonst etwas. Du gehst in eine Bar, um ein paar Freunde zu treffen. Du nimmst einen Drink, sitzt dort und hörst zu. Denken Sie nur an Seinfeld. Jerry Seinfelds Sitcom repräsentiert dieses typische Stand-up-Setting. Es ist alles vorhanden: die Bar, die Freunde, die Stimme, die Bühne. Eigentlich wünscht man sich, dass es in der zeitgenössischen Kunst Leute mit einem ähnlichen Ansatz gäbe. Dass die Leute wirklich kommen, um sich diesen einen Künstler anzuschauen. Dass sie sich hinsetzen und sagen: "Lass uns mal sehen, was er oder sie uns heute Nacht zu bieten hat."



Komiker Lenny Bruce wird von einem Polizisten durchsucht, nachdem er wegen seiner
angeblich obszönen Sprache verhaftet wurde, San Francisco, 1961
© Bettmann/Corbis



Die Idee, mit dem Format der Stand-up Comedy zu arbeiten, entstand vor drei Jahren als die Frieze Foundation mich einlud, mit einem Projekt an der Messe teilzunehmen. Zu dieser Zeit arbeitete ich noch in Bilbao. Ich habe schon damals darüber nachgedacht, was es wirklich bedeutet, als Institution auf einer Messe präsent zu sein. Obwohl der Frankfurter Kunstverein keine kommerzielle Institution ist und einen gewissen Abstand zum Kunstmark hält, gibt es im Grund keine Positionen, die völlig unabhängig vom Markt sind. Einerseits wollen wir mit unserem Programm so etwas wie eine kritische Gegenstimme bieten und wirksame Strategien aufzeigen, die den wirtschaftlichen Aspekten des Messespektakels etwas entgegensetzten sollen. Wenn wir aber andererseits die Einladung zur Frieze annehmen, werden wir unvermeidlich aber auch Teil dieser Messe. Deshalb erschien es uns dieser Situation angemessen, das Medium Stand-up Comedy dazu zu benutzen, um genau diesen Widerspruch zu thematisieren. Wir wollen uns mit einem ironischen Dreh dieser Umgebung nähern, in der wir uns selbst ein bisschen wie Stand-up Komiker fühlen. Wir präsentieren Künstler als Entertainer, ohne jedes Drumherum, genau wie Stand-up Komiker. In Wirklichkeit sind sie natürlich keine Entertainer. Wir glauben, dass wir die Welt verändern können, auch wenn wir das Rezept dafür noch nicht parat haben. Aber wir arbeiten daran. Und wenn es uns nicht gelingen sollte, sorgen wir wenigstens Unterhaltung.



Tobias Putrih, Venetian, Atmospheric, 2007
52. Venedig Biennale, Slowenischer Pavilion
Foto Michele Lamanna, Courtesy the artist/Max Protetch Gallery, New York

Transportiert das Projekt eine provokante Botschaft?

Wir möchten dem Publikum zeigen, dass politische Opposition viele Stimmen haben kann und dass es dabei unterschiedliche Methoden gibt. Lenny Bruce steht für politisches Bewusstsein. Er war eine sehr vielschichtige, kritische Stimme. Seine Methode war effektiv: Er benutzte sein Stand-up Programm, um die Politik von Eisenhower und Johnson, den amerikanischen Puritanismus und engstirnige Vorstellungen von Religion, Rasse und Gesellschaft zu attackieren. Ich denke besonders jetzt, während der Ära der Bush-Administration, ist es an der Zeit, sich auf eine kritische amerikanische Stimme wie Lenny Bruce zu besinnen. Das bedeutet eben nicht, in sinnlosen Antiamerikanismus zu verfallen. Lenny Bruce war ja eine amerikanische Institution, auch wenn er mit vielem, was in seinem Land passierte, absolut nicht einverstanden war.



Tobias Putrih, Entwurf für das Auditorium auf der Frieze Art Fair, 2007,
Courtesy Frankfurter Kunstverein

Was wird das Publikum auf der von Tobias Putrih gestalteten Bühne erleben?

Der Frankfurter Kunstverein wurde als unabhängige Institution eingeladen und jetzt ist es an uns Künstler einzuladen. Etwa Tobias Putrih, ein in New York lebender Slowene, dessen skulpturale Strukturen und Environments immer eine soziale Funktion erfüllen und die das Publikum tatsächlich benutzen kann. Wir haben mit ihm hin und her korrespondiert, um ein passendes Setting zu entwickeln. Schließlich hat er eine Art Tribüne um eine runde Bühne herum kreiert. Seine Konstruktion besteht aus Holz, Pappe und Baugerüsten. An vier Masten, die wie lange Arme wirken, hängt das Beleuchtungssystem, fast wie bei einem kleinen Fußballstadion. Gleichzeitig erinnert das an ein künstliches Tier, eine Art Roboter oder einen metallenen "Transformer", der die Bühne von oben zu umarmen scheint. Das Publikum sitzt auf der Tribüne und es wird auch eine Art Kino geben, in dem man sich Filme anschauen können. Die gesamte Konstruktion wird einen eher rohen, industriellen Look haben. Tobias Putrihs ephemere Architektur ist eine sehr komplexe Struktur, die aber gleichzeitig sehr low-tech und handgemacht aussieht. Fast so, als ob jedermann sie entwerfen könnte. Dabei geht er auch sehr ökonomisch mit seinen Materialien um. Für das Programm haben wie vier Künstler als "Kuratoren des Tages" eingeladen. Jedem von ihnen steht ein Tag für sein Bühnenprogramm zur Verfügung.



Dora Garcia, It it not the past, but the future, that determines the present.,
aus: "Golden Sentence Series", 2001,
Installationsansicht Frankfurter Kunstverein, 2007,
Foto: Jonas Leihener


Haben die Künstler auch das Filmprogramm zusammengestellt?

Sie haben die Filme für das Programm vorgeschlagen. Das Projekt ist eine Gemeinschaftsarbeit von mir als seiner Initiatorin, den Co-Kuratoren Katja Schröder und Tobias Meyer sowie den vier beteiligten Künstlern. Es kam schon zu sehr witzigen und anregenden Gesprächen, als wir die Filme gesichtet und neues Material gesucht haben. Die erste Künstlerin, an die wir gedacht haben, war Dora Garcia. Mit ihr hatte ich ja das ausschlaggebende Gespräch zu diesem Projekt geführt. Sie wird das Programm mit einer Hommage an Lenny Bruce starten. Sein diskursiver Humor passt gut zu Garcias konzeptuellem Ansatz, der sehr trocken, intelligent und in gewissem Sinne linguistisch ist. Ein Schauspieler wird die Nummern von Bruce nachspielen, den ganzen Tag lang, Witz für Witz. Außerdem wird es am ersten Tag eine kleine Performance geben: eine Slapstick-Nummer der Künstler Gabriel Lester und Loris Greaud, die der bekannte lettische Kurator Raimundas Malasauskas vorgeschlagen hat. Dabei werden monochrome Gemälde ganz plötzlich von den Galeriewänden auf den Boden krachen.

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