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Zurück in die Geschichte der Fotografie:
Jeff Walls Ausstellung Exposure im Deutsche Guggenheim Berlin



Nach den großen Retrospektiven in Basel, London und New York zeigt nun das Deutsche Guggenheim in Berlin eine Auswahl von Jeff Walls jüngsten, schwarzweißen Fotoarbeiten, denen frühere Werke zur Seite gestellt werden. Brigitte Werneburg über Walls Rückbesinnung auf die amerikanische Fotografie der Depressionszeit und seinen Kampf um das perfekte Bild.



Jeff Wall, Milk, 1984, The Museum of Modern Art, New York,
© 2007 Jeff Wall


Die große Jeff Wall-Retrospektive von 2005/06 in der Tate Modern in London und im Baseler Schaulager zeigte deutlich, wie groß das Arsenal der Arbeiten Walls ist, in deren Kontext das knappe Dutzend vollkommen makelloser, scharfsinniger Bilder erst entstehen konnte, die unsere Fantasie bei jeder Begegnung erneut beschäftigen. Und das seit Jahrzehnten: Mimic (1982), der vermeintliche Schnappschuss einer ebenso beiläufigen wie unfreundlichen Anmache auf der Straße, zählt zu diesen fest in unserer Erinnerung verankerten Ikonen der jüngsten Kunstgeschichte. Oder Milk (1984), das Bild einer völlig undefinierbaren Situation, in der die Milch, die ein junger Mann aus einer Tüte presst, in einem grandiosen Bogen durch die Luft schießt. Und schließlich ist da der Blick in die Behausung des Invisible Man (1999-2000) aus Ralph Ellisons gleichnamigem Roman. Ihn zu realisieren verlangte einigen Mut, wagte sich Jeff Wall doch damit in den künstlerisch riskanten Bereich der Illustration.



Jeff Wall, After "Invisible Man" by Ralph Ellison, the Prologue, 2001,
The Museum of Modern Art, New York,
© 2007 Jeff Wall


Doch welche Entdeckungen bietet nun Exposure, Walls jüngste Schau, die im Deutsche Guggenheim vier neue Werken des 1946 in Vancouver geborenen Künstlers mit ausgesuchten älteren Arbeiten vereint? Sicher wird der Mut spürbar, die ungebrochene Entschlossenheit, mit der Jeff Wall in seinem Kampf um das triumphierende, perfekte Bild das Risiko zu scheitern ins Auge fasst. Wie die vorangegangenen suchen auch seine neuen Arbeiten nicht die vordergründige Provokation. Trotzdem fordern sie die gängigen Erwartungen heraus. Sie erinnern an den Anfang seiner Karriere, die mit dem fotografischen Tafelbild begann.



Jeff Wall, Men Waiting, 2006
© Jeff Wall


So bringt Jeff Wall in den vier großen Schwarzweiß-Formaten Men Waiting (2006), Tenants (2007), War Game (2007) und Cold Storage (2007) die Fotografie noch einmal als Mittel zur Erneuerung einer Bildtradition in Anschlag, deren Krise sie selbst herbeigeführt hat. Anstatt auf die Malerei zielt er jetzt auf die Hinterlassenschaft der Fotografie der Depressionszeit, die Warteschlangen der Arbeitssuchenden, wie sie etwa durch die Bilder von Margaret Bourke-White und Dorothea Lange bekannt sind. Oder er verweist auf die tristen Reihenhäuser, die Walker Evans hinter einem Kinoplakat entdeckt, auf dem Carole Lombard Love before Breakfast verspricht. Unaufgeregt, ja geradezu beiläufig bringt Wall wieder die Tradition der sozial-dokumentarischen Fotografie ins Spiel, deren Krise in den sechziger und siebziger Jahren durch die Problematisierung der "Straight Photography" nicht zuletzt in konzeptuellen Ansätze wie seiner eigenen inszenierten Fotografie ausgelöst worden war.



Jeff Wall, A view from an apartment, 2004-2005, Tate, London
© 2007 Jeff Wall


Bereits die ersten Fotografien, die Jeff Wall Ende der siebziger Jahre bekannt machten, schockierten auf eine leise, aber nachhaltige Weise. Sie waren inszeniert und provozierten durch ihre erzählerische Haltung. Damit passten sie denkbar schlecht in eine Zeit, die gerade die konzeptuelle Fotografie entdeckt hatte, die standardisierte Alltagsstrukturen in gleichartiger, serieller Folge offen zu legen suchte. Jeff Wall hatte sich immer auch für die theoretische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Ästhetik interessiert und engagiert. In genauer Kenntnis des aktuellen Stands der Diskussion stellte er nun diesen konzeptuellen Ansatz mit seinem alternativen Konzept in Frage. Seine Fotografien zeigten eine jeweils einzigartige, gültige Bildgeschichte. In deutlicher Anlehnung an das große Gemälde der traditionellen Malerei sollte jedes Bild für sich stehen können.



Jeff Wall, A Sudden Gust of Wind (after Hokusai), 1993, Tate, London,
© 2007 Jeff Wall


Eben diese Eigenständigkeit machte es auch angreifbar. Zunächst einmal waren die Bezüge auf die figürliche Malerei des späten 19. Jahrhunderts und auf das klassische Erzählkino fragwürdig - besonders da sich auch das Kino in eben dieser Zeit seiner selbst und seiner Geschichtlichkeit bewusst wurde und an den modernen Roman und die zeitgenössische Kunst angelehnte, anti-narrative Formen entwickelt hatte. Zwar sorgte Jeff Wall immer dafür, dass die eigentliche Handlung in diesen inszenierten, von ihm "cinematografische Fotografie" genannten Arbeiten im Dunkel blieb. Welches "Agreement" wird zum Beispiel auf dem gleichnamigen 1987 entstandenen Bild zwischen dem Mann im Fond des Chevrolet Impala und dem Langhaarigen getroffen, der am Auto lehnt? Doch nicht immer hilft das Rätsel gegen die Gestelztheit mancher Einfälle. Erprobte Formeln und wiederkehrende Manierismen fallen in den stets perfekt arrangierten Bildern, in denen kein Detail dem Zufall überlassen ist, umso deutlicher auf - wie etwa auf einer seiner wohl berühmtesten Arbeiten The Storyteller (1986), die an das häufig zitierte Dejeuner sur l'herbe Édouard Manets angelehnt ist, und indianische Ureinwohner Kanadas beim Picknick unter einer Highway-Brücke zeigt.



Jeff Wall, Concrete Ball, 2002,
© Jeff Wall


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