In dieser Ausgabe:
>> Interview: Jeff Wall
>> Pipilotti Rist
>> Richard Prince - Spiritual America
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Manche ihrer Bilder strahlen eine Art Stillstand aus, eine unheilvolle Ruhe. Sie scheinen einen Moment festzuhalten, nachdem etwas passiert ist, oder nach dem noch etwas passieren wird. Sie selbst aber weisen jede narrative Absicht von sich.

Das Publikum sagt, meine Bilder seien narrativ. Das ist eine sehr gängige Lesart. Ich glaube allerdings nicht, dass das ihre herausragende Qualität ist. Die hat jedes Bild auf die eine oder andere Weise. Jedes Bild macht den Moment davor und den Moment danach unsichtbar. Das Entscheidende ist, was auf dem Bild ist. Das und nichts anderes ist darauf zu sehen. Das eine Bild löscht alle anderen aus, darin liegt seine Schönheit. Wundervoll daran ist, dass der Betrachter seinen eigenen Roman im Kopf darüber schreiben kann, was das Bild bedeutet. Das ist die Bestimmung von Bildern: Sie sind eine Form, die genau das vermag.



Jeff Wall, Passerby, 1996
©Jeff Wall

Sie sagen, die Bedeutung sei völlig dem Betrachter überlassen. Was ist mit den Titeln, mit denen Sie eine zweite Informationsebene neben dem Bild anbieten?

Sehen Sie, solche Titel sind dann schlechte Titel. Wenn ich zurückschaue, stelle ich fest, dass ich einige Male mit Titeln gearbeitet habe, und das erscheint mit heute keine gute Idee mehr. Ein Titel sollte den Betrachter meiner Meinung nach nicht so lenken. Aber wir machen alle Fehler. Trotzdem, bei einigen Bildern würde ich gerne die Titel ändern.


Von welchen denn?

Das spielt keine Rolle, jetzt ist es sowieso zu spät. Aber die meisten Menschen erinnern sich ohnehin nicht an den Titel. Sie sprechen eher von "dem einen Bild mit dem Typ...". Und ich denke, das ist ganz gut so. Den Titel zu vergessen ist eine Art, sich das Bild anzueignen. Man sollte das Bild lesen und nicht das Benutzerhandbuch.

Auf der einen Seite weisen Sie narrative Elemente von sich, gleichzeitig rekonstruieren Sie mit größter Genauigkeit und Ausdauer tatsächliche Begebenheiten. Ein Prozess, der selbst eine Story ergibt.

Richtig, wenn ich eine Woche oder einen Monat an etwas arbeite, dann, weil die Dinge sich währenddessen verändern. Ich entdecke Details über den Gegenstand, über den Ort, über die Tageszeiten – es sind Details, die mir entgingen, wenn ich schneller arbeiten würde. Mir gefällt, dass es langsam geht. Ich empfinde wie ein Maler, bei dem das Ergebnis sich völlig von dem unterscheidet, was er sich am Anfang vorgestellt hat. Ich erlaube mir also einiges an Freiheit.



Jeff Wall, Overpass, 2001
©Jeff Wall

Wie nah bleiben Sie dabei an dem Moment, den sie erlebt haben?

Wenn ich Cartier Bresson oder Gary Winogrand wäre, hätte ich meine Kamera immer dabei und wäre stets auf der Jagd nach einem Motiv. Aber das möchte ich gar nicht. Ich wäre darin wahrscheinlich nicht gut, und ich mag es auch nicht. Trotzdem will ich mir nichts entgehen lassen, also nähere ich mich wie ein Kameramann einer Situation und rekonstruiere sie. Die Rekonstruktion ist beides: wahrheitsgetreu, denn ich versuche, mich so nah an die Tatsachen zu halten wie möglich, und zugleich von Freiheit geprägt, denn sie gestattet es mir, bestimmte Dinge zu ändern. Wie zum Beispiel den Ort, die Tageszeit, die Jahreszeit.

In wie weit interagieren Sie mit den Menschen in ihren Bildern? Zum Beispiel mit den Kindern in War Game?

Das ist ein gutes Beispiel für eine Herangehensweise, wenn auch nicht die einzige: Als ich das Motiv machen wollte, traf ich diese Jungen an einer nahe gelegenen Schule. Von der Schule erhielt ich auch die Erlaubnis, mit ihnen zu arbeiten. Ich ließ sie nach ihren eigenen Vorstellungen Krieg spielen, so wie sie es wollten. Dabei filmte ich sie auf Video und beobachtete ihre Handlungen. Irgendwann beschlossen wir, dass wir ein Fort brauchen, irgendetwas zum Verteidigen. Ich sagte: Wir brauchen eine Festung! Und sie errichteten eine, die wir jeden Tag aufs Neue aufbauten. In den drei Wochen, die das Shooting gedauert hat, suchte ich nach und nach die Elemente aus, die ich wollte. Dieser Moment mit einigen Gefangenen im Fort, einem Wächter und den anderen Jungs, die weglaufen, erschien mir als der interessanteste Augenblick in diesem Spiel. Also konzentrierte ich mich darauf. Aber ich gab den Kindern keine Regieanweisungen. Nur einmal musste ich verbieten, mit der Wasserpistole zu schießen. Ich sagte: "Du bekommst eine Geldstrafe, wenn du nicht aufhörst, die Kinder nass zu spritzen, Gennaro." Schließlich belegte ich ihn mit einer Strafe von fünf Dollar. Es dauerte viele Tage, um etwas Gutes aus ihnen herauszubekommen. Aber am Ende waren sie wirklich toll.



Jeff Wall, War Game, 2007
©Jeff Wall

Welcher Art ist das Verhältnis, das sie zu Ihren erwachsenen Laiendarstellern aufbauen?

Bei dem Bild Men Waiting musste ich überhaupt nichts machen. Sie waren perfekt so wie sie waren. Ich habe höchstens einmal einen an einen anderen Ort gestellt. Wir hatten ein sehr nettes Verhältnis zueinander. Der offensichtliche Grund war zwar, dass sie bezahlt wurden und Frühstück bekamen. Aber ich versuche immer, alle gut zu behandeln, mit denen ich arbeite, denn ich brauche sie ja. Und das merken sie fast immer. Die Leute, mit denen ich arbeite, haben in aller Regel ziemlichen Spaß dabei.

Identifizieren Sie sich mit ihnen?

Ich will es nicht komplett abstreiten, dass ich mich mit ihnen identifiziere, aber ich will auch kein allzu großes Thema daraus machen. Ich bin natürlich keiner von ihnen. Und danach sehen wir uns nie wieder.

Sie haben sich für die Ausstellung im Deutsche Guggenheim für Schwarzweißfotografien entschieden. Warum?

In erster Linie, weil es mir gefällt, und weil ich mehr Schwarzweißfotografie machen will. Aber ich mache nie Pläne, also war es schwer für mich, dem Deutsche Guggenheim zu versprechen: Ich werde genau das und das machen. Ich hoffte einfach nur, eine Bildergruppe entwickeln zu können, die man als Ensemble versteht, obwohl jedes Bild unabhängig ist. Das versuchte ich in Schwarzweiß, und war froh, dass es gelang. Ich habe alle Aufnahmen auch in Farbe gemacht, aber es gab verschiedene Gründe dagegen, die allerdings schwer zu erklären sind.



Jeff Wall, Men Waiting, 2006
©Jeff Wall


Versuchen Sie es trotzdem: Was wäre bei War Game in Farbe anders gewesen?

Es gab zu viel Grün darin. Diese große Rasenfläche hat sehr abgelenkt. Ich habe einfach festgestellt, dass es kein gutes Motiv für eine Farbfotografie ist. Ich habe verschiedene Tests gemacht und festgestellt, dass in Schwarzweiß der Grauton des Grases alles zusammenhält, während das Grün alles auseinanderreißt.

Sie sprechen von zu viel Grün, aber was ist mit der Aussage ihrer Bilder? Die Ästhetik von Schwarzweißbildern verbindet man mit dokumentarischer Fotografie. Sie sind offensichtlich interessiert daran, ein ganz bestimmtes soziales Milieu zu zeigen.

Viele fragen mich "Warum fotografieren sie nicht in ihrem eigenen sozialen Milieu?". Aber das setzt ja voraus, dass Sie wissen, was mein soziales Milieu ist. Oder auch, dass ich mir dessen selbst genau bewusst bin. Ich bin es natürlich in gewisser Hinsicht, aber meine Erfahrungen sind oft andere. Ich kann ein bestimmtes Interesse an der weniger begünstigten Seite der Welt nicht verleugnen, ich fotografiere sie oft. Für Tenants wollte ich ein Motiv außerhalb der Stadt haben, und ich fand dafür das wahrscheinlich schlimmste aller Apartmenthäuser. Die Architektur hat mich fasziniert. Aber ich verwehre mich dagegen, hier eine soziale Fragestellungen zu vermuten. Das interessiert mich nicht.

Was interessiert Sie also an der ärmeren Bevölkerungsschicht?

Zunächst mal: Viele der Dinge, die da passieren, sind nicht so unerfreulich. Die armen Teile der Gesellschaft sind interessant, lebendig, es passieren viele positive Dinge. Aber vielleicht liegt mein Interesse einfach daran, dass Menschen, die härter zu kämpfen haben, weil es nicht gut für sie läuft, interessanter sind. Zumindest für mich. Sie sind gezeichnet vom Scheitern, von Leid, Konflikten, Erfolg, Hoffnung. Die Mischung daraus fasziniert mich mehr als jemand, der Erfolg hat. Was ich zum Beispiel an diesen wartenden Tagelöhnern so mochte, war nicht, dass sie kein Geld hatten. Sondern dass sie voller Energie waren. Sie waren bereit, loszulegen. Sie waren zu haben. Sie hatten einen enormen Willen, etwas zu tun, und das hat mich sehr angezogen. Ja, sie sind arm, sonst wären sie nicht hier. Aber das ist nicht ihre ganze Geschichte.

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