In dieser Ausgabe:
>> True North / Jeff Wall - Exposure / Hans Hartung
>> Double Visions / Bob Dylan

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Rainfilled suitcase (2001) dokumentiert ein gefundenes Objekt. Der mit kariertem Stoff bezogene Holzkoffer liegt auf einem nassen Bürgersteig. In der Wasserlache, die sich darin angesammelt hat, schwimmen Plastikmüll, ein weißer Strumpf und ein schwarzer Büstenhalter. Papiere, Pappbecher und eine zerknüllte Kondomverpackung bedecken den Asphalt. Wall präsentiert dieses desolate Durcheinander, das man im wirklichen Leben kaum beachten würde, wie die moderne Version eines altmeisterlichen Stilllebens in einem Leuchtkasten. Das banale Motiv verwandelt sich in ein Gewirr aus Indizien, in dem ein ganzer Film voller Sex und Gewalt stecken könnte. Die blutrote Häuserwand im Hintergrund verstärkt die Ambivalenz zwischen dokumentarischen und narrativen Elementen zusätzlich.



Jeff Wall, Overpass, 2001
Transparency in lightbox
© Jeff Wall

Wie viele von Walls Arbeiten könnte auch Overpass (2001) das Standbild eines Films sein. Unter einem dramatischen Gewitterhimmel überqueren vier Personen eine Brücke. In ihren billigen Trolleys, Sporttaschen und Plastiktüten scheinen sie ihre gesamten Habseligkeiten mitzuschleppen. Die Gruppe steuert ein gemeinsames Ziel an. Dabei bleibt allerdings jeder für sich, es findet keine Kommunikation statt. Die dunkle Hautfarbe zweier dieser anonymen Reisenden deutet an, dass es sich um Migranten handelt, vielleicht um Menschen auf der Flucht, auf der Suche nach einer neuen Bleibe oder Arbeit.



Jeff Wall, War Game, 2007
© Jeff Wall


Wall zeigt keine Individuen. Es geht ihm nicht um psychologische Einfühlung. Er arbeitet mit Personentypen, die für soziale Phänomene wie Arbeitslosigkeit oder Migration stehen. Gleichzeitig lässt dieser Ansatz dem Betrachter einen größeren Spielraum für die eigene Imagination. Gerade ihre Vieldeutigkeit unterscheidet Walls Arbeiten explizit von gängigen sozialkritischen Ansätzen.

So ist auch War game eine Arbeit, die sich einer eindeutigen Lesart widersetzt. Drei Wochen lang hat Wall mit den Kindern für dieses Bild gearbeitet. Im Zentrum seiner Inszenierung sitzt ein Junge mit einer großen Wasserpistole in der Hand auf alten Autoreifen. Er bewacht einen aus Sperrmüll zusammengestellten Verschlag, in dem drei Jungen wie tot auf dem Boden liegen. Im Hintergrund schwärmen zwei andere aus, um neue Opfer aufzuspüren. Das Spiel der Kinder wirkt alles andere als harmlos. Die Fotografie erinnert unwillkürlich an Nachrichtenbilder von Gefangenen bei Aufständen oder Bürgerkriegen. Einer der liegenden Jungen hat seinen Mund zu einem Lachen – oder einem Schrei – geöffnet. Anders als Tenants oder Men waiting setzt Wall auf War game der Tristesse allerdings auch etwas entgegen. Ragen auf jenen beiden Arbeiten nur dürre, kahle Bäume in die Höhe, die die Nüchternheit der Szenen noch verstärken, steht hinter diesen Kindern eine prächtige Kastanie in voller Blüte – ein Zeichen der Hoffnung.


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