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Schnittstellen zwischen Natur und Zivilisation
True North im Deutsche Guggenheim



Eine Reise ans Ende der Welt: Nord- und Südpol, Berge und Gletscher, Randzonen aus Eis und Schnee. Mit True North präsentiert das Deutsche Guggenheim Werke von sieben zeitgenössischen Künstlern, deren Foto- und Videoarbeiten die sich kritisch mit der Tradition der romantischen Landschaftsmalerei auseinandersetzen.



Thomas Flechtner, Glaspass (Walks #10), 2001
© VG Bild-Kunst, Bonn 2007, 2001 Thomas Flechtner

Kaum ein Bereich der Erde ist so mythologisiert worden wie der Norden. In unseren Vorstellungen ist er immer ein urtümliches, karges Gebiet, in dem der Mensch sich gegen eine grandiose, unberührte Natur verteidigen oder sie als Pionier bezwingen muss. Das Bild des Nordens ist geprägt von den romantischen und heroischen Landschaftsdarstellungen der europäischen und nordamerikanischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts. Es verbindet sich gleichermaßen mit den Anfängen der Fotografie, die ein breites Publikum am Kampf gegen Gletscher und Eis teilhaben ließ: an den legendären Nordpolexpeditionen von Robert E. Peary, Matthew Henson oder Frederick Cook, an der Gründung von Forschungs- und Handelsstationen als Außenposten der "zivilisierten Welt".



Stan Douglas, Nu.tka., 1996 (Installationsansicht)
Foto: Courtesy the artist und David Zwirner Gallery, New York
© Stan Douglas

Diese stereotype Sichtweise wird durch die Gegenwartspositionen von True North hinterfragt, wobei die Ausstellung ganz aktuelle Themen berührt. Gerade heute, in einer Zeit, die von sozialer Unsicherheit und ökologischen Katastrophen geprägt ist, scheint die Sehnsucht nach Zufluchtsorten und Ursprünglichkeit zu wachsen. Zugleich ist man sich der Unmöglichkeit bewusst, den Schattenseiten der Zivilisation tatsächlich zu entkommen. Postulierte Caspar David Friedrich einst, der Maler solle nicht nur malen, was er vor sich, sondern was er in sich sieht, wissen wir heute, dass dieser Blick auf unsere eigene Natur immer kulturell geprägt ist – ein Spiegel unserer Zeit. Dieses Paradox schlägt sich auch in der aktuellen Kunst nieder: Kaum ein anderes Thema hat die junge Szene in den letzten Jahren so inspiriert, wie die kritische Auseinandersetzung mit der Tradition der Romantik. Doch im Gegensatz zu ihren Vorläufern beziehen die Arbeiten von Stan Douglas, Olafur Eliasson, Elger Esser, Thomas Flechtner, Roni Horn, Armin Linke und Orit Raff kritische Standpunkte zu Geschichte, Umwelt und Politik.

Ihr analytisches Interesse gilt besonders den Schnittstellen zwischen Natur und Zivilisation, der Beziehung zwischen Realität und medialer Repräsentation. Den internationaler Künstlern, die an verschiedenen Orten des Nordens gelebt oder gearbeitet haben, geht es um die Frage, wie technologischer und kultureller Fortschritt, Kolonialisierung und die touristische Erschließung entlegener Landstriche unsere Wahrnehmung des Nordens verändert haben. Zugleich dokumentieren die zum Großteil aus der Sammlung des Solomon R. Guggenheim Museums stammenden Werke auch ökologische Zerstörung, die Verdrängung der Kultur von Ureinwohnern, den Verlust ursprünglicher Freiräume und Identität.



Roni Horn, Pi, 1997–98 (Detail),
Solomon R. Guggenheim Museum, New York

Der Horizont – oder dessen Abwesenheit – zieht sich als Leitmotiv durch die Ausstellung. In Pi (1997–1998), einem raumfüllenden Rundpanorama aus Fotografien, beschreibt Roni Horn mehrfache Kreisläufe, die in und um Island ablaufen: ein Paar lässt sich keine Folge der Fernsehserie Guiding Light entgehen, Eiderenten unternehmen ihre Wanderzüge, Tiere verenden und werden ausgestopft.


Olafur Eliasson, The glacier series, 1999
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
© Olafur Eliasson

Olafur Eliassons The glacier series (1999) arrangiert 42 Bilder eines Gletschermassivs, aufgenommen aus einem Propellerflugzeug, in Form eines seriellen Rasters. Der gegen den Bildrand gedrängte Horizont unterbindet romantische Assoziationen. Hingegen bleibt die Grenze des Blickfelds in Elger Essers Ameland-Pier X, The Netherlands (2000) das einzige wahrnehmbare Merkmal einer entmaterialisierten weißen Meereslandschaft.



Elger Esser, Ameland-Pier X Courtesy Elger Esser,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Andere Werke, etwa Palindrome (2001) von Orit Raff oder Glaspass (Walks #10) (2001) von Thomas Flechtner, machen deutlich, wie aussichtslos alle Annäherungen an die Nordwelt sind, die extreme Anforderungen an die Handlungs- und Überlebensfähigkeit des Menschen stellt. Die Darstellerin in Raffs Video stapelt zwanghaft Filzmatten, um Wärme zu erzeugen. Ihr vergebliches Bemühen mutet noch rätselhafter an, wenn man es mit den simultan ablaufenden Filmaufnahmen eines Kojoten vergleicht, der gewandt sein eisiges Revier durchstreift.


Orit Raff, Palindrome, 2001 (film still)
Courtesy the artist and Julie Saul Gallery
© Orit Raff


Flechtner, der häufig ferne Weltgegenden aufsucht, stellt die menschliche Anwesenheit in der Nordlandschaft infrage. Seine Fotoarbeit Glaspass (Walks #10) dokumentiert die Skispur, die der Künstler in die topografische Kontur eines Schneehangs gezeichnet hat. Im Gegensatz dazu vergnügen sich die Skifahrer in Armin Linkes Ski Dome, Tokyo, Japan (1998) im künstlichen Norden einer inzwischen abgerissenen Skihalle am Rande Tokios.



Armin Linke, Ski Dome, Tokyo, Japan (from the Global Box series, 1998–2000), 1998
Photo: Courtesy Galleria Marabini,
© Solomon R. Guggenheim Museum, New York
© Armin Linke

True North untersucht darüber hinaus die Funktion des Nordens als Ort des politischen Konflikts und der historischen Verdrängung. In der Videoinstallation Nu•tka• (1996) deckt Stan Douglas innere Widersprüche in der Wildnis Westkanadas auf, indem er zwei versetzte Filmaufnahmen des entlegenen Gebiets überblendet und mit Texten, unter anderem aus Entdeckerberichten des 18. Jahrhunderts, kombiniert. Douglas charakterisiert den Norden als Stätte eines traumatischen Verlusts, dessen Landschaft von der menschlichen Zwietracht gezeichnet ist.

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