In dieser Ausgabe:
>> Stan Douglas im Interview
>> Karen Kilimnik
>> Elger Esser
>> Adriana Czernin

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Die Fotografien der Serie Nootka Sound, die ich dort 1996 realisierte, sind teilweise als Kommentar zur kanadischen Landschaftsmalerei zu verstehen. Sie zeigt oft leere, unbewohnte Landschaften, die für eine kommerzielle Ausbeutung oder als Projektionsort für europäische Fantasien bereitstehen. Klassisches Beispiel dafür sind die Arbeiten der Group of Seven mit ihren Gemälden vom Algonquin Park. Wenn Leute, die diese Gegend nicht kennen, sich deren Bilder anschauen, denken sie oft, sie sähen eine makellose, unberührte Landschaft. Aber jeder, der diese Art von Gegend kennt, sieht, dass sie mindestens einmal abgeholzt worden ist. Meine Fotoarbeiten heben bestimmte menschliche Eingriffe hervor: Jahrtausende alte Felszeichnungen, steinerne Fischfallen, die Hunderte von Jahren alt sind, und Spuren der europäischen Gewerbetreibenden aus den letzten Jahrhunderten.





Stan Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996,
© Stan Douglas


Aber in der Videoprojektion löschen Sie die Hinweise auf die Industrialisierung aus und erschaffen das Bild einer entlegenen Landschaft, das sich nur dann klärt, wenn die Interferenzen zur Ruhe kommen. Es ist eine doppelte Auslöschung, bei der die Elektronik ein völlig virtuelles Bild entstehen lässt.

In den Fotografien sind diese Hinweise ganz klar vorhanden. In meiner Videoarbeit Nu.tka. ist das offensichtlich nicht der Fall, denn sie setzt sich ja auch mit einer bestimmten Art von Blindheit auseinander. Es gibt besondere Umstände, in denen Menschen auf Grund ihrer Vorurteile nicht erkennen, was geschieht. Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Auf den Fotos sind die Spuren vergangener und heutiger Besiedlungen klar zu erkennen. In der Videoarbeit könnte man die Landschaft - mit der Ausnahme der Kahlschläge, die gelegentlich zu sehen sind - für die des späten 18. Jahrhunderts halten, in der Colnett und Martinez ihren Konflikt austrugen, besonders dann, wenn der Rastereffekt über dem Bild liegt. Nur wenn die beiden Gegner ihre Texte synchron rezitieren, erhält die Szene eine gewisse Klarheit. In dem Skript sind Motive aus der europäischen Schauer- und Kolonialliteratur miteinander verwoben. Sobald sie aber anfangen, ihre persönlichen Geschichten und Meinungen zu schildern, ihr Unfähigkeit, die Situation, in der sie sich befinden, auszuhalten oder zu verstehen, beginnt sich das Bild wieder zu verschwimmen.



Stan Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996,
© Stan Douglas

Die Geschichte, die Sie über das Geschehen am Nootka Sound im späten 18. Jahrhundert erzählen und die Sie auch in mehreren Katalogbeiträgen geschildert haben, ist erstaunlich detailreich und komplex. Erfahren eigentlich schon Schulkinder vom Nootka Sound, der Nootka Kontroverse und den Nootka Verträgen?

Mittlerweile vielleicht, aber als ich ein Kind war, erfuhr ich nichts von dieser Geschichte - und auch nichts über den Mord an dem Tsilhqot'in-Häuptling Klatsassin, eine historische Figur, über die ich 2006 eine Arbeit gemacht habe. Dieser Mord ist für die Menschen aus Chilcotin-Cariboo noch immer von immenser Bedeutung und deshalb wird dieses Geschehen auch an den dortigen Schulen behandelt, aber wahrscheinlich nicht in Vancouver oder anderswo.

Historisch ist Ihre Arbeit in den Tagen unmittelbar vor der Französischen Revolution angesiedelt.

Ich glaube, Colnetts beschlagnahmtes Schiff, die Argonaut, wurde am 14 Juli 1789 nach New Spain geschickt - also am Tag, als die Bastille gestürmt wurde.

Die Aristokratie war damals in einer sehr schwachen Verfassung, auf jeden Fall wenn man den psychologischen Zustand der beiden Erzähler betrachtet: der Brite sitzt im Zustand geistiger Verwirrung in Haft, der Spanier ist völlig frustriert.

Martinez war frustriert, weil die Hälfte seiner Mannschaft an Syphilis erkrankt war und er befürchtete, dass die Russen oder Amerikaner jeden Moment auftauchen könnten, um ihm seine Ansprüche streitig zu machen. Er dachte auch, er wäre als Repräsentant seiner katholischen Majestät jemand ganz besonderes, während Colnett für ihn nur der Vertreter eines kommerziellen Unternehmens und nicht des Empires war.



Stan Douglas, View of Clearcuts from Blowhole Bay,
aus der Serie "Nootka Sound", 1966,
© Stan Douglas


Stan Douglas, Collapsed Structure at McBride Bay,
aus der Serie "Nootka Sound", 1966,
© Stan Douglas

Und er träumte davon, die ganze Westküste in eine spanische Kolonie zu verwandeln.

Das war sein Plan, als er aber nach San Blas zurückkehrte, um sein Vorhaben vorzustellen, war dort der Tod von Häuptling Callicum schon bekannt und er wurde deswegen geächtet.

Sehen Sie eine Wechselbeziehung zwischen der Chronologie dieser historischen Ereignisse, und der Situation der Protagonisten, die dort im Stich gelassen wurden - wie Sie es in der Tonspur von Nuotkao beschreiben?

Ich denke die Beiden beschreiben sowohl ihre gegenwärtige Situation wie auch vergangene Ereignisse - wie sie dahin kamen wo sie sich jetzt befinden. Sie können diese Situation nicht verstehen. Sie versuchen, ihre Handlungen zu rechtfertigen und herauszufinden, wie sie in dieses Dilemma geraten sind. Colnett ist Monate gereist, um dorthin zu kommen und seine Ansprüche auf das Land anzumelden. Er hat die Geschichte aber total verpfuscht. Martinez hatte weder genügend Männer, um sich des englischen Schiffs und dessen Crew zu bemächtigen, noch um sich mit anderen Eindringlingen auseinander zu setzen. Beide steckten also in einer sehr angespannten Position. Wir fanden eine Menge Quellenmaterial zu den Ereignissen, denn sie schworen ja fast einen Krieg zwischen Spanien und England herauf. Deshalb konnten wir aus den Tagebüchern von Colnett and Martinez zitieren, die bei dem Gerichtsverfahren als Beweismittel dienten.

Welche Rolle spielten die Indianer, die Angehörigen der First Nations?

Auf sie wird ständig verwiesen, denn der Grund für die Anwesenheit der Europäer bestand in erster Linie im Handel mit Seeotterfellen - die besten Exemplare wurden ja für 4000 Dollar verkauft. Als Resultat der Auseinandersetzung, bei der Häuptling Chief Callicum ermordet wurde, zogen sich Maquinna und seine Leute allerdings völlig entsetzt nach Yuquot zurück. Deshalb befanden sich die Europäer ganz allein in einer Art Geisterstadt.

Sie betrachten die Angehörigen der First Nations als die eigentlichen Eigentümer des Landes, denn sie besaßen es seit vielen Tausend Jahren.

Was das Werk anbetrifft, ist ihre Abwesenheit sehr präsent. Sie waren da um zu handeln, aber nicht um sich demütigen oder ermorden zu lassen. Für Martinez und Colnett besitzen sie eine fremdartige Präsenz, die man paradoxerweise als eingeboren bezeichnen kann.



Stan Douglas, The Spanish Well at Yuquot,
aus der Serie "Nootka Sound", 1966,
© Stan Douglas

Was bedeutet "Nu.tka." eigentlich?

Nu.tka. ist nicht wirklich ein Wort, es sind zwei Silben, mit denen normalerweise Wörter beginnen, die sich auf "umher bewegen" oder "umdrehen" beziehen. Als Captain Cook mit Maquinna zusammentraf und ihn fragte, wie der Name der Gegend und seines Volkes lautet, antwortete ihm Maquinna, für den dies ja der erste Kontakt mit Engländern war und deren Sprache er nicht verstand, etwas, das mit den Silben nu.tka. begann. Er wollte ihm wohl mitteilen, dass Cooke mit seinem Schiff umkehren sollte, denn Resolution Cove war kein guter Platz, um dort zu ankern. In Nuotkao ist die Kamera genau auf dem Verteidigungsareal der Spanier aufgebaut. Sie ist das Objekt, das sich dreht und "umher bewegt".



Stan Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996,
© Stan Douglas

Was bedeutet der Norden für Sie? "True North", der Titel der Ausstellung im Deutsche Guggenheim, ist ja sehr bedeutungsträchtig.

Es gibt dieses berühmte Radiohörspiel des Pianisten Glenn Gould, The Idea of North (1967), das er als "kontrapunktisches Radio" bezeichnete. Er führte darin Interviews mit verschiedenen Leuten, die in den entlegenen nördlichen Regionen Kanadas lebten, und mischte sie "kontrapunktisch" zusammen, sodass die Stimmen einander wie bei einer Fuge überlappten. Ich hatte es damals noch nicht gehört, aber die Idee von The Idea of North hat mich bei der Arbeit an Nu.tka. wohl beeinflusst. Der Norden ist eine Abstraktion. Er ist nicht wirklich ein Ort, sondern er setzt uns mit allen nicht nördlichen Orten in Beziehung. Nur wenige sind je am Nordpol gewesen, doch zu wissen, wo er ist, zeigt uns, wo wir uns auf der Erde befinden und wohin wir uns bewegen.


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