In dieser Ausgabe:
>> Stan Douglas im Interview
>> Karen Kilimnik
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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Elger Essers melancholische Landschaften




Elger Esser, Ameland-Pier X
Courtesy Elger Esser © VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Ein schier unendlicher Horizont, an dem Himmel und Meer miteinander verschmelzen: Mit der eindrucksvollen Aufnahme eines Nordsee-Piers ist Elger Esser bei der Ausstellung True North im Deutsche Guggenheim vertreten. Die Arbeiten des deutschen Fotokünstlers lassen die Erhabenheit romantischer Landschaftsmalerei sowie alte Bildpostkarten anklingen. Doch Esser ist alles andere als ein sentimentaler Nostalgiker. Ein Essay von Alexander Pühringer.



Elger Esser, 75 Saint-Jean de Luz, 2004
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg/Paris


Die Romantik ist ein epochales, bis heute nachwirkendes Syndrom in der Kultur. Vor allem in der Geistesgeschichte Deutschlands verfestigt sich dies im Grenzgebiet der südwärts gerichteten Antikensehnsucht des Idealismus bei Winckelmann, Goethe und Schiller - und der dräuenden Erhabenheit des Eises und der immerwährenden Nacht des europäischen Nordlandes. Der deutsche Künstler Elger Esser überprüft mit seinen Landschaftsaufnahmen immer wieder die Dauer und Haltbarkeit eines Naturbegriffs, der über die Erhabenheit des psychischen Erlebens hinausweist und mit der Öffnung der Bildebene ins Grenzenlose die Religionsdefinition Schleiermacher als "Sinn und Geschmack fürs Unendliche" konkretisiert.



Elger Esser, Piriac sur Mer, Frankreich, 2006
Sammlung Deutsche Bank


Naturerleben ist im Verständnis - zumindest in der Hochphase - der Gründungsromantiker Clemens Brentano, Achim von Arnim und Joseph Görres ein Weihespiel der Götter. Es geht um das Entdecken von ungeahnten Landschaften, die als Ideenzünder für ganze Buchkonvolute herhalten dürfen. Die Welt wird immer noch vermessen, der Wald und das Meer und die Flüsse bergen noch -zuweilen schreckliche - Geheimnisse, die entlockt werden wollen.



Elger Esser, 11, Ault, 2004
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg/Paris


Der Wunsch des Eingebettetseins in ein Weltganzes, ein Zuhause eben, findet in Elger Essers Idyllestudien eine umgekehrte Entsprechung. Die Spuren der Zivilisation dringen noch sehr verhalten in das Bildganze ein und werden, wenn ansatzweise lokalisierbar, nicht künstlich wegretuschiert. Eine Ahnung vom Ursprung der Welt ist immer noch vorhanden in diesen verwischenden und anheimelnden Sehnsuchtsbildern einer Welt, in die noch kein Zerstörungs- und Verfallprozess hereinragt und die zivilisatorische Emporschwingung des Menschen noch eins ist mit den Zyklen der Natur.



Elger Esser, 268 Le Havre II, 2006
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg/Paris

Wie die Romantiker Lieder sammelten für Des Knaben Wunderhorn, um Kulturgut zu bewahren, so hat auch Elger Esser über viele Jahre Postkarten tausendfach gesammelt, um einer verschwindenden Welt noch habhaft werden zu können - wenn auch nur im katalogisierten Panorama. Dabei scheut er nicht die Darstellung der Schrecken der Natur und ihrer Übermacht dem Menschen gegenüber: sei es in der überschäumenden Gischt der Meeresbrandung im Sturm oder in Gestalt einer Serie von an der Küste zerschellten Schiffswracks, die er - auf Großformat übertragen - handkolorieren lässt und damit den Versuch bildhaft bannt, sich der vergangenen Zeit wieder anzunähern.



Elger Esser, 4027 Biarritz, 2005
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg/Paris


Wie Torquato Tasso am Ende von Goethes Drama das Künstlerdasein mit dem immer wieder gestrandeten Schiff vergleicht, das sich dennoch beharrlich auf die See hinaus zurück begibt, um wieder zurückgespült zu werden, so arbeitet sich Elger Esser in seiner künstlerischen Praxis an der entrückten Naturerfahrung des Menschen ab. Diese geht uns zusehends verloren, angesichts der Auflösung des Individuums in den virtuellen Simulationswelten, die Jean Baudrillard mit dem symbolischen Tausch und dem Tod gleichgesetzt hat. Dennoch ist Esser als der in Rom aufgewachsene Sohn einer Fotografin und eines Dichters kein nostalgischer Romantiker, er ist ihr Spurensucher im Eigentlichen. Ästhetische Grundparameter wie Auflösung, Entgrenzung und Unendlichkeit versteht er nicht wie Caspar David Friedrich als künstlerische Praxis der Weltenträtselung, sondern er betätigt sich als Nach-Wanderer, als ein Nach-Reisender, ein Nach-Denkender.



Elger Esser, 2007, Frankreich, 2007
Courtesy Elger Esser

Restaurative Gesellschaftstheorien stehen ebenso wenig Pate für seine Veduten und Landschaften wie pseudoreligiöse Ersatzphantasien des heutigen verlorenen Individuums. Die Melancholie, die in vielen seiner Bildfindungen eingeschrieben ist, hat etwas mit Verlust an Erinnerung zu tun, einer Vergegenwärtigung, dass vieles wohl endgültig verloren ist und nicht wiederkehren wird. Denn bei allen Unendlichkeitstheorien des Universums, das sich ununterbrochen ausdehnt, so ist doch die Endlichkeit der Zeit im Leben stets manifest. Das macht ihren Zauber aus, ihre Verführung und ihre Schönheit. Wie Rilke es definiert, das Schöne, das an das Schreckliche stets angrenzt, sind Elger Essers Bilder keine romantisierenden Kitschformationen, sondern ihnen ist stets auch Trauer und Verlustbewusstsein ein ästhetisches Anliegen. Sein ästhetisches Unterfangen korreliert hier durchaus mit der Antikensehnsucht des deutschen Idealismus, seine Götter archaisch zu benennen.


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