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Es gehe ihm darum, herauszuarbeiten "wie die geometrischen Formen der Avantgarde ihre ganz pragmatische Anwendung finden", erklärte Osmolovsky die Auseinandersetzung mit den Kriegsmaschienen. Und tatsächlich scheint sich in den reduzierten Formen seiner Panzer die Ästhetik der russischen Revolutionskunst zu spiegeln. So als ob der militante Geist der frühen Avantgarden – so bezeichneten die Futuristen den Krieg als die "einzige Hygiene der Welt" – in diesen goldschimmernden Fetischen eingeschlossen wäre. Ihre auf Hochglanz polierte Oberfläche, in der sich Galerieräume und Betrachter spiegeln, verleiht ihnen eine undurchdringliche Präsenz. Die Vielschichtigkeit und ästhetische Konsequenz der Serie überzeugte dann auch alle Experten der internationalen Jury.


Anatoly Osmolovsky, Goods,
Installationsansicht documenta 12, 2007,
© Anatoli Osmolowsky;
Foto Roman März / documenta GmbH,
Courtesy Stella Art Foundation


Ein Höhepunkt der Preisverleihung war die Soloperformance, mit der Robert Wilson das Publikum im Winzavod Center begeisterte. Das neue Moskauer Kunstzentrum ist kein unbekanntes Terrain für den amerikanischen Künstler und Regisseur, denn schon im September hielt er dort seinen Vortrag A Still Life is a Real Life. Seit Eröffnung Anfang 2007 hat sich der weitläufige Komplex rasch zu einem Fixpunkt der boomenden russischen Kunstszene entwickelt. In der ehemaligen Weinkellerei haben sich wichtige Galerien angesiedelt, im Rahmen der 2. Moskau Biennale wurden hier allein fünf Projekte realisiert.

Wilson überreichte auch den mit 10.000 Euro dotierten Preis in der Kategorie "Bestes Medienkunst-Projekt" an Vladislav Mamyshev-Monroe. Der in 1969 in Leningrad geborene Performer, Fotograf und Filmer hat schon die unterschiedlichsten Charaktere verkörpert – nicht nur seine Namenspatronin Marilyn Monroe. So posierte er in seiner umstrittenen Fotoserie StarZ (2005) als Osama Bin Laden, Adolf Hitler, Tutanchamun oder Papst Benedikt XVI. vor dem Kreml. Respektlos und radikal – Vladislav Mamyshev-Monroe erscheint als typischer Vertreter einer "Post Sowjet Art", die gesellschaftliche und politische Tabus mit beißendem Witz ins Visier nimmt. Kein Wunder, dass auch er schon Bekannschaft mit staatlicher Zensur gemacht hat: seine StarZ erhielten Ausreiseverbot und die Schau Learning from Moscow in der Städtischen Galerie Dresden musste ohne sie auskommen.



Vladislav Mamyshev-Monroe, aus Volga, Volga, 2006

Mamyshev-Monroes Beitrag für den Kandinsky Prize war nicht ganz so provozierend. Für Volga, Volga nahm er sich den gleichnamigen Film vor, eine der erfolgreichsten Musikkomödien der Stalinära. Die Hauptrolle – eine musikbegeisterte Provinz-Postbotin, die mit ihrem selbstkomponierten Lied bei einem Moskauer Gesangswettbewerb triumphiert – verkörperte die Lieblingsschauspielerin des Diktators, Ljubov Orlova. In der neuen Version des Films klingt das Balalaika Orchester wie eine atonale Death Metal Band. Und auf Orlovas Schultern sitzt der Kopf von Mamyshev-Monroe, der ihre Texte spricht, Look und Mimik des populären Filmstars imitiert. Seine Travestie führt das süßliche Singspiel ad absurdum – und lässt gleichzeitig den Terror des stalinistischen Regimes anklingen, vor dessen Hintergrund der Film entstand.



Nachwuchstalente: Peter Goloschapov und Vladlena Gromova mit
Shalva Breus, dem Herausgeber von Artchronika


Im Rahmen des Kandinsky Prize werden aber nicht nur etablierte Künstler vorgestellt, die wie Mamyshev-Monroe schon auf internationalen Ausstellungen zu sehen waren. Auch vielversprechende Nachwuchstalente werden gefördert. Wie die Gewinnerin in der Kategorie "Bester junger Künstler", Vladlena Gromova, die noch am Internationalen Slavischen Institut in Petrozavodsk studiert. Mit "typisch weiblichen" Utensilien – Maskara, Eyeliner, Lippenstift – malt in ihrem zweiminütigen Video Portrait eine Hand Augen und Mund auf ein weißes Tuch, hinter dem sich ein Gesicht verbirgt. Dann hält sie einen Apfel vor den aufgemalten Mund. Der reale, hinter dem Tuch verborgene Mund schnappt danach und zerkaut die symbolbeladene Frucht. Für ihre humorvolle wie verblüffende Auseinandersetzung mit dem Thema Porträt und der Konstruktion von Geschlechterrollen erhielt Gromova ein dreimonatiges Stipendium in der Villa Romana. Das Künstlerhaus in Florenz – ältestes kulturelles Engagement der Deutschen Bank – fördert wie der Kandinsky Prize gezielt junge Kunst. Mit dem Gastaufenthalt der Prämierten wird auch die internationale Vernetzung der Villa Romana weiter ausgebaut.



Vladlena Gromova, Portrait, 2007 (Videostill),
© Artchronika

Bei der Auszeichnung der nominierten jungen Künstler war aber nicht nur die Fachjury gefragt. Auf der Website des Kandinsky Prize konnten die Ausstellungsbesucher selbst aktiv werden und ihren Favoriten wählen. Den Publikumspreis, 5.000 Euro, erhielt der 1982 geborene Moskauer Peter Goloschapow. In seinem Projekt City of Many Faces setzt er sich mit dem Thema jugendliche Subkulturen auseinander. Auf den comicartigen, aquarellierten Zeichnungen drängen sich Punks, Hip-Hopper, Skinheads. Die Protagonisten seiner Papierarbeiten, die von aus Abfällen gefertigen Skulpturen ergänzt werden, beweisen, dass all die verschiedenen jugendlichen Identitätsmodelle des Westens längst auch in Russlands Städten adaptiert werden.

Der zweisprachige Katalog Kandinsky Prize 2007 stellt die nominierten Künstler vor und ist im Novosti Printing House erschienen (ISBN 978-5-903489-05-3).

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