In dieser Ausgabe:
>> Re-Reading the 80s
>> Tim Rollins & K.O.S.
>> Barbara Kruger
>> Interview Rainer Fetting

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Sie haben mal gesagt: "Ich mache keine Kunst, ich mache Kunstgeschichte".

Auf der Kunsthochschule konnte ich Kollegen nicht ernst nehmen, die ihren Professoren nacheiferten, Studenten, die malten, was damals in Mode war, Beuys oder Cy Twombly zum Beispiel. Ich wollte etwas machen, das neu ist, was einschlägt, etwas Eigenständiges, und etwas, das die Zeit reflektiert. Kunstgeschichte eben.

Hatten Sie keine Idole? Kirchner und die Maler der Künstlergruppe Die Brücke vielleicht? Van Gogh, den Sie immer wieder malten?

Natürlich waren die Brücke-Künstler völlig wichtig. Mich interessierte der Expressionismus durch die gesamte Kunstgeschichte - Velasquez, Goya , El Greco, van Gogh, Picasso - bis hin zum Abstrakten Expressionismus der New York School und Andy Warhol. Was bei den Amerikanern abstrakt war, wollte ich mit meiner Malerei wieder gegenständlich machen. Mark Rothko und Willem de Kooning waren für mich total wichtig, und meine Bilder sind durch diese Malerei hindurchgegangen.



Rainer Fetting,
Van Gogh Gauguin - Rückkehr der Giganten, 1980,
Sammlung Deutsche Bank

Haben Sie das Gefühl, bei den jüngeren Malern geht heute etwas weiter?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich fand jetzt die Ausstellung von Peter Doig in London malerisch ganz interessant. Es gibt in den Bildern eine spookige Atmosphäre. Energie sehe ich zum Beispiel auch bei Norbert Bisky, dessen Bildauffassung aber in eine andere Richtung geht. Doch dem traue ich noch was zu.

Der Kunstmarkt hat sich verändert …

Das weiß ich nicht. Hysterisch war der Kunstmarkt damals auch. Als ich zu Erfolg kam, da wurden auch ständig neue Künstler etabliert. Es gibt immer Widerstände, gegen die man sich geistige und finanzielle Freiheit erkämpfen muss. Als Künstler steht man ständig im Konflikt zwischen dem inneren Ausdruckswillen und dem gewohnt Erfolgreichen, was die Galerie abfragt. Weigert man sich oder macht man mit? Geld braucht man ja auch, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln und unabhängiger zu werden. Ich erinnere mich aber nicht daran, wirklich Kompromisse gemacht zu haben. Deshalb hatte ich auch oft genug Schwierigkeiten mit Galeristen in meiner Laufbahn.

Wie wurden Sie entdeckt?

1979 muss das gewesen sein. Ich stand an der Bushaltestelle auf dem Weg zum Arbeitsamt, als Salomé mir Bescheid gab, dass Heiner Bastian mit dem Schweizer Sammler Thomas Ammann in die Galerie am Moritzplatz kommt. Ammann war ganz aufgelöst und hüpfte fröhlich im Kreis herum. Er kaufte auf einen Schlag vier Bilder. Später wurde Bastian mein Manager und hat mich an internationale Galerien vermittelt. Warteschlangen gab es damals noch nicht. Meine Bilder verkauften sich, glaube ich, eher schwer.



Vorbereitung zur ersten Ausstellung
"Figur und Portrait"
in der Galerie am Moritzplatz, 1978
©Rainer Fetting


Doch plötzlich waren Sie ein berühmter Maler. Sie haben in Wilhelmshaven, wo sie geboren wurden, eine Ausbildung zum Tischler gemacht. Lag da die Bildhauerei nicht näher?

Die Bildhauerei gab es erst später. Am Anfang stand die Faszination für das Bild.

Warum sind Sie 1983 nach New York gezogen?

Ich war deprimiert in Berlin: Wir Künstler trafen uns stets an denselben Orten, im Exil oder im Dschungel, und überall sah man die gleichen Leute. Der alte Freundeskreis ging kaputt. Mit dem Erfolg kam viel Neid ins Spiel. Ich war zwar der letzte, der in einer Galerie unterkam, dann aber war ich bei den Top-Galeristen untergebracht. Nach einer Konzerttournee inklusive Gemeinschaftsausstellung mit Salomé und Castelli in Frankreich hatte ich dann Alkohol- und Drogenprobleme und war ziemlich fertig.



Rainer Fetting, NY Kids, 2003
Courtesy Galerie Deschler, Berlin,
©Rainer Fetting/V.G. Bild-Kunst



Und in New York standen Sie plötzlich ohne Galerie da. Warum?

Bevor ich nach New York ging, hatte ich Ausstellungen bei den großen Galeristen: Bruno Bischofberger, Mary Boone, Anthony d'Offay und noch mehr kamen hinzu. Damals gab es viel Stress und Bedrängnis, was besonders für einen Jungkünstler schwierig ist. Die Zeit überschlug sich, ständig wurden neue Talente ausgehoben, andere wurden übervorteilt, ich fühlte mich zurückgesetzt, und traf dann entsprechende Entscheidungen. Schließlich stand ich dann ohne Galerie da.

In Amerika kannten Sie erstmal niemanden?

Doch, dort besuchten mich einige einheimische Künstler, besonders Graffitimaler. Ich hatte aber kaum noch Interesse an Malerkontakten. Nur auf ein Gemeinschaftsprojekt ließ ich mich ein, mit dem Graffitimaler Daze. Die ersten Bilder, die ich in New York malte, Arbeiten wie "The New York Painter", sieht man den Graffitieinfluss an.


Rainer Fetting, Desmond and Ginger, 1999,
Sammlung Deutsche Bank

Sie fanden in der neuen Stadt neue Motive, die gelben Taxis, die U-Bahnen …

Das war später. Ganz wichtig: Ich lernte Desmond kennen, der mir bis heute Modell steht. New York war was ganz anderes als das am Ende sehr biedere, spießige Berlin. Es war damals aufregend, New York zu entdecken: die Schwulenszene, die abenteuerliche Stadtlandschaft mit den Piers, und draußen vor dem Fenster streunten herrenlose Hunde rum. New York hatte etwas Unbehaustes. Es war wie in der Wildnis. Ich begann, Wölfe zu malen. Dazu kamen die Bilder der verlassenen Piers und die Holzbilder-Serie, für die ich das Holz von den Piers verwendete.


Rainer Fetting, Iron Man, 1983,
Sammlung Deutsche Bank

Schwules Begehren drückt sich in Ihrer Kunst aus, in den Männerakten, in den Duschbildern.

Meine Bilder sind aus der Faszination für Malerei entstanden. Dabei habe ich mein Umfeld sowie Geschichte für meine eigene Malerei genutzt. Da mich der männliche Körper auch erotisch fasziniert, ist er selbstverständlich in die Bilder mit eingegangen.

Nach dem Fall der Mauer, gingen Sie nach Berlin zurück. Die 80er waren nicht nur kalendarisch, sondern auch als Lebensgefühl vorbei.

Auch New York war nicht mehr das, was es vorher war. Es wurde bürgerlicher und aufgeräumter. Ich hatte das Glück, immer dort gewesen zu sein, wo es aufregend war und Umbrüche stattfanden.


Rainer Fetting, Südstern, 1989
Courtesy Galerie Deschler, Berlin,
©Rainer Fetting/V.G. Bild-Kunst

Die Mauer faszinierte Sie: Sie taucht auf vielen Ihrer Bildern von Ihnen auf.

Ich wollte Mitte der 70er Jahre nach Berlin, weg aus dem spießigen Westdeutschland. Die Mauer war ein Teil des Lebens in Berlin gewesen, zumal, wenn man gleich um die Ecke wohnte. So wie ich sie gemalt hatte, war es damals ein Tabu und verpönt.

Sie lebten in den 80ern im Bezirk Kreuzberg, und der war durch und durch politisiert. Es war die große Zeit des Häuserkampfs.

Wir Maler waren schon alt eingesessene Kreuzberger, als die Hausbesetzer alle frisch aus Westdeutschland zur Randale anreisten. Die wohnten gegenüber, als Bischofberger mit seiner Limousine bei mir in der Oranienstraße vorfuhr. Da hatte ich natürlich Angst. Die kamen von außerhalb und verbreiteten Terror.

Alles in allem klingt es nicht so, als würden sie die 80er vermissen.

Es gab viel Kampf und Neid und Existenzängste, aber im Rückblick stellt sich das alles eher als aufregende Zeit dar. Es war eine kreative Atmosphäre. Wir alle hatten Glück, dass wir keinen Krieg erleben mussten.


Rainer Fetting, Jungen am Meer (Sylt), 2007
Courtesy Galerie Deschler, Berlin,
©Rainer Fetting/V.G. Bild-Kunst

Sind Sie es leid, so häufig mit Ihren Anfängen am Moritzplatz in Verbindung gebracht zu werden?

Nein, da ich in der Zeit wichtige Bilder malte. Leid bin ich falsches Mitgefühl, das eine wirkliche Beschäftigung mit meiner Arbeit nicht ersetzen kann.

Sind Sie verbittert?

Vor allem bin ich besonders stolz auf das, was ich auf die Beine gestellt habe und das auch in den ganzen Zeiten nach dem Moritzplatz. Leider ist meine Arbeit wohl nicht genügend bekannt. Um dem abzuhelfen gebe ich mir weiterhin Mühe, die Lücken zu schließen und meine Arbeiten noch zugänglicher zu machen.



Rainer Fetting, Selbstportrait, 1985,
Sammlung Deutsche Bank

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